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Die Wirtschaft brummt, aber die Menschen verdienen nicht mehr Geld.

Konjunktur

Aktionäre profitieren, Arbeitnehmer verlieren

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Seit Jahren geht es in der Euro-Zone und den USA wirtschaftlich bergauf. Doch die Unternehmen erhöhen nicht die Löhne. 

Wenn sich am Mittwoch die US-Zentralbank trifft, um ihre neue Strategie zu präsentieren, steht sie vor einem ähnlichen Problem wie ihr europäisches Pendant: Die Inflation ist niedrig, niedriger als angepeilt. Und das, obwohl die Konjunktur seit langem ganz gut läuft. Die hartnäckig niedrige Inflationsrate hat etwas mit der globalen Umverteilung der vergangenen Jahre zu tun. Die schwache Lohnentwicklung drückt die Nachfrage und lässt den Unternehmen kaum Raum für Preiserhöhungen. Für eine Rückabwicklung dieser Umverteilung könnte es allerdings schon zu spät sein.

Seit Jahren geht es in der Euro-Zone und den USA wirtschaftlich bergauf. Die Arbeitslosigkeit ist deutlich gesunken, was eigentlich zu höheren Löhnen und größerer Kaufkraft und damit zu stärker steigenden Preisen führen müsste. Doch schaffen es die Zentralbanken nicht, die Inflationsrate auf das angestrebte Niveau von etwa zwei Prozent zu hieven..

In der Euro-Zone schwankt die Kerninflation – ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise – bei um die ein Prozent. Seit die US-Zentralbank 2012 ihr Inflationsziel auf zwei Prozent fixierte, beträgt die Preissteigerungsrate dort im Durchschnitt 1,4 Prozent. Das liegt daran, dass die Löhne nur mäßig gestiegen sind – gemessen am Angebot an Gütern bleibt die Nachfrage zurück. Daher „akzeptieren die Unternehmen offenbar geringere Gewinnmargen, statt die Preise zu erhöhen“, erklärt Benoît Cœuré, Direktor der Europäischen Zentralbank (EZB). „Vielleicht weil sie die Nachfrage noch nicht für stark genug halten und wegen starken weltweiten Wettbewerbs. 

Umverteilung zu Ungunsten der Arbeitnehmer

Das Auseinanderfallen von Angebot und zahlungsfähiger Nachfrage ist ein Ergebnis der Umverteilung zu Ungunsten der Arbeitnehmer. So stieg in den vergangenen 20 Jahren in der Gruppe der etablierten Ökonomien – USA, Großbritannien, Euro-Zone, Japan – die Pro-Kopf-Produktivität der Beschäftigten um 30 Prozent, die realen Pro-Kopf-Löhne jedoch legten nicht einmal um die Hälfte zu.

Die Gründe dafür sind bekannt: erstens die Globalisierung, also die Integration von Billiglohn-Standorten wie China in die globale Ökonomie, die die Arbeitnehmer weltweit in scharfe Konkurrenz zueinander gesetzt hat. Zweitens die Technologie, mit der Unternehmen insbesondere besser bezahlte Industriejobs ersetzt haben. Die verbleibenden Stellen im Dienstleistungssektor sind meist schlechter dotiert. Als dritten Faktor nennt der Internationale Währungsfonds die Politik: den Trend von Vollzeit- zu Teilzeitstellen und den Abbau von Kündigungsschutz sowie Arbeitslosenunterstützung. Viertens schließlich ist der Einfluss der Gewerkschaften geschwunden.

Ergebnis sind zum einen die gestiegenen Unternehmensgewinne. In der Industrieländergruppe der OECD-Staaten betrugen die Nachsteuergewinne vor 15 Jahren noch etwa acht Prozent der Wirtschaftsleistung, derzeit sind es mehr als zwölf Prozent. Das füllt die Kassen der Unternehmen. „In den vergangenen Jahren haben sie in den entwickelten Volkswirtschaften enorme Ersparnisse akkumuliert“, so Nils Redeker von der Universität Zürich. 

Investments an den Finanzmärkten  

Diese Ersparnisse investierten viele Unternehmen nicht, sondern legten sie an den Finanzmärkten an. Ein Grund dafür sei der schwindende Einfluss der Gewerkschaften. Davon profitieren die Aktionäre. Nach einer Untersuchung der Universitäten Berkeley, New York und Cambridge waren für den starken Börsenaufschwung seit 1989 weniger das Wirtschaftswachstum oder niedrige Zinsen verantwortlich. Der größte Einflussfaktor war demnach, „dass die Erträge des Wirtschaftens von den Lohnabhängigen zu den Aktionären umverteilt wurden“.

Der Anteil der Löhne am Gesamteinkommen – die Lohnquote – ist damit geschrumpft. Und das hat Auswirkungen auf Kaufkraft und Preise: „Möglicherweise bedeutet die Tatsache, dass die Lohnquote in vielen Ländern historisch niedrig ist, dass die Lohnentwicklung nicht mehr so großen Einfluss auf die Inflation hat wie noch in den 1970er Jahren“, so das österreichische Wirtschaftsforschungsinstitut WIIW.

Die Umverteilung hat in vielen Ländern die Ungleichheit und die Armutsquote erhöht. Dies wiederum führt zu sozialen Spannungen. Eine deutliche Erhöhung der Löhne jedoch wäre riskant. Denn einen Teil der gestiegenen Kaufkraft würden sich die Unternehmen über Preissteigerungen aneignen. Ergebnis: steigende Inflation.

Darauf müssten die Zentralbanken mit Zinserhöhungen reagieren. Damit aber riskieren sie „einen großen Crash“, so die französische Bank Natixis. Denn die niedrigen Zinsen der vergangenen Jahre haben den enormen Anstieg der globalen Verschuldung ermöglicht. So ist die Gesamtverschuldung von öffentlichem und privatem Sektor in Westeuropa, Japan und den USA seit 2008 von 225 Prozent der Wirtschaftsleistung auf knapp 260 Prozent gestiegen. Höhere Zinsen brächten viele Schuldner in Bedrängnis. Die Ökonomen von Natixis sind sich sicher: „Der große Crash wird kommen, wenn neue politische Mehrheiten die Einkommensverteilung korrigieren.“

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