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Angespannt: Auch Theresa May versucht sich im Wahlkampf - und staunt über Kletterer in Brierfield.

Großbritannien

„Mein Vertrauen in die Politik war nie geringer“

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Im englischen Kommunalwahlkampf haben die regierenden Tories wegen des Brexit-Dramas einen schweren Stand.

Plakate für die örtliche Kandidatin oder die bevorzugte Partei ins Fenster zu hängen ist in Großbritannien zu Wahlkampfzeiten üblich. Vor der Kommunalwahl am heutigen Donnerstag mochte Rose Burns, 67, ihre Anhängerschaft aber gar nicht erst darum bitten. Dabei kann die Stadträtin im St-Bartholomäus-Bezirk von Winchester keine zehn Schritte tun, ohne dass links jemand über die Straße winkt und rechts ein Nachbar Glück wünscht. Warum also keine Plakate? Ganz einfach, erklärt Burns und lächelt ein wenig gequält: „Die Leute wollen nicht, daß ihnen Steine durchs Fenster fliegen.“

Mag die stämmige Anwältin in ihrer Nachbarschaft auch noch so beliebt sein – wer wie Burns in den vergangenen Wochen Wahlkampf für die konservative Regierungspartei gemacht hat, erlebt vielerlei Anfeindungen. Im lieblichen Winchester, einer wohlhabenden 50000-Einwohner-Stadt inmitten saftigem Weideland 100 Kilometer südwestlich von London, wirkt die Angst vor Steine werfenden Hooligans zwar leicht übertrieben. Gut zu sprechen ist auf die Torys aber kaum jemand.

An diesem sonnigen Aprilabend liefert Burns im Stadtviertel ihr letztes Flugblatt aus, ein hölzerner Kochlöffel bewahrt dabei ihre Finger vor den zuschnappenden Briefkastenschlitzen. Der Prospekt beschreibt stark personalisiert ihre Stadtratsarbeit der vergangenen vier Jahre und ihre Pläne für ein neues Kulturzentrum in Winchester. Von der Partei ist kaum die Rede, und drei Wörter kommen überhaupt nicht vor: „Theresa May“ und „Brexit“.

Dass die konservative Parteichefin und Premierministerin den EU-Austritt nicht zum geplanten Termin Ende März bewerkstelligt hat, nehmen den Kandidaten ihrer Partei viele Briten übel. Hinzu kommen zwei weitere Negativfaktoren. Zum Einen nutzen die Bürger eine Kommunalwahl gern dazu, der gerade regierenden Partei eine Ohrfeige zu erteilen. Zum Anderen verteidigen die Torys die weitaus größte Anzahl der Sitze in Stadt-, Kreis- und Gemeinderäten, weil sie vor vier Jahren im Sog der damals gewonnenen Unterhauswahl sehr gut abgeschnitten haben. Gewählt wird fast überall in England bis auf die Hauptstadt London sowie in Nordirland, wo aber andere Parteien antreten. Mehr als 8400 Mandate sind zu vergeben, davon haben Konservative wie Burns derzeit 4906 inne. Man müsse „mit Verlusten von 800 oder mehr Sitzen rechnen“, glaubt Tory-Lord Robert Hayward.

Martin Tod, liberaler Stadtrat von Winchester, geht optimistisch in die Wahl.

In Winchester hätten Mandatseinbußen auch den Verlust der Macht zur Folge: Schon bisher standen 23 Torys 22 Liberaldemokraten gegenüber, die größte Oppositionspartei Labour hat in der reichen Region traditionell ebenso so wenig zu melden wie Grüne oder die Nationalpopulisten von Ukip. Der liberale Stadtrat Martin Tod gibt sich sehr vorsichtig: „Ich hoffe auf zwei bis fünf Zugewinne für uns, alles darüber hinaus wäre sensationell.“

Im Sonnenschein des Aprilnachmittages geht der 54-Jährige in der St. James’s Terrace von Haus zu Haus und klingelt an der Tür. Viele Bewohner der schmucken Häuser aus dem 19. Jahrhundert sind daheim, die meisten plaudern gern ein wenig mit dem Kandidaten. Tod fragt nach lokalen Problemen, betont seinen Kampf für eine Fußgängerampel an der nahen Hauptverkehrsstraße, spricht sachkundig über Parkplatzprobleme und Müllabfuhr.

Die meisten Konversationen beginnen aber doch beim Thema Brexit. „Mein Vertrauen in die Politik war noch nie geringer“, mault etwa Lance Usher, ein pensionierter Ölmanager, der die EU in der Nachfolge des römischen Imperiums sieht: „Wir sollten unsere Souveränität zurückgewinnen.“ Ein Nachbar gibt sich als Halbfranzose zu erkennen und schwärmt von seinem Anwesen in Spanien, hat jedoch ebenfalls für den Austritt gestimmt, aus Misstrauen gegen die „politische Union“. Jaja, sagt ein dritter Anwohner, der gebürtige Ire Andrew Buggy, lachend, „die kenne ich. In meiner Straße weiß ich von beinahe allen ziemlich genau, wie sie abgestimmt haben.“

Der 50-Jährige repräsentiert die Mehrheit in Winchester, wo beim Referendum 2016 60 Prozent im Brüsseler Club bleiben wollten. Seither hat Buggy an den Groß-Demos in London für den Verbleib teilgenommen, weil er um die Wirtschaftskraft des Landes bangt: „Investitionen sind stark gefallen, das Geld fließt woanders hin“, weiß der Manager, der sowohl in Asien wie im eigenen Land viel unterwegs ist. Er jedenfalls will nicht nur für den Liberalen Tod im Stadtrat stimmen, sondern plant auch schon sein Votum für die Europawahl in drei Wochen: „Da kriegen die Liberaldemokraten meine Stimme.“

Tatsächlich hat es Tods Partei der Mitte bei beiden Urnengängen vergleichsweise leicht. „Wir wurden früher ein bisschen zu sehr als die EU-Rechtfertigungspartei wahrgenommen“, erinnert sich der Leiter einer Wohlfahrtsorganisation, die Männer zu besserer Gesundheitsvorsorge ermutigen will. Diesmal ist der Slogan ganz einfach: „Stop Brexit“. Entsprechende Plakate hat der Stadtrat und Möchtegern-Europaabgeordnete zu Tausenden bestellt. Ob Buggy vielleicht eines im Garten aufstellen könnte? „Na klar“, antwortet der und strahlt.

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