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Ingrid Betancourt: Die unermüdliche Kämpferin für Kolumbien

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Von: Karin Ceballos Betancur

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Februar 2022 im Wahlkampf: Die 60-Jährige tritt als eigenständige Präsidentschaftskandidatin an, für die Partei Oxígeno Verde, die sie 1998 selbst gegründet hat.
Februar 2022 im Wahlkampf: Die 60-Jährige tritt als eigenständige Präsidentschaftskandidatin an, für die Partei Oxígeno Verde, die sie 1998 selbst gegründet hat. © Imago

Als Ingrid Betancourt 2002 bei den Präsidentschaftswahlen in Kolumbien antritt, wird sie von Farc-Rebellen entführt. Jetzt kandidiert sie erneut.

Bogotá - Die Ruta Nacional 65 verbindet Florencia, die Hauptstadt des Departamentos Caquetá im Südwesten Kolumbiens, mit der Gemeinde San Vicente del Caguán. Von hier aus dauert die Autofahrt zum Weiler Los Pozos etwa eine halbe Stunde. Wir Journalistinnen und Journalisten teilten uns oft Taxis, um den Ort zu erreichen, an dem die kolumbianische Regierung bereits seit Monaten mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) über ein Friedensabkommen verhandelte.

Um die Sicherheit der Rebellen zu gewährleisten, hatte der Präsident ein Gebiet von der Größe der Schweiz unter die alleinige Kontrolle der Guerilla gestellt, die so- genannte entmilitarisierte Zone. In Los Pozos kippelten Bewaffnete in Tarnfarben auf weißen Monoblocs im Schatten und schäkerten in Verhandlungspausen mit der internationalen Presse, im Januar 2002.

Präsidentschaftskandidatin in Kolumbien: Ingrid Betancourt kämpft gegen die Korruption

Ein paar Tage zuvor hatte ich in Bogotá die damals 40 Jahre alte Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt bei ihrem Wahlkampf begleitet. Ende Mai standen Präsidentschaftswahlen an, ihrer jungen grünen Partei Oxígeno Verde wurden keine allzu großen Chancen prophezeit. An einer roten Ampel im Zentrum der Hauptstadt verteilte sie Viagra an die Autofahrer: „Damit die Kolumbianer nicht länger unbefriedigt sind, damit wir das Leben und die Beschäftigung hochkriegen. Damit der Frieden wächst, geben Sie Kolumbien Viagra, wählen Sie mich!“ Betancourt galt als enfant terrible der Politik. Ihr wichtigstes Thema war der Kampf gegen die weit verbreitete Korruption im Land.

Heute vor 20 Jahren, am Morgen des 23. Februar 2002, setzte sich in Florencia auf der Ruta Nacional 65 ein zweitüriger Allrad-Pick-up in Bewegung. Ingrid Betancourt und ihre Wahlkampfleiterin Clara Rojas wollten in San Vicente einen Termin wahrnehmen. Dass die Autofahrt Risiken birgt, habe ihr an jenem Morgen niemand gesagt, behauptet Betancourt bis heute – im Gegenteil: Ein General am Flughafen sowie ihr eigener Bodyguard hätten sie dazu ermutigt. Dabei konnte von Entmilitarisierung in der Region an jenem Morgen längst keine Rede mehr sein. Wenige Tage zuvor hatte die Regierung als Reaktion auf die Entführung eines Senators die Verhandlungen mit der Guerilla abgebrochen. Der Bürgerkrieg war nach Caquetá zurückgekehrt.

Ende November 2007 veröffentlicht die kolumbianische Regierung dieses Foto der entführten Ingrid Betancourt – ein Ausschnitt aus einem Video.
Ende November 2007 veröffentlicht die kolumbianische Regierung dieses Foto der entführten Ingrid Betancourt – ein Ausschnitt aus einem Video. © AFP

Ingrid Betancourt hat San Vicente nie erreicht. Farc-Rebellen hielten den Wagen auf der Landstraße an und entführten die Kandidatin zusammen mit ihrer Wahlkampfleiterin. Mehr als sechs Jahre lang wurden die beiden Frauen von der Guerilla als Geiseln gehalten, misshandelt, gedemütigt und in Ketten gelegt. Etliche Fluchtversuche scheiterten. Bis sie schließlich im Juli 2008 im Rahmen eines Militäreinsatzes, der sogenannten Operación Jaque (Schachmatt), befreit wurden. Ingrid Betancourt hat später ein Buch über ihre Gefangenschaft geschrieben. „Kein Schweigen, das nicht endet“, lautet der Titel. Doch dann wurde es still um die Politikerin.

