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Präsidentschaftswahl in Kolumbien: Ein Ex-Guerillero will nach oben

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Von: Klaus Ehringfeld

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Kolumbien blickt auf katastrophale Jahre unter dem rechten Präsidenten Iván Duque zurück: Der Linke Gustavo Petro gilt nun als großer Favorit – mit überraschendem Vorbild.

Bogotá – Als Gustavo Petro vor einigen Wochen gefragt wurde, wie er am Ende seiner möglichen Präsidentschaft mal erinnert werden möchte, war seine Antwort überraschend: „Wie Angela Merkel, weil ihr alle applaudiert haben.“

So richtig mag man die frühere deutsche Kanzlerin und den möglichen künftigen Präsidenten Kolumbiens nicht zusammenbringen. Denn der 62 Jahre alte Petro ist gerade nicht für Konsensorientierung und ein ausgleichendes Wesen bekannt. Freund und Feind attestieren dem Linkskandidaten einen aufbrausenden Charakter, Beratungsresistenz und ein gepflegtes Maß an Arroganz.

Präsidentschaftswahl in Kolumbien: Ideales Feindbild für konservative Kreise

All diese Eigenschaften, die ihn vor allem in den konservativen Kreisen Kolumbiens zum idealen Feindbild machen, haben auch Freunde und Unterstützerinnen bisweilen abgeschreckt. Als Petro zwischen 2012 und 2015 Bürgermeister von Bogotá war, kündigte seine Umweltberaterin nach kurzer Zeit, weil Petro nach ihren Worten alle Vorschläge verwarf, da er immer behauptete, es besser zu wissen als sie.

Gustavo Petro und seine Vizekandidatin Francia Márquez sind bei der kolumbianischen Bevölkerung beliebt.
Gustavo Petro und seine Vizekandidatin Francia Márquez sind bei der kolumbianischen Bevölkerung beliebt. © AFP

All das sind keine wirklich guten Voraussetzungen dafür, ein so kompliziertes Land wie Kolumbien mit so prekären Konditionen zu regieren. Das drittbevölkerungsreichste Land Lateinamerikas leidet unter einer durch die Pandemie vertieften sozialen Ungleichheit, einer immer stärker steigenden Präsenz von bewaffneten Gruppen und der Organisierten Kriminalität in weiten Teilen des Andenstaates. Zudem würden die Erwartungen an den ersten Linkspräsidenten der Geschichte enorm hoch sein. Schließlich hat er strukturelle Wandel versprochen. Da braucht man schon gute Berater und Beraterinnen, um das bewältigen zu können.

Kolumbien-Wahl: „Er ist sicher das größte politische Talent, das Kolumbien hat“

Für den Politologen Yann Basset von der Universidad del Rosario in Bogotá hat Petro durchaus das Zeug dazu, Lösungen in seiner vierjährigen Amtszeit auf die Schiene zu bringen. „Er ist sicher das größte politische Talent, das Kolumbien hat“. Vergleichbar mit ihm sei nur Álvaro Uribe, rechter Hardliner und zweimaliger Staatschef Kolumbiens. Zudem hat Petro, Sohn eines Lehrerehepaars von der Karibikküste, keine Angst, sich mit den faktischen Mächten im Land anzulegen. Streitkräften, Drogenclans und rechten Medien sagt er gerne schon mal sehr undiplomatisch, was er von ihnen hält.

Vor allem die Unternehmen und die Wirtschaftseliten fürchten einen Präsidenten Petro, dem sie vorwerfen, Kolumbien in ein zweites Venezuela verwandeln zu wollen. Er werde das Land nicht nur sozial, sondern auch wirtschaftlich auf links ziehen. Der frühere Guerillero der städtischen Rebellengruppe M-19 verneint jedoch, ein Sozialist zu sein. Petro stamme mehr aus einer nationalistischen, antiimperialistischen Bewegung, unterstreicht der Politologe Basset. „In europäischen Zusammenhängen würde man ihn als einen progressiven Politiker neuer Lesart bezeichnen“, sagt er.

Petro selbst betont immer wieder, er strebe eine „sozialdemokratische Marktwirtschaft“ mit „Respekt für Privateigentum und freies Unternehmertum“ an, verlangt allerdings einen größeren Anteil an „sozialer Verantwortung“ von der Wirtschaft.

Kolumbien-Wahl: Autoritäres Wesen ähnelt dem mexikanischen Linkspräsidenten

Kolumbien solle sich auch unabhängig machen von der Extraktions- und Exportwirtschaft, von Kohle, von Gas und auch von Erdöl, das immerhin etwas mehr als ein Drittel der Exporterlöse des Landes ausmacht. Dafür will Petro den Umweltschutz vorantreiben und den Tourismus fördern.

Will man Petro mit amtierenden Linkspräsidenten der Region vergleichen, fallen einem Andrés Manuel López Obrador in Mexiko oder Gabriel Boric in Chile ein. Inhaltlich gleicht er mit seiner vor allem in Klimafragen fortschrittlichen Agenda mehr dem neuen jungen Staatschef Chiles. In seinem autoritären Wesen ähnelt er dem mexikanischen Linkspräsidenten.

Präsidentschaftswahl in Kolumbien: Wegen Vizekandidatin besonders beliebt

Petro ist ein glänzender Redner und hat vor allem mit seiner Schwarzen Vizekandidatin Francia Márquez Erfolg bei denjenigen Kolumbianerinnen und Kolumbianern, die 2021 ihren Frust gewaltsam auf die Straße trugen. Sie alle kennen keine anderen Regierungen als Rechtsaußen oder Mitte-rechts und sie alle wollen dringend einen Wechsel von Ideologien und Ideen.

Petro blickt bereits auf eine lange Karriere als Politiker zurück, er war nicht nur Chef der Hauptstadt, sondern auch fast 20 Jahre Abgeordneter und Senator. Um das Präsidentenamt bewirbt er sich nun schon zum dritten Mal. Beim ersten Mal 2010 wurde er Vierter – mit gerade 9,15 Prozent der Stimmen. Beim zweiten Versuch vor vier Jahren schaffte er es in die Stichwahl gegen den rechten Newcomer Iván Duque. Dessen Mandat allerdings war eine Katastrophe. Er blockierte die Umsetzung des Friedensprozesses, bekam die Sicherheit nicht in den Griff und managte die Pandemie katastrophal. Auch das trägt dazu bei, dass die Kolumbianer nun Petro eine Chance geben werden. (Klaus Ehringfeld)

Im vergangenen Jahr demonstrierten die Menschen in Kolumbien gegen die Regierung. Sie forderten unter anderem bessere Arbeitsbedingungen und eine Reform des Rentensystems.

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