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Kreativer Kopfschutz: Teilnehmer eines Protestmarsches in Kolumbien.

Unruhen in Südamerika

Kolumbien - im festen Griff des Kokains

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Kein anderer Staat leidet so sehr unter dem Drogenhandel wie Kolumbien – auch, weil die Regierung die Menschen allein lässt. Nun begehrt die Jugend auf.

Für ein „Kolumbien ohne Blut“ haben die 38 Jahre alte Diana und die 32-jährige Laura Polida auf die golden-blau-rote Fahne geschrieben. Es ist Mitternacht, das Kerzenlicht verleiht der leicht transparenten Flagge ein würdevolles Aussehen. „Wir wollen Frieden für unsere Kinder“, erklären die Rechtsanwältin und die Grafikdesignerin ihre Motivation für die Teilnahme an den Protesten. Sie sitzen im „Park der Hippies“ im Herzen von Bogotá auf dem Asphalt. Um sie herum jubeln, tanzen und feiern die Menschen sich selbst – und vor allem ihre Entschlossenheit, die großen Probleme des Landes endlich anzupacken.

In Kolumbien stirbt ein Jugendlicher durch ein Polizeigeschoss 

Dann kommt die Nachricht: Dilan Cruz ist tot. Getötet von einem Polizeigeschoss. Dilan, 18 Jahre alt, ist in der Nacht zum Dienstag gestorben – am Tag, an dem er sein Abiturzeugnis erhalten sollte. Statt Dilan ging seine Schwester Denis in die Schule und hielt eine bewegende Rede. „Wir wollen nicht, dass das, was mit Dilan passiert ist, zu weiterer Gewalt führt. Wir wollen, dass das ein Auslöser dafür ist, dass all das Schlechte, was in diesem Land passiert, endlich endet“, sagte sie. Wenig später starb ihr Bruder auf der Intensivstation.

Mahnwache für einen verletzten Demonstranten vor der San-Ignacio-Klinik in Bogotá. 

Dilan Cruz war am Samstag von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen worden. Am Rande der friedlichen Demonstrationen gibt es immer wieder organisierte Gewaltausbrüche, die offenbar von außen gesteuert sind und über deren Hintermänner nur spekuliert wird. Was die Nation aufschreckt: Es kursieren Handyvideos, die den Verdacht nähren, dass ein Polizist absichtlich und aus nächster Nähe auf Dilans Kopf gezielt hat.

Seit Wochen ist das südamerikanische Land in Aufruhr. Den Auftakt machte ein Generalstreik, der sich zunächst gegen einige sozialpolitische Projekte richtete, die Iván Duque anstrebte. 15 Monate nach seinem Amtsantritt steckt der konservative Präsident tief in der Krise. Doch inzwischen geht es um mehr. Jetzt geht es um die großen gesellschaftlichen Fragen: „Wir wollen eine gerechtere Bezahlung für die ärmeren Bevölkerungsschichten, wir wollen, dass das Blutvergießen aufhört“, sagen Laura und Diana.

Kolumbien - Milliardengeschäfte mit dem Kokain 

Die treibende Kraft, die hinter der Gewalt und den sozialen Problemen in Kolumbien steht, ist das illegale Milliardengeschäft mit Kokain. Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen der ehemaligen linksgerichteten Guerillaorganisation Farc und der damaligen Regierung von Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos im Jahr 2016 ist die Kokainproduktion in Kolumbien gestiegen. Grund soll ein „Konstruktionsfehler“ im Friedensvertrag sein, der Kokabauern Anreize zur Produktion biete, monieren Kritiker. Ein anderer Grund ist die tiefe soziale Ungleichheit im Land. Tatsache ist: Allein in Deutschland stellten die Drogenfahnder in diesem Jahr so viel Kokain wie nie zuvor sicher. Die Kokainschwemme kommt vor allem aus Kolumbien. Auch deshalb ist für den Rest der Welt entscheidend, was in Kolumbien gerade passiert.

Das Land wird erschüttert von einer Reihe von Morden an sozialen Aktivisten, indigenen Politikern und Menschenrechtlern. Fast alle Opfer haben eines gemeinsam: Sie stammen aus dem ländlichen Kolumbien. Von dort, wo rechte Paramilitärs, linke Guerillagruppen und seit kurzem auch verstärkt mexikanische Drogenkartelle um ihren Anteil am riesigen Kokain-Kuchen kämpfen. Die US-Drogenfahndung hat einmal geschätzt, dass allein im Jahr 2016 Kokain aus Kolumbien im Straßenverkaufswert von rund 90 Milliarden Dollar den Weg in die Vereinigten Staaten fand. Um dieses Geld geht es bei der Gewalt in Kolumbien.

Indigene werden in Kolumbien getötet

Die kolumbianische Provinz Cauca ist von großer geostrategischer Bedeutung für den Kokainhandel. Wer die Region kontrolliert, hat die Macht über die Vertriebsrouten. Zuletzt kam es in Tacueyo zu einem Massaker an der indigenen Bevölkerung mit mindestens fünf Toten. Darunter auch die 42 Jahre alte indigene Politikerin Cristina Bautista und vier ihrer unbewaffneten indigenen Wächter. „Ich bin überzeugt, dass wir, die den Frieden wollen, mehr sind als die, die den Krieg wollen“, sagte sie in einer ihrer letzten Stellungnahmen. Doch gewonnen haben wieder mal die, die Krieg führen. Der nationale Indigenen-Dachverband Onic spricht inzwischen von einem Völkermord. In Kolumbien wurde in den vergangenen 14 Monaten statistisch gesehen alle drei Tage ein Angehöriger der Indigenen ermordet. Und fast immer, weil sich die Opfer weigern, mit den lokalen Drogenkartellen zusammenzuarbeiten. Es ist auch dieses Massaker, das die Menschen derzeit auf die Straßen treibt.

