FR-Autor Pitt von Bebenburg.
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FR-Autor Pitt von Bebenburg.

Gut gebrüllt

Kolumne: Nichts zu danken

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Politikerinnnen und Politiker versuchen bisweilen, relevante Informationen hinter einem Berg der Danksagung zu verstecken. Kann das gelingen? Eine Kolumne wagt den Selbstversuch.

Es ist Zeit, Danke zu sagen. Bevor ich zur Kolumne komme, möchte ich mich daher bedanken bei unseren treuen und kritischen Leserinnen und Lesern.

Außerdem bei allen Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion und den technischen Bereichen, bei Druckern, Zeitungsausträgern und vielen anderen, die das Erscheinen dieser Kolumne möglich machen. Beim Wald dafür, dass er das Papier für die Zeitung zur Verfügung stellt, und bei den Herstellern der Computer, Tablets und Smartphones, auf denen die Kolumne als E-Paper oder Onlineausgabe zu lesen ist.

Das musste einmal gesagt werden, denn Dank kommt ziemlich kurz. Dabei könnten wir ganze Zeitungen füllen mit dem Dank, der in Pressekonferenzen, Pressemitteilungen und Landtagsreden geäußert wird. Er gehört zum Politikerjargon wie die Glocke zum Sitzungspräsidenten. Das fängt am Wahlabend an, wenn fast jede Politikerin und fast jeder Politiker, bevor sie irgendeine Frage beantworten, nahezu zwanghaft denjenigen danken, die sie oder ihn gewählt haben.

Dank ist eigentlich nicht verkehrt und macht deutlich, dass die Politik fast nichts alleine schaffen kann, wenn Menschen und Institutionen nicht mitziehen. Doch in Pressekonferenzen ist er meistens fehl am Platz, denn dort soll informiert werden, statt die Journalisten mit Danksagungen einzuschläfern. Aber in Zeiten, in denen wichtige Pressekonferenzen live vom Fernsehen übertragen werden, reden Politiker eben lieber direkt ans Volk.

Also sprach Ministerpräsident Volker Bouffier, als er in dieser Woche die kommenden Öffnungen von Schulen und Kitas vorstellte, er wolle sich bedanken bei den Lehrerinnen und Lehrern, bei den Erzieherinnen und Erziehern. Außerdem bei den Kommunen und Landkreisen, die „sehr konstruktiv und kollegial“ mitgearbeitet hätten.

Bouffier ist ein großer Danksager. Wo er kann, dankt er der Polizei und den Feuerwehren, den vielen Ehrenamtlichen im Land und natürlich auch den Hauptamtlichen und überhaupt allen.

Sozialminister Kai Klose kann das auch. Als er nach Bouffier sprach, wollte er die Pressekonferenz „zum Anlass nehmen, ausdrücklich allen Familien zu danken“. Der gleiche Dank gelte den Erzieherinnen und Erziehern, Kita-Trägern und Kita-Leitungen.

Dann kam Christian Geselle an die Reihe, der Kasseler Oberbürgermeister und Präsident des Hessischen Städtetags. Raten Sie mal, was er sagte. Dankbar sei er den Kitas. Und er wolle sich dann „auch nochmal bei den Kolleginnen und Kollegen recht herzlich bedanken, bei den Erzieherinnen und Erziehern, bei den Eltern“. Ach so, und dann die Schulen. „Ich glaube, da gibt es auch noch mal Dank zu sagen.“ Ja, das musste gesagt werden.

Wenn gedankt werden muss, ist keine Eile geboten. Das kann ganz anders sein, wenn es um peinliche Inhalte geht. Finanzminister Michael Boddenberg jedenfalls hatte es tags zuvor plötzlich eilig, als er sein Milliardenpaket zur Bewältigung der Corona-Folgen vorstellte. Die Seite 10 seiner Präsentation überblätterte Boddenberg flott, die sei kompliziert.

Dabei prangte auf dieser Seite ein dicker roter Balken, der die wichtigste Neuigkeit der Pressekonferenz darstellte – dass Hessens Regierung neben einem Schuldenfonds von zwölf Milliarden Euro noch weitere Milliardenschulden aufnehmen will. Die Journalisten, die noch nicht von Danksagungen erschlagen waren, merkten es aber. Gern geschehen, liebe Leserinnen und Leser. Nichts zu danken.

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