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Wählen in Handschuhen: Brigitte Macron und der Präsident im Wahllokal in Le Touquet.

Wahlbeteiligung

Kommunalwahlen in Frankreich: Lieber Croissants statt Stimmzettel

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Folgen des Coronavirus: Nur wenige Franzosen beteiligen sich an den Kommunalwahlen in Frankreich.

  • In Frankreich wird gewählt
  • Die Wahlbeteiligung ist niedrig
  • Coronavirus hindert die Leute am wählen

Auf dem Boden zeigen Klebestreifen, dass die Wählerinnen und Wähler einen Mindestabstand von einem Meter zueinander einhalten sollen. Doch hier, im siebten Wahlbüro von Cachan, einer Vorortgemeinde von Paris, sind Sicherheitsvorkehrungen wie diese überflüssig: Mangels Andrang gibt es gar keine Warteschlange.

Kommunalwahlen in Frankreich

Obwohl sie zum ersten Durchgang der Kommunalwahlen aufgerufen waren, sind viele Wähler zu Hause geblieben. Zum Mittag lag die landesweite Wahlbeteiligung nicht wie üblich bei etwa 23, sondern nur bei 18 Prozent. In Cachan haben sich an diesem Morgen vor allem ältere Personen in das Wahllokal bemüht – beziehungsweise getraut: „Es ist schon auffällig, dass vor allem die wichtigste Risikogruppe ihre Bürgerpflicht am ehesten wahrnimmt“, sagt der Vorsteher des Wahllokals.

Am Eingang hat er einen Behälter mit Desinfektionsgel aufstellen lassen. Die Wahlkabinen wurden um 180 Grad gedreht, auch wenn der Wahlvorsteher nicht genau zu erklären vermag, inwiefern dies die Ansteckungsgefahr senken soll. Eine Helferin schubst den obligatorisch präsentierten Pass mit dem Fingernagel von sich weg, als handle es sich um etwas Gefährliches.

In Frankreich bleiben Restaurants und Bars geschlossen

Eine der wenigen Wählerinnen zückt ihren eigenen Kugelschreiber, um sich ins Register einzutragen. Das hatte Premierminister Edouard Philippe am Vorabend ausdrücklich erlaubt. Zugleich hatte er die seit Wochen erwartete Phase 3 im Kampf gegen das Coronavirus ausgerufen. Nicht einfach im Land der Gastronomen: Restaurants und Bars bleiben ab sofort geschlossen.

Die Zahl der Coronaopfer nimmt derweil landesweit dramatisch zu. Mit Brune Poirson kam am Wochenende eine zweite infizierte Ministerin in Quarantäne.

Viele Franzosen fragen sich: Warum hält die Staatsführung an den Wahlen fest? In den sozialen Medien beteuern viele Wahlberechtigte, sie gingen „sicher“ nicht wählen. Dazu gibt es Hashtags wie „Reportez Les Municipales“ – „vertagt die Gemeindewahlen“. Der Autor Claude Askolovitch teilte mit, er tätige lieber die Einkäufe für seine Mutter, die auch nicht wählen gehe.

Zweiter Wahlgang in Frankreich nächste Woche

Ein Gegenappell lautete: „Ich lasse nicht ein Virus über meinen Bürgermeister entscheiden“. Unweit des Wahllokals in Cachan entstanden am Sonntagmorgen durchaus Warteschlangen – etwa vor dem Tabakladen „Petit Robinson“ oder vor der Bäckerei „Croissant Doré“. Den Sicherheitsabstand von einem Meter hielt dabei niemand ein. Premier Philippe hatte am Vortag an seine Landsleute appelliert, „mehr Disziplin“ zu zeigen. Eine Gruppe von Ärzten warf der Regierung allerdings vor, sie verwässere mit dem Festhalten an den Wahlen ihre eigene „Botschaft“, dass man sich besser schütze solle.

Unsicher ist, ob der zweite Wahlgang in der kommenden Woche stattfinden wird. Diese Frage stellen nun selbst die konservativen Republikaner, die in den vergangenen Wochen Druck auf Präsident Emmanuel Macron ausgeübt hatten, die Kommunalwahlen durchzuziehen. Vielleicht auch, weil sie mit einem guten Abschneiden rechneten. Macron, dem eine Wahlschlappe vorausgesagt wurde, hielt an dem Urnengang fest, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er vertage die Wahl aus politischen Gründen.

Wer die Wahl gewonnen hat und ob die Coronakrise sie beeinflusst haben könnte, war am Sonntag bis Redaktionsschluss noch nicht abzusehen.

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