Diana (l.) und Laura Polida fordern „Frieden ohne Blutvergießen“. 

„Wir brauchen Infrastruktur, Investitionen in Bildung und Arbeitsplätze und politische Teilhabe“, sagt Friedensaktivist Leyner Palacios Asprilla, der aus der überwiegend von Afrokolumbianern bewohnten bettelarmen Provinz Chocó stammt. Hier ist nichts zu spüren vom urbanen Boom in den Großstädten Medellín und Bogotá, hier gibt es bisweilen nicht einmal asphaltierte Straßen oder einen Trinkwasseranschluss. Und das hat Konsequenzen: „Wenn die Jugendlichen keine Perspektive haben, dann schließen sie sich den bewaffneten Banden, dem Drogenhandel oder dem illegalen Bergbau an.“

Drogen - Ursache für die Gewalt in Kolumbien

Das schnelle Geld des Drogenhandels ist eine der Ursachen für die Gewalt in der Region, der illegale Bergbau mit dem Einsatz von giftigen Schwermetallen Ursache einer verheerenden Umweltzerstörung des artenreichen und ökologisch wertvollen Regenwaldes in der Region. Die Konsequenzen sind die gleichen: „Krieg und Gewalt bedeuten immer Leid und Schmerz für die Zivilbevölkerung“, sagt Palacios. Er gehört zu jenen Opfern des jahrzehntelangen bewaffneten Konflikts, die am eigenen Leib erlebt haben, was Krieg heißt: Am 2. Mai 2002 verlor bei einer Bombenexplosion 32 Familienangehörige und enge Freunde. Der Anschlag ist als das Massaker von Bojayá in die kolumbianische Geschichte eingegangen. Damals suchten die Bewohner der Kleinstadt in der Provinz Chocó Schutz vor dem Bürgerkrieg in ihrer kleinen Dorfkirche.

Als die Gefechte begannen, gerieten Palacios Familie und Nachbarn zwischen die Fronten und flohen in die Kirche, mehr als 300 Menschen versammelten sich in dem Gotteshaus. In den Wirren des Kampfes feuerte die Farc-Guerilla eine Granate in Richtung der sich hinter das Gotteshaus zurückgezogenen Paramilitärs. Doch die Bombe verfehlte ihr Ziel, durchschlug das Kirchendach und explodierte inmitten der schutzsuchenden Menschen. „Es war das totale Chaos. Leichen, Schwerverletzte, Kinder, die ihre toten Eltern beweinten“, erinnert sich Palacios, der heute unter anderem für Projekte des deutschen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat arbeitet. „Ich sah eine Mutter, die verzweifelt ihr Kind suchte, doch es lag zerfetzt auf dem Boden.“ Bei dem Granateneinschlag starben 79 Menschen, darunter fast 50 Kinder. Vor ein paar Tagen wurden die Opfer in einer bewegenden Zeremonie erneut beerdigt, nachdem die einst hastig in einem Massengrab verscharrten Menschen exhumiert und identifiziert worden waren.

Demonstranten fordern in Kolumbien ein Umdenken

Auch für eine konsequente Umsetzung des Friedensvertrages mit den Farc-Rebellen gehen die Menschen auf die Straße. 

Auch drei Jahre nach dem Friedensvertrag ist in Chocó vom Frieden nicht viel zu spüren. Wieder sind es die alten Akteure, wieder geht es um Kokain. Und wieder fürchtet Palacios, dass seine abgehängte Region zum Ziel von neuen Massakern werden könnte. Die Guerillabewegung ELN und die Paramilitärs blockierten die Zufahrtsstraßen. „Es gibt Kämpfe, Tote und Vertreibung. Bojayá leidet auch heute unter dem Konflikt. Es gibt Morddrohungen und Vertreibung.“ In der Provinzhauptstadt Quibdó sei die Gefahr überall zu spüren. Ganze Stadtviertel würden von bewaffneten Banden kontrolliert, es gäbe innerhalb der Stadt unsichtbare lebensgefährliche Grenzen.

Doch plötzlich ist Palacios nicht mehr allein. Blieben in der Vergangenheit die Hilferufe aus der abgelegenen Region meist ungehört, kommt nun Unterstützung aus der Zivilgesellschaft. Es sind die jungen Kolumbianer, die erkannt haben, dass das Land einen tiefen gesellschaftlichen Wandel braucht. Und so fordern die vielen Hunderttausend Demonstranten, die in diesen Tagen in Kolumbien demonstrieren, ein Umdenken. 

Und sie haben klare Forderungen: eine gerechte Sozialpolitik, die unter anderem eine deutliche Anhebung des Mindestmonatslohns von umgerechnet 241 Euro vorsieht – bei sechs Tagen à acht Stunden Arbeitszeit. Eine konsequente Umsetzung des Friedensvertrages mit der Farc, denn ein Teil ihrer Kämpfer ist schon enttäuscht in den Dschungel zurückgegangen und wieder ins Drogengeschäft involviert. Einen wirklichen Schutz der sozialen Aktivisten und Menschenrechtler und eine nachhaltige Umweltpolitik. Der kolumbianische Politikwissenschaftler Ariel Ávila nennt die aktuelle Entwicklung das „Erwachen einer sozialen Bewegung“ in Kolumbien. In der Praxis klingt das so: „Was wir wollen, ist ein neues Kolumbien“, sagen Laura und Diana. „Wir wollen, dass die Menschen eine faire Chance bekommen, egal aus welcher Region und welcher Bevölkerungsschicht sie stammen.“

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