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Kommission soll Olympia-Attentat von 1972 aufarbeiten

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Von: Maria Sterkl

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Im Münchner Olympiapark erinnern Installationen an die Ereignisse vom 5. September 1972.
Im Münchner Olympiapark erinnern Installationen an die Ereignisse vom 5. September 1972. © Ralph Peters/Imago

Die Bundesregierung einigt sich mit den Hinterbliebenen der Opfer vom Olympia-Attentat 1972 auf eine Entschädigung. Zudem soll eine Kommission das Attentat aufarbeiten.

Meine Gedanken sind bei den Hinterbliebenen. Ich hoffe, dass diese Vereinbarung ihnen ein gewisses Maß an Gerechtigkeit bringt.“ So äußerte sich Israels Regierungschef Jair Lapid am Mittwoch zur Nachricht, dass Deutschland den Angehörigen der israelischen Opfer der Münchner Olympia-Attentate nun doch finanziell entgegenkomme. Am 5. und 6. September 1972 waren elf israelische Profisportler und ein deutscher Polizist bei einer Geiselnahme durch palästinensische Terroristen und einer missglückten Befreiungsaktion durch die deutsche Polizei getötet worden. Am kommenden Montag, 50 Jahre danach, sollen die Hinterbliebenen zum ersten Mal von Deutschland eine offizielle Entschuldigung erhalten. Bis zuletzt war die Gedenkfeier in der Schwebe, weil die Angehörigen mit dem Boykott der Zeremonie drohten, sollte Deutschland sie nicht in angemessener Form finanziell entschädigen.

Die Ansichten darüber, was eine angemessene Entschädigung ist, lagen auf deutscher und israelischer Seite noch vor wenigen Wochen sehr weit auseinander. Nun zahlt Deutschland rund 28 Millionen Euro. Das ist zwar immer noch deutlich weniger als das, was die Familien gefordert hatten, aber immerhin fünf Mal mehr als das ursprüngliche Angebot aus Berlin. Ein Teil des Geldes bleibt in Deutschland – bei jener Anwaltskanzlei, die gemeinsam mit niederländischen Jurist:innen bevollmächtigt war, die Entschädigung zu erstreiten.

Den Hinterbliebenen geht es aber um viel mehr als ums Geld. Vor allem wolle man endlich eine offizielle Entschuldigung hören, sagt Ankie Spitzer, die Witwe des ermordeten Fechttrainers Andrej Spitzer. Die anschaulichen Schilderungen Spitzers von den Widerständen, die deutsche Behördenvertreter:innen ihr jahrzehntelang entgegenbrachten, dürften in den Verhandlungen zuletzt etwas bewegt haben. Ein mit den Verhandlungen Vertrauter erzählt, dass sich die deutsche Seite gegen Verhandlungsende davon überzeugen ließ, dass die Entschädigung nicht nur das Polizeiversagen beim Attentat selbst abgelten solle. Es gehe auch um den unwürdigen Umgang der Deutschen mit den Angehörigen in den Jahrzehnten danach. Anstatt selbst für eine Aufklärung der Tragödie zu sorgen, wurden die Hinterbliebenen bei ihren Recherchen behindert.

Olympia-Attentat 1972: Hinterbliebene reden bei Besetzung der Kommission mit

Die vielleicht dringlichste Forderung der Hinterbliebenen ist, dass nun auch Deutschland seinen Beitrag zur Schaffung historischer Wahrheit leisten soll. Eine Kommission aus Historiker:innen soll nun erstmals Zugang zu fast allen Akten erhalten, um die Geschehnisse aufzuarbeiten. Von Deutschland erhielten die Angehörigen laut Spitzer die Zusage, „dass sich das nicht über Jahre hinweg hinziehen wird“. Die Kommission, bei deren Besetzung auch die Hinterbliebenen mitreden dürfen, solle rasch zu arbeiten beginnen und in spätestens zwei Jahren ihre Forschung abschließen.

Dabei dürften wohl auch einige neue Details ans Licht kommen. Offene Fragen gibt es beispielsweise zur Rolle deutscher Neonazis bei der Organisation des Attentats. Ein amtsbekannter Neonazi, der nach der Geiselnahme festgenommen und verurteilt wurde, kam wenig später frei. Freigelassen wurden auch die drei überlebenden palästinensischen Terroristen – nur sechs Wochen nach dem Attentat. Auch diesen Freilassungen sollen sich die Historiker:innen widmen. Insofern könnte die Gedenkfeier den Beginn einer neuen Debatte über die Geschehnisse im Jahr 1972 markieren.

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