Kolumbien: Ingrid Betancourt nach sieben Jahren Geiselhaft freigekauft

Tweet von Ingrid Betancourt, 15. Februar 2022: „Ich möchte Präsidentin werden, um die Korruption in Kolumbien zu beenden. Gemeinsam müssen wir uns gegen das System der Korruption wehren, das uns alle als Geiseln hält. #DebatePresidencial #OxigenoVerde“. In Bogotá ist es Nachmittag, in Deutschland mittelspäter Abend. Ingrid Betancourt wirkt erleichtert darüber, dass unser Zoom-Gespräch zwar aufgezeichnet, aber nicht ausgestrahlt werden wird. Sie entfernt die Haarspange, schüttelt ihr schulterlanges Haar und bittet ihre Assistentin um ein Glas Wasser.

Im vergangenen Jahr ist Ingrid Betancourt nach Kolumbien zurückgekehrt. Die meiste Zeit nach ihrer Befreiung hatte sie in Europa verbracht, wo ihre Mutter und ihre beiden Kinder nach wie vor leben. Sie sagt, es habe Jahre gebraucht, um nach der langen Gefangenschaft als Familie wieder zusammenzuwachsen. „Mama, Oma, Kolumbianerin und frei“, heißt es in der Biografie ihres Twitter-Accounts, eingerichtet im Oktober vergangenen Jahres. Sie ist jetzt 60 Jahre alt, hat drei Enkelkinder, und wenn es nach ihr geht, wird sie dieses Mal in Kolumbien bleiben. „Weil ich die Präsidentschaftswahlen gewinnen werde“, sagt sie.

Kolumbien: Juan Manuel Santos brachte die Befreiung Ingrid Betancourts auf den Weg

Und es ist durchaus nicht so, als habe sich die Lage in Kolumbien seit ihrer ersten Kandidatur dramatisch verbessert. Im Gegenteil. Aus den Präsidentschaftswahlen 2002 ging damals der rechtskonservative Kandidat Álvaro Uribe Vélez als Sieger hervor. Betancourt hatte ihn im Wahlkampf wegen seiner Verbindungen zu den Paramilitärs, dem dritten Akteur im mehr als 50 Jahre währenden kolumbianischen Bürgerkrieg, immer wieder öffentlich angegriffen. Während seiner ersten Amtszeit unterbreitete Uribe ihnen ein Friedensangebot, verbunden mit großzügigen Amnestien, während es der Guerilla gegenüber bei seiner Politik der „harten Hand“ blieb. Mehr noch: Soldaten, die besonders viele Aufständische töteten, erhielten Gratifikationen.

Jahre später wurde bekannt, dass allein zwischen 2002 und 2008 mehr als 6400 Zivilisten ermordet und als Rebellen verkleidet wurden, um das Kopfgeld zu kassieren und die Tötungsvorgaben zu erfüllen. Unter den „falsos positívos“ waren Bauern, Obdachlose und behinderte Menschen. Opferverbände gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl weit höher liegt.

Um ein zweites Mal als Präsident zu kandidieren, was in Kolumbien nicht vorgesehen ist, ließ Uribe 2005 die Verfassung ändern und wurde mit 62 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang wiedergewählt. Vier Jahre später unternahm er den Versuch, seine Amtszeit ein weiteres Mal zu verlängern, scheiterte dieses Mal jedoch am obersten Gerichtshof. Zu seinem Nachfolger wurde der Mann, der als Verteidigungsminister die Befreiung von Ingrid Betancourt auf den Weg gebracht hatte: Juan Manuel Santos. Während seiner Präsidentschaft nahm er in Angriff, was sein Vorgänger stets verweigert hatte – mit den Farc, der größten und ältesten Guerilla des Landes, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Für das historische Friedensabkommen, das 2016 schließlich in Havanna unterzeichnet wurde, bekam Santos den Friedensnobelpreis. Im Gegenzug zur Waffenniederlegung wurden den Rebellen eine Landrechtsreform, die Unterstützung sozialer Projekte sowie gesellschaftliche Reintegration in Aussicht gestellt.

Kolumbien: Den amtierenden Präsidenten Ivan Dúque lehnt die Mehrheit ab

Doch es sollte sich als Problem erweisen, dass die Umsetzung dieser Versprechen zwei Jahre später an einen neuen Präsidenten übergehen würde. Ivan Dúque gilt als politischer Ziehsohn Uribes und ist, gelinde gesagt, kein Freund des Friedensvertrags. Entsprechend schleppend kommen die Zusagen voran. Budgets wurden gekürzt. Mehr als 280 Ex-Guerilleros wurden seit 2016 getötet. Mittlerweile haben sich etliche Rebellen neu bewaffnet und sind in den Untergrund zurückgekehrt.

