+
Der Krieg ging weiter: Erich von Falkenhayn (6. von links) etwa 1916 an der rumänischen Front.

Erster Weltkrieg

Er konnte nur Krieg

Am 18. November 1914 gab es Bestrebungen, den Ersten Weltkrieg zu beenden. Sie wurden fahrlässig verspielt. Im Mittelpunkt: Der schneidige Karriere-Offizier von Falkenhayn.

Von Stefan Jakob

An diesem trüben Buß- und Bettag, dem 18. November, dringt die Sonne nur selten bis ins Rathaus von Charleville in den Ardennen. Im dortigen Hauptquartier der Deutschen will General Erich von Falkenhayn dem Kanzler endlich die miserable militärische Lage des Heeres offenbaren und eine Friedensinitiative fordern. Konnte Falkenhayn als Chef des Generalstabs – genau heute vor hundert Jahren – eine Chance auf Frieden eröffnen und damit auch die spätere Ausweitung zum Weltkrieg abwenden? Nicht wer angefangen hat, ist also die Frage (die bis heute weiterhin diskutiert wird), sondern wer einen Weg zum Frieden weisen konnte – selbst wider Willen. London liegt auch im Nebel, in Bordeaux zeigt sich die Sonne, kalt ist es in Washington.

Frühmorgens an diesem denkwürdigen 18. November 1914 ordnet Falkenhayn an, den gescheiterten Angriff auf Ypern zu stoppen. Die Westfront erstarrt endgültig im Stellungskrieg, die Munitionsvorräte reichen noch allenfalls Wochen. Tage zuvor sind bei Langemarck tausende schlecht ausgebildeter Soldaten, soeben noch Studenten, von ihren Offizieren ins Feuer englischer Maschinengewehre geschickt und getötet worden. Der deutsche Heeresbericht lügt das zum erfolgreichen Opfergang hoch. Auf beiden Seiten fallen über 4000 Soldaten an jedem Tag, auch an den Feiertagen.

Der 53-jährige Falkenhayn, ein schneidiger, unnahbarer Karriere-Offizier und seit September der deutsche Feldherr, ist zu der Überzeugung gelangt, dass der Stellungskrieg mit zwei Fronten gegen das Dreier-Bündnis Frankreich, England, Russland nicht mehr zu gewinnen ist. Das Eingeständnis kommt schon einer Art von Kapitulation nahe – vier Jahre vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, im November 1918.

Reichskanzler Theobald Bethmann Hollweg, der stets lavierende Regierungschef in Berlin, ist an diesem Novembertag 1914 überrascht von dem kleinlauten Auftritt. Die volltönenden Militärs schauten noch im Juli wie gewohnt geringschätzig auf die Politik herab. Der Kanzler, Spross der gleichnamigen Frankfurter Bankiersfamilie, hält den adeligen General mit Kaiser-Bart und Bürstenschnitt auch für eine „Fehlbesetzung“. Trotz dieser wechselseitigen Geringschätzung sind die beiden sich in Charleville, auf halber Strecke zwischen Köln und Paris, in der düsteren Lagebeschreibung einig: Frankreich wurde unterschätzt und das Kaiserreich droht sich im langwierigen Stellungskrieg zu erschöpfen.

Zeitgleich zu diesem Treffen muss sich in London Marine-Minister Winston Churchill einer äußerst kritischen Befragung der Parlamentarier stellen. Churchill, 49 Jahre alt, ein kriegserprobter Alleingänger, hatte die sichere Kommandobrücke in London verlassen; er wollte mit Seekadetten die Festung Antwerpen persönlich verteidigen, um deutsche Kräfte zu binden und deren Angriff zu lähmen – und ist scheinbar gescheitert. Viele Kadetten wurden getötet. Churchill kann die Kritik im Parlament noch parieren, fünf Monate später muss er seinen Posten räumen.

Am selben Tag in Bordeaux packt die französische Regierung Kisten und Koffer, um in das mittlerweile von der deutschen Front nicht mehr bedrohte Paris zurückzukehren. Russland dagegen muss sich weiterer Gegenangriffe unter dem Kommando Paul von Hindenburgs erwehren, dessen Armee gerade bei Kutno vordringt.

Falkenhayn dringt jedoch auf einen Separatfrieden mit Russland, um das Dreierbündnis aufzusprengen. Doch Bethmann als Kanzler tendiert zu einer anderen Option. Im Westen durchhalten und mit dem in Deutschland später als Heilsbringer verklärten Hindenburg an der Ostfront siegen. Nur dann seien Verhandlungen mit dem Zarenreich überhaupt sinnvoll.

Die Alternative, die Misere öffentlich einzugestehen, lehnt der Kanzler ab. Für das Versagen des Militärs will er den Kopf nicht hinhalten, will aber auch nicht den in der Öffentlichkeit als Leitinstanz angesehenen Oberbefehlshaber und das Heer kritisieren, zumal der Feind dies ausnutzen könnte. Falkenhayn kann auf die Politik Druck ausüben, sich an den Kaiser wenden oder mit Rücktritt drohen und selber die Öffentlichkeit über die Hintergründe in Kenntnis setzen.

Dass ihm die erhoffte große Herausforderung und Bewährung an diesem Tag in dieser Form begegnet, ermisst Falkenhayn, der auf ehrgeizige Weise „ewig Unzufriedene“ (Biograf Holger Afflerbach), wohl nicht: Er kann nur ein Kriegsheld werden, wenn er den Krieg politisch beenden hilft, rückblickend betrachtet, wenn er in Charleville den Frieden als Ziel konsequent verfolgt. Verfügte der Generalstabs-Stratege, Eliteschüler der Militärakademie, über das, was Churchill, Schulversager, Außenseiter, im Übermaß besaß: Entschlusskraft, Zivilcourage und politisches Rüstzeug?

Das Kanzler-Gespräch in der Präfektur wird zum Vorspiel im Drama der Schuldzuweisung an die Politik. Vier Jahre später, im November 1918, machen die Militärs die demokratischen Politiker („Dolchstoßlegende“) für die Niederlage verantwortlich. Falkenhayn setzt vier Jahre zuvor nicht nach und Bethmann laviert, spekuliert immer noch auf einen Frieden mit Geländegewinn. Nur mit Verzicht und Kompromiss hätte eine gemeinsame Friedensinitiative eine Chance.

In Washington beteuert Präsident Woodrow Wilson noch, die USA werde sich aus dem Krieg in Europa herauszuhalten. General Falkenhayn zögert, ordnet sich letztlich der „Unmöglichkeit“ unter, den Krieg militärisch zu beenden. Der General wird zum Gefangenen der geweckten Siegeshoffnungen. Falkenhayn macht weiter, ist bestrebt, trotz tiefer Zweifel, kriegerisch sein Bestes zu geben – und sorgt in diesem grauenvollen Krieg für eine weitere Steigerung des Grauens. Denn die „Hölle von Verdun“ hat ganz wesentlich Generalstabschef Falkenhayn befeuert.

In seinen Berichten über die Oberste Heeresleitung schreibt der General später, die schwierige Kriegslage November 1914 habe sich wegen der vielfachen Überlegenheit der Feinde an Mensch und Material bis zum „bitteren Ende“ nicht wesentlich geändert. Dies der „Masse des Volkes zu spät enthüllt zu haben, so der gebrochene Mann, trug „mehr als alles andere“ zum „jämmerlichen Ausgang des Krieges bei“. Zu diesem Jammerbild gehört ein General, der als solcher nur Krieg konnte und kritische Öffentlichkeit ablehnte, auch am 18. November 1914, einem Tag des Gebets bei unzureichender Buße.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion