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Kongolesische Soldaten im Einsatz.

Afrika

Der Kongo-Tragödie droht die Fortsetzung

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Immer mehr Konflikte brechen aus. Die Ausbeutung des reichen Riesenstaates hält unvermindert an. Die Vereinten Nationen würden gern einschreiten, aber Trump bremst.

Die Bilder lassen keinen Zweifel zu. Eine Gruppe friedlicher Demonstranten läuft eine kleine Straße in einem Außenbezirk der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa entlang, angeführt von einem Dutzend ganz in Weiß gekleideter Priester. Der Gruppe treten schwerbewaffnete Bereitschaftspolizisten entgegen und feuern Tränengas. Während sich die meisten der Demonstranten fluchtartig zurückziehen, bleiben die Priester stehen oder knien sogar nieder: Sie werden von den Polizisten mit Stöcken und Fäusten verprügelt und schließlich am Boden liegend mit Füßen getreten.

Szenen wie diese spielen sich in der Demokratischen Republik Kongo derzeit regelmäßig ab. Vergangenes Wochenende rief das „Laien-Koordinations-Komitee“ zum dritten Mal innerhalb von zwei Monaten zu Protesten gegen die Regierung auf. Wieder schritt die Polizei mit äußerster Brutalität ein: Mindestens vier Demonstranten fanden den Tod, fast 50 landeten im Hospital. Insgesamt wurden in diesem Jahr bei den von der Katholischen Kirche organisierten Protesten mindestens 20 Leute getötet, mehrere hundert verletzt und noch mehr festgenommen. „Wie kann man Männer, Frauen, Kinder, Jugendliche sowie Alte töten, die religiöse Lieder singen und Bibeln, Rosenkränze und Kruzifixe in den Händen halten?“, erregt sich Kinshasas Kardinal Laurent Monsengwo. „Leben wir in einem offenen Gefängnis?“

Zwei Tage vor der jüngsten Konfrontation rief der Papst zu einem weltweiten Bet- und Fastentag für den Kongo auf: Die Katholische Kirche ist in den dortigen Konflikt tief involviert, der sich nach Auffassung von Experten schon bald wieder zum regelrechten Krieg ausweiten könnte. Als sich Präsident Joseph Kabila nach Ablauf seiner zweiten Amtszeit vor zwei Jahren weigerte, Wahlen abzuhalten und zurückzutreten, vermittelte die Kirche, um eine Eskalation zu verhindern. Ein Kompromiss wurde vereinbart, nach dem die Wahl spätestens Ende 2017 stattfinden sollte. Doch der 46-jährige Kabila hielt sich nicht an den Deal: Diesmal hieß es, dass für den Urnengang nicht genug Geld da sei – frühestens Ende 2018 wäre Wählen möglich. Kenner des Landes wissen um den Grund des Zögerns Kabilas: Er kann Umfragen zufolge höchstens mit zehn Prozent der Stimmen rechnen, ein fairer Urnengang kommt für den Autokraten deshalb nicht in Frage.

Unterdessen schreitet die Destabilisierung des ohnehin labilen Riesenreichs fort. Ausgelöst von Kabilas Beharren an der Macht brachen in den Kasai-Provinzen blutige Unruhen aus: Tausende sind bereits tot, zwei Millionen auf der Flucht. Auch in anderen Teilen des riesigen Landes kochen erneut Konflikte empor: Im Nordosten kämpfen verfeindete Volksgruppen gegeneinander, im Südosten geht die Tanganyika-Provinz in Flammen auf. Von dort wurden der UN allein in der ersten Februarhälfte 800 mutmaßliche Menschenrechtsschändungen gemeldet: Über eine Million Menschen sind auf der Flucht. Die UN warnen vor einem „humanitären Desaster außerordentlichen Ausmaßes“.

In zehn der 26 Provinzen des Kongo kommt es regelmäßig zu Kämpfen: Es werden mehr als 70 bewaffnete Gruppen gezählt, die mit den Regierungstruppen oder auch untereinander kämpfen. Im „Herzen Afrikas“ drohe wieder „ein großer Krieg“ auszubrechen, warnt der britische „Economist“: Wie um die Jahrtausendwende, als in zwei jahrelangen Waffengängen bis zu fünf Millionen Menschen umkamen.

Die Welt aber schaut nach den Worten des Generalsekretärs des Norwegischen Rettungsrats, Jan Egeland, „untätig zu“. Schließlich ist der Kongo für ausländische Mächte vor allem seiner atemberaubenden Bodenschätze wegen interessant – politische Verwerfungen stören die Förderung von Bodenschätzen nurr. Westliche Regierung haben Kabila zwar immer wieder aufgefordert, wie von der Verfassung vorgeschrieben von der Macht zu lassen. Doch der Autokrat weiß, dass er massivere Interventionen nicht zu befürchten hat. Immerhin haben inzwischen die Schweiz und Großbritannien Geld kongolesischer Regierungsmitglieder eingefroren: Aber auch das wird das Versinken des Landes ins Chaos nicht aufhalten.

Die letzte Hoffnung bleiben die Vereinten Nationen, die mit 18 000 Blauhelmen im Kongo stationiert sind, sowie die Regierungen der Nachbarländer. In Südafrika, Angola und Simbabwe haben Machtwechsel die Hoffnung aufkommen lassen, dass Kabila von dort unter Druck gesetzt werden könnte. Doch Anzeichen dafür stehen noch aus. Und die Blauhelme? Die wurden von der Trump-Administration zu starken Budgeteinbußen gezwungen: 100 Millionen Dollar müssen eingespart werden. Kein Wunder, dass sich Kabila in Sicherheit wiegt.

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