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Kolumbien: Rechtspopulist Rodolfo Hernández aus dem Nichts in die Stichwahl

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Von: Klaus Ehringfeld

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In Kolumbien mischt Rechtspopulist Rodolfo Hernández das Rennen um die Präsidentschaft auf.

Bogotá - Es ist ein ganz und gar unerwartetes Duell, das in gut zwei Wochen über die Präsidentschaft Kolumbiens entscheidet. Der große Favorit und Linkspolitiker Gustavo Petro ist plötzlich im Hintertreffen. Und der zuvor fast unbekannte Herausforderer Rodolfo Hernández steht nun als rechtspopulistischer Outsider da, der den Wechsel in dem südamerikanischen Land in eine andere Richtung lenken würde. In seinem Wahlkampf thematisierte er einzig den Kampf gegen die Korruption und die „Diebe“ in öffentlichen Ämtern. Eine Partei hat er nicht im Rücken. Seine „Anti-Korruptions-Liga“ genannte Bewegung verfügt im Kongress gerade mal über zwei Vertreter.

Analysten stimmen überein, dass Petro und Hernández ihre Strategie für die Stichwahl deutlich ändern und weiter in die Mitte rücken müssen. Wenn der 77-jährige Bauunternehmer, Multimillionär und eigentlich nur Nebenerwerbspolitiker im August sicher in den Präsidentenpalast Casa de Nariño einziehen will, muss er seinen autoritären Diskurs mildern, seine frauenfeindlichen Kommentare vermeiden und das wirr zusammengestellte Programm schärfen.

Kolumbien: Federico Gutiérrez bleibt auf der Strecke

Die erste Runde habe gezeigt, wie groß der Wunsch der Kolumbianer sei, „alles umzustoßen“ und das politische Establishment davonzujagen, sagt Juanita León, Chefin von „La silla vacía“, einem politischen Nachrichtenportal. „Die beiden Kandidaten, die die umfassendsten Veränderungen vorgeschlagen und den größten Bruch mit dem Status quo bedeuten, sind in der Stichwahl.“

Auf der Strecke geblieben ist unerwartet Federico Gutiérrez, der Kandidat der traditionellen, sehr konservativen kolumbianischen Rechten, die das südamerikanische Land seit 200 Jahren regiert. Er wurde mit fünf Millionen Stimmen nur Dritter. Noch am Wahlabend rief er seine Wähler dazu auf, am 19. Juni Hernández zu wählen. Petro sei eine „Gefahr“ für Kolumbien.

Für den Linkskandidaten gilt es jetzt, die „Petrophobie“ zu überwinden, die kolumbianische Aversion gegen einen Linkspräsidenten im Allgemeinen und gegen ihn selbst im Besonderen. Der dreifache Präsidentschaftskandidat wirkt auf viele arrogant und besserwisserisch.

Wahlen in Kolumbien: Hernández jetzt mit Vorsprung

Diese Abneigung gegen Petro habe „Hernández Flügel verliehen, die er vorher nicht hatte,“ diagnostiziert die Analystin María Jimena Duzán. Der mögliche Sieg des 62-jährigen Petro habe eine „irrationale Angst ausgelöst“, die sogar eine populistische Regierung als kleineres Übel erscheinen ließe. „Alles, nur kein Linker an der Macht. Das ist der Schlachtruf für die Stichwahl“.

Und die Chancen für den Rechtspopulisten stehen nicht schlecht. In zwei Umfragen wird Hernández jetzt ein Vorsprung von zwei beziehungsweise acht Prozentpunkten vorhergesagt. Petros Stimmenplus aus der ersten Runde ist zwar groß, aber möglicherweise nicht ausreichend. Mit den Stimmen von Gutiérrez käme Hernández auf fast elf Millionen Stimmen. Und Petro hat sein Wählerpotenzial mit rund 8,5 Millionen Voten vermutlich ausgeschöpft. Also muss er entweder Protestwähler;innen bei Hernández abspenstig machen oder Nichtwähler:innen an die Urne bringen. Beides ist schwierig.

Er bewundert Hitler und ist gern bei Tiktok unterwegs: Der Bauunternehmer Rodolfo Hernández (Mitte) hat kein Programm, könnte aber trotzdem Kolumbiens Präsident werden. o
Er bewundert Hitler und ist gern bei Tiktok unterwegs: Der Bauunternehmer Rodolfo Hernández (Mitte) hat kein Programm, könnte aber trotzdem Kolumbiens Präsident werden. © AFP

Kolumbiens kommender Staatschef könnte also ein jähzorniger Frauenfeind im Rentenalter sein, der aussieht, als sei er aus einem Comic oder direkt seinem Lieblingsnetzwerk Tiktok entsprungen. „Er ist ein Bewunderer Hitlers und glaubt, dass Frauen sich aus der Politik heraushalten und sich besser der Hausarbeit und der Kindererziehung widmen sollten“, sagt Duzán.

Tatsächlich weist der frühere Bürgermeister der nordwestlichen Stadt Bucaramanga inhaltlich große Defizite auf. Er kennt die Namen der 32 Departements Kolumbiens nur bedingt und versichert, er werde als erstes den Ausnahmezustand ausrufen und per Dekret regieren, wenn er dann mal an der Macht sei.

Wahlen in Kolumbien: Hernández wirkt mehr wie ein Gutsherr alter Schule

Also müssen Petro und vor allem seine Vizekandidatin Francia Márquez den Kolumbianerinnen und Kolumbianern überzeugend erklären, warum das drittbevölkerungsreichste Land Lateinamerikas nicht in die Hände eines unberechenbaren Populisten fallen darf, der schon einmal einen Stadtrat in seiner Heimatstadt geohrfeigt hat. Hernández wirkt mehr wie ein Gutsherr alter Schule als ein moderner Staatspräsident. In Lateinamerika gibt es genügend Vorbilder für solch überraschend aufgestiegene Quereinsteiger. Man schaue nach El Salvador zu Nayib Bukele, nach Brasilien und Jair Bolsonaro oder in Richtung Peru mit Pedro Castillo.

Gustavo Petro wird in den entscheidenden zwei Wochen seiner Vizekandidatin Márquez die Bühne weitgehend überlassen. Die linke Afrokolumbianerin, Feministin und Umweltaktivistin hat noch nie ein öffentliches Amt bekleidet. Gegen sie wird Hernández kaum argumentieren können, dass sie die Interessen der Eliten vertritt. Außerdem ist die 40-Jährige eine Feministin, die dem „Alten von Tiktok“ wegen seiner sexistischen Äußerungen das Leben schwer machen wird.

Aber wird das reichen? Die kolumbianische Rechte habe tausend Gesichter, resümiert María Jimena Duzán ernüchtert. „Sie hat es immer geschafft, Wahlen zu gewinnen, auch wenn sie sich dafür neu erfinden musste und den Eindruck vortäuschte, dass sich die Dinge ändern.“ Vor vier Jahren habe dies der scheidende Staatschef Iván Duque geschafft. Heute sei Rodolfo Hernández ihr neues Gesicht.

Er hat die Ultrarechte, die Unternehmer, einen Teil der Intelligenzia und den Teil der Armen und Marginalisierten auf seiner Seite, die fürchten, dass sie im Falle eines Sieges von Petro ohne Arbeit dastehen werden, weil ihre Arbeitgeber das Land verlassen müssten, unterstreicht Duzán. Gustavo Petro muss die Angst gegen ihn vertreiben. „Für diese Großtat hat er nur noch gut 14 Tage Zeit. Ein fast aussichtsloses Unterfangen.“ (Klaus Ehringfeld)

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