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Kolumbien: Keine Angst mehr vor links

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Von: Klaus Ehringfeld

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Gustavo Petro feiert mit Francia Marquez den Wahlsieg .
Gustavo Petro feiert mit Francia Marquez den Wahlsieg . © AFP

Erstmals hat ein progressiver Kandidat Chancen auf das höchste Staatsamt in Kolumbien.Die Parlamentswahl hat die Rechte erschüttert / Eine Analyse von Klaus Ehringfeld

Es war ein Urnengang, der selbst die optimistischsten unter Kolumbiens Linken überraschte: Bei der Parlamentswahl vergangenes Wochenende erzielte die breite Allianz „Pacto Histórico“ (Historischer Pakt) ein wirklich überragendes Ergebnis. In beiden Parlamentskammern konnte die Linke nie dagewesene Zugewinne verzeichnen. Mit 5,7 Millionen Stimmen übertraf der „Pakt“ deutlich die beiden Parteienallianzen im Zentrum und rechts.

Zudem unterstrich Gustavo Petro bei den gleichzeitigen Vorwahlen für das Präsidentenamt eindrucksvoll seine Favoritenrolle für die kommende Abstimmung am 29. Mai. Was ist da los? Hat das strukturell und traditionell konservative Kolumbien plötzlich die Angst vor den Linken verloren?

Kolumbien: Keine Angst mehr vor den Linken

Es sieht ganz so aus. 2004 bezeichneten sich nur elf Prozent der kolumbianischen Bevölkerung als links. Anderthalb Jahrzehnte später hat sich diese Zahl auf 28 Prozent vervielfacht. Fachleute sagen, dass diese Wahl die politische Landschaft in dem südamerikanischen Land dauerhaft verändert hat.

Ursache dafür ist die desaströse Regierungszeit des scheidenden Präsidenten Iván Duque, der die Probleme in seinen vier Jahren an der Macht nicht nur nicht lösen konnte, sondern sie noch schlimmer gemacht hat: Die Wirtschaft liegt am Boden, das Friedensabkommen mit der Linksguerilla Farc hat er torpediert. Und zudem versinkt das Land wieder in Gewalt und Morden an politischen Aktiven.

Kolumbiens Linke: Genug von der Regierung

Zudem spielen die sozialen Aufstände von Ende 2019 und 2021 eine Rolle beim Erstarken der politischen Linken. Seinerzeit gingen die Menschen gegen das Missmanagement der Pandemie, die Wirtschaftskrise, soziale Undurchlässigkeit der Gesellschaft sowie die Chancenlosigkeit vieler Jugendlicher auf die Straßen. Ähnlich wie in Chile reagierte auch in Kolumbien der Präsident mit Gewalt und ohne Verständnis für die Anliegen. Die Aufständischen waren für ihn keine Unzufriedenen, sondern schlicht „Terroristen“.

Aber anders als in Chile mündete der Protest nicht in einer neuen Verfassungsgebenden Versammlung, sondern er verpuffte oder machte sich in steigender Gewalt auf allen Ebenen Luft. „Viele haben jetzt den Linken die Stimme gegeben, weil sie spätestens seit 2019 genug haben von der Regierung“, bestätigt Valentina Martínez, eine 27-jährige Ingenieurin.

Kolumbiens Ultrarechte stürzen ab

So groß der Sieg des „Pacto Histórico“ ist, so groß ist auch die Niederlage der regierenden ultrarechten Partei „Demokratisches Zentrum“. Die Partei stürzte von zuvor 51 auf nun 30 Sitze in der Abgeordnetenkammer. Damit straften die Kolumbianer auch den Übervater der Erzkonservativen ab: Álvaro Uribe. Er war Mentor von Duque und hatte 2018 maßgeblich dazu beigetragen, dass der damals im Land kaum bekannte Politiker zum Präsidenten gewählt wurde.

Uribes „Lügen, mit denen er in der Vergangenheit das Land in Angst und Schrecken gehalten hat, verfangen nicht mehr“, sagt die Analystin María Jimena Duzán. Weder die „Angst vor einem angeblichen Castro-Chavismus noch die vor Petro“, die Uribe so sehr geschürt habe, hätten seiner Partei geholfen. „Der ,Uribismus‘ stürzt gerade zusammen wie ein Kartenhaus“, meint Duzán.

Francia Márquez - Feministin und Klimaaktivistin

Und damit stecke die siegesgewohnte Rechte gut zwei Monate vor der Präsidentenwahl erstmals überhaupt in großen Schwierigkeiten. Uribes Partei zog angesichts des Desasters bei der Parlamentswahl sogar ihren eigenen Kandidaten Óscar Iván Zuluaga für die Präsidentschaft zurück.

Wie sehr sich die politische Stimmung im Land gedreht hat, illustriert auch eine Politikerin wie Francia Márquez. Die 39 Jahre alte Afrokolumbianerin rang innerhalb des „Pacto Histórico“ mit Petro um die Präsidentschaftsnominierung. Die Feministin, Aktivistin für Menschenrechte, Umweltschutz und Urbevölkerung, erhielt 783 160 Stimmen und damit ein national beachtetes Ergebnis.

Frau, Schwarz und vom Land - plötzlich bringt das Chancen

Dabei vereint sie drei Charakteristika, die früher in Kolumbien als politische Ausschlusskriterien galten: Frau, Schwarz und vom Land. Márquez stammt aus dem Departement Cauca, einer Region im Südwesten des Landes, die besonders stark von Drogenhandel, illegalem Bergbau und dem bewaffneten Konflikt betroffen ist. Trotz Todesdrohungen und Anschlägen ging sie in die Politik. Sollte Petro zum Präsidenten gewählt werden, wird er Francia Márquez an prominenter Stelle in seine Regierung einbinden müssen.

Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl stellt sich die Frage, ob Petro im ersten Durchgang gewinnen kann; er bräuchte dafür die absolute Mehrheit. Andernfalls droht ihm in der Stichwahl am 19. Juni eine schwierige Konstellation, da sich hinter seinem Kontrahenten die gesamte rechte und die nicht-linke Phalanx versammeln wird.

Kolumbien: Strukturell konservativ

Nie zuvor sei ein linker Kandidat im strukturell und traditionell konservativen Kolumbien in einer so günstigen Ausgangsposition gewesen, sagt der Analyst León Valencia. „Petro steht für Veränderung in einem Land, das sich genau danach sehnt.“ Seine Konkurrenz, vor allem der vermutliche Hauptgegner und Rechtskandidat Fico Gutiérrez, böten keine Alternative, sondern Kontinuität, fügt Valencia hinzu.

Petro, der bis 1990 Mitglied der linken Stadtguerilla M-19 war, regierte als Bürgermeister die Hauptstadt Bogotá zwischen 2012 und 2014. Vor vier Jahren hatte er noch die Stichwahl um das Präsidialamt gegen Duque verloren. Seither hat er sich ideologisch zur zivilen Linken hin geöffnet, setzt auf grüne Energie, kritisiert die linksautoritären Präsidenten Nicolás Maduro (Venezuela) und Daniel Ortega (Nicaragua). Heute steht er dem neuen Staatschef Chiles, Gabriel Boric, inhaltlich sehr nah.

Ingrid Betancourt kandidiert auch

Neben Petro und Gutiérrez kandidieren fürs Präsidentenamt der Zentrumspolitiker Sergio Fajardo, der unabhängige Kandidat Rodolfo Hernández sowie die ehemalige Farc-Geisel Ingrid Betancourt. Sie bewirbt sich als Unabhängige, nachdem sie erst kürzlich nach vielen Jahren Abwesenheit aus Frankreich in ihre Heimat zurückgekehrt war. Chancen hat sie aber keine.

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