Im vergangenen Sommer führte die Unzufriedenheit mit der Regierung, befeuert durch die Corona-Pandemie, über Wochen zu Protesten in den Straßen. Die Polizei schoss scharf auf Demonstrierende, mehrere Menschen wurden getötet. 71 Prozent der Bevölkerung lehnen den amtierenden Präsidenten Duque ab. Auch das Ansehen seines Vorgängers Uribe, gegen den zwischenzeitlich knapp 300 Anklagen wegen Betrug und Bestechung liefen, hat gelitten. Laut Umfragen genießt er mittlerweile nur noch 19 Prozent Zustimmung. Dazu dürfte auch die mehrteilige Dokumentation „Matarife“ (Schlächter) beigetragen haben, die seit Mai 2020 auf Youtube läuft und den Ex-Präsidenten als schwerkriminellen Soziopathen porträtiert. Daniel Mendoza, der Autor der Dokumentation, lebt seit Beginn der Ausstrahlung im Exil.

Junge Leute sagen heute zu mir: Bring mir bei, wie man Politik macht, wir wollen nicht nur wählen, sondern selbst gewählt werden!“

Ingrid Betancourt

Die Lage der kolumbianischen Nation ist finster, man kann sogar sagen, sie ist noch finsterer als vor 20 Jahren. Warum also ist Ingrid Betancourt zurückgekehrt? „Ich glaube, dass wir in Kolumbien gerade einen sehr starken Wandel erleben“, sagt sie im Zoom-Gespräch. „Früher, wenn ich mit Jugendlichen über Politik sprechen wollte, wurde ich meistens abgelehnt. Es gab viel Zynismus, Hoffnungslosigkeit, alle Politiker sind gleich … Heute dagegen sagen junge Leute zu mir: Bring mir bei, wie man Politik macht, wir wollen nicht nur wählen, sondern selbst gewählt werden!“

Ingrid Betancourt sagt: „Der Staat ist zum Aggressor geworden“

Sie sagt, dass sie als Präsidentin Drogen legalisieren will, um die grotesken Gewinne im Drogenhandel zu kappen, „Geld, das es ihnen ermöglicht zu bestechen und dadurch den Staat zu schwächen“. Ein Sonderbeauftragter der Regierung soll allein für das Thema Korruption zuständig sein. Der Staat, sagt Betancourt, werde mittlerweile auf allen Ebenen nicht als Lösung, sondern als Teil des Problems empfunden. „Er ist zum Aggressor geworden, die Gefahr geht von Polizisten aus, von Soldaten.“

Deshalb sei es wichtig, gegen die kriminellen Netzwerke der Macht vorzugehen, die sie „maquinarias“ nennt, „delinquente Organisationen, die Stimmen kaufen, Wahlen fälschen und Bewohner vertreiben, um Stimmbezirke zu beeinflussen“.

Vor ein paar Wochen hat Ingrid Betancourt sehr öffentlichkeitswirksam das Mitte-links-Bündnis Coalición de la Esperanza verlassen, weil einer der Kandidaten sich auf Unterstützer einlässt, von denen sie glaubt, dass es sich um Mitglieder eben jener „maquinarias“ handelt. Er hat sie daraufhin wegen Verleumdung verklagt. Ingrid Betancourt ist dabei, ihrem alten Ruf gerecht zu werden: eine Politikerin, die manche für ihre Kompromisslosigkeit und moralische Schärfe bewundern und die anderen damit auf die Nerven geht. Sie kandidiert nun als Unabhängige, für ihre alte grüne Partei Oxígeno Verde.

„Wenn Kolumbianer zusammenstehen, erreichen sie das Unmögliche“, sagt Ingrid Betancourt

Ihr Zeitplan ist eng, sie gibt Interviews im 30- Minuten-Takt. Seit vergangener Woche muss sie sich nicht nur zu ihrer Kandidatur äußern, sondern auch zu einem ungeheuerlichen Vorwurf, der gegen die Politikerin Piedad Córdoba im Raum steht. Einem früheren Mitarbeiter zufolge soll sie, die während Betancourts Gefangenschaft als Vermittlerin zwischen der kolumbianischen Regierung und den Farc agierte, den Rebellen dazu geraten haben, die Franko-Kolumbianerin möglichst spät freizulassen, um die internationale Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.

Eine letzte Frage also: Woher nimmt sie die Kraft für den Kampf gegen die Korruption, ein Übel, das in der Region ebenso tief verwurzelt wie weit verbreitet ist? Lebenserfahrung, sagt Ingrid Betancourt. „Ich war sechs Jahre lang entführt. Ich verdanke meine Freiheit kolumbianischen Soldaten, die ihr Leben riskiert haben, um uns da rauszuholen. Es war eine fast unmögliche Mission, aber sie ist gelungen. Wenn Kolumbianer zusammenstehen, erreichen sie das Unmögliche. Dann können wir auch die Korruption besiegen.“ Sie ist zurück auf den Barrikaden. (Karin Ceballos Betancur)

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