Konfrontation in Kurdistan

In Nordirak arbeiten die USA und die Türkei nicht mit-, sondern gegeneinander / Ankara fürchtet sich vor Kurdenstaat

Von Gerd Höhler (Istanbul)

Man schüttelte sich die Hand, bemühte sich auch um den Anflug eines Lächelns, aber die Stimmung war schlecht, als am Montag Robert Pearson, der scheidende US-Botschafter in Ankara, seinen Abschiedsbesuch bei Generalstabschef Hilmi Özkök absolvierte. Der ließ es sich nicht entgehen, vor den aufgebauten Kameras und Mikrofonen die "bisher schwerste Vertrauenskrise zwischen den USA und den türkischen Streitkräften" zu diagnostizieren. Pearson versuchte, die Wogen zu glätten: "Wir sind Verbündete und werden das auch bleiben", versicherte der Diplomat.

Kurz vor der Visite waren elf türkische Soldaten, die US-Truppen Ende vergangener Woche in Nordirak festgenommen hatten, wieder auf freien Fuß gesetzt und zu ihrem Standort im nordirakischen Suleimanijah gebracht worden. Aber der Konflikt schwelt weiter.

In Nordirak verfolgen die Verbündeten USA und Türkei diametral entgegensetzte Interessen. Washington setzt auf eine Vertiefung der bereits nach dem ersten Irak-Krieg im Norden des Landes etablierten kurdischen Selbstverwaltung. Die Türkei beobachtet dies mit großem Argwohn. Sie fürchtet, ein Kurdenstaat in Nordirak könnte neue Autonomiebestrebungen der eigenen kurdischen Minderheit wecken.

In Ankara sorgt man sich auch um das Schicksal der turkmenischen Volksgruppe in Nordirak. Sie soll nach den Vorstellungen Ankaras bei der politischen Neuordnung des Nachkriegs-Irak beteiligt werden. Für die USA sind die Turkmenen dagegen ein Faktor der Instabilität. In den vergangenen Monaten kam es zu Scharmützeln zwischen militanten Turkmenen-Milizen und kurdischen Peschmerga.

Die Türkei unterhält bereits seit 1992 eine ständige Militärpräsenz in Nordirak. Anfangs waren es etwa 1500 Soldaten, die in einer Pufferzone an der Grenze ein Einsickern der in Nordirak untergeschlüpften PKK-Rebellen in die Türkei verhindern sollten. Seit etwa vier Jahren hat die Türkei ihre Truppen in Nordirak erheblich verstärkt. Es dürfte sich inzwischen nach Schätzungen westlicher Dienste um fünf- bis sechstausend Soldaten handeln. Ankara rechtfertigt die Militärpräsenz mit der PKK-Bedrohung. Etwa 5000 Rebellen werden in Nordirak vermutet. Die USA haben zwar schon vor dem Irak-Krieg versprochen, sie zu entwaffnen, das aber zur Enttäuschung Ankaras bisher nicht eingelöst.

Was umgekehrt den USA immer stärker aufstößt, sind die nachrichtendienstlichen Aktivitäten türkischer Spezialsoldaten und ihre Verbindungen zu militanten Turkmenen. Bereits im April hatten die US-Militärs einen ersten Warnschuss abgegeben: Sie nahmen kurzzeitig in Nordirak eine Gruppe türkischer Spezialsoldaten fest, die bei Kirkuk mit einer angeblichen Waffenlieferung für turkmenische Milizen aufgegriffen wurden. Bei ihrer Razzia am vergangenen Freitag gingen die Amerikaner mit härteren Bandagen vor. Etwa 100 US-Kommandosoldaten stürmten in Suleimanijah den Gebäudekomplex der "Turkmenen Front Iraks" und nahmen die elf sich dort aufhaltenden türkischen Offiziere sowie etwa 20 weitere Personen fest. Einen Teil der technischen Ausrüstung zerstörten die Amerikaner, Teile nahmen sie mit.

Wenn der türkische Außenminister Abdullah Gül Ende Juli nach Washington reist, wird die Situation in Nordirak wohl ein zentrales Gesprächsthema sein. Eines haben die USA mit der Razzia in Suleimanijah bereits vorab klargestellt: Nordirak gehört seit dem Sturz Saddam Husseins nicht mehr zur türkischen sondern zur amerikanischen Interessensphäre. Und die bisher geduldete Militärpräsenz der Türkei ist dort nun nicht mehr erwünscht.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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