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Da war er noch im Amt: Mandetta am 15. April in Brasília.

Brasilien

Zu kompetent für Bolsonaro

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Brasiliens Präsident feuert seinen Minister für Gesundheit, weil er Corona ernst nahm.

Als die Nachricht von der Entlassung des Gesundheitsministers die Runde gemacht hatte, zeigte die Bevölkerung umgehend, was sie davon hält. In ganz Brasilien gingen die Menschen auf ihre Balkone und an ihre Fenster und schlugen aus Protest auf Töpfe und Pfannen. Im Rhythmus dieser „Panelaços“ riefen sie: „Fora Bolsonaro“. Bolsonaro raus. Für einen großen Teil der Brasilianer hat am Donnerstag der falsche Politiker seinen Job verloren.

Außer den unbeirrbaren Anhängern von Präsident Jair Bolsonaro versteht kaum jemand, warum Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta gehen musste. Der Mediziner hatte die Bevölkerung des vom Coronavirus hart getroffenen Landes in den vergangenen Wochen routiniert und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert durch diese verwirrenden Zeiten geführt.

Er wirkte dabei wie ein Arzt, der seinen 210 Millionen potenziellen Patienten Risiken und Nebenwirkungen der neuartigen Lungenkrankheit erläutert. Er war der kompetente Krisenmanager im Anti-Corona-Kampf, der eigentlich der irrlichternde Präsident sein sollte. Umfragen bestätigten dies. Mandetta war bis zuletzt beliebter als Bolsonaro.

Während dieser Ausgangssperren, Geschäftsschließungen und eigentlich jede Art von Restriktionen für Schwachsinn hält, legte sein Minister seine anfängliche Skepsis gegen Social Distancing schnell ab und befürwortete die Abstandsregeln genauso wie die Mehrzahl der brasilianischen Gouverneure. Mandetta tat dabei nicht mehr, als die internationalen Empfehlungen im Kampf gegen die Pandemie umzusetzen.

Aber die Medizin dürfe „nicht stärkere Nebenwirkungen haben als die Krankheit selbst“, dozierte Bolsonaro am Donnerstag bei der Vorstellung des neuen Ministers Nelson Teich und begründete so gleichzeitig die Entlassung von Mandetta. Der Staatschef hält Corona nach wie vor für eine „kleine Grippe“ und spricht sich dafür aus, dass nur die Alten und Kranken zu Hause bleiben sollen. Aber in den bevölkerungsreichen Staaten Brasiliens haben die Gouverneure die Schließung von Geschäften und Schulen angeordnet, und die Menschen wurden aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten. Der Onkologe Teich scheint da auf der gleichen Wellenlänge zu funken wie sein Chef. „Wirtschaft und Gesundheit stehen in keinem Widerspruch, sondern ergänzen sich“, sagte der 62-Jährige bei seiner Antrittsrede.

Bolsonaro machte sich dafür stark „die Arbeit stufenweise“ wieder aufzunehmen. Dennoch solle zunächst einmal nichts an den Restriktionen geändert werden, die vor allem die Gouverneure der Provinzen Rio de Janeiro und São Paulo verhängt haben. Der Wechsel an der Spitze des Ministeriums kommt in einem kritischen Moment.

Das größte Land Lateinamerikas leidet mit Abstand am stärksten unter Covid-19. Bis zum Freitag waren 1924 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben. 30 425 Infizierte registrierten die Gesundheitsbehörden. In den Bundesstaaten Amazonas und Ceará stehen die Hospitäler kurz vor dem Kollaps.

Und in São Paulo liegt die Belegung der Intensivbetten bereits bei 80 Prozent. Dabei rechnen die Experten erst für die kommenden Wochen mit dem Höhepunkt der Infektionen. Doch bereits jetzt ist das öffentliche Gesundheitssystem „Sistema Único de Saúde“ am Rande der Überlastung. Denn schon in normalen Zeiten reicht dieses nicht aus, weshalb Vorgängerregierungen Tausende kubanische Ärzte ins Land holten, die in den abgelegenen Regionen Dienst taten.

Brasilien gibt pro Kopf jährlich weniger als 1300 Dollar für den Gesundheitssektor aus, während Deutschland nach Berechnungen von OECD und Weltbank annähernd 6000 Dollar in Gesundheit investiert.

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