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Als Menschen nichts wert waren

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Von: Klaus Ehringfeld

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Ein weiteres Opfer der kolumbianischen Realität: Jose Albeiro Camayo wird im Januar im Departement Caucas zu Grabe getragen. Foto: Luis ROBAYO / AFP.
Ein weiteres Opfer der kolumbianischen Realität: Jose Albeiro Camayo wird im Januar im Departement Caucas zu Grabe getragen. Foto: . © AFP

Kolumbiens Wahrheitskommission arbeitet ein halbes Jahrhundert an Krieg, politischer Gewalt und systematischer Unterdrückung auf – nun soll ein „Friedensministerium“ her.

Wenn man Erika Martínez nach der Arbeit der kolumbianischen Wahrheitskommission fragt, dann bleibt sie nur wenige Sätze lang sachlich. „Es hat wehgetan sich anzuhören, was dort gesagt wurde“, sagt die 52-Jährige aus dem südlichen Departement Cauca. „Aber es ist ein Riesenschritt, damit Kolumbien den Horror endlich hinter sich lässt.“ Martínez hat die Arbeit des Gremiums in den vergangenen vier Jahren genau verfolgt. Dabei unternahm sie eine schmerzhafte Reise in die eigene Vergangenheit, denn der Bürgerkrieg hat auch ihr Leben verändert und zerstört.

Der Konflikt zwischen dem kolumbianischen Staat und ultrarechten Paramilitärs auf der einen und linken Guerillas auf der anderen Seite, der 58 Jahre dauerte, traf fast alle kolumbianischen Familien. Er kostete nach jüngsten Erhebungen der Kommission mehr als eine halbe Million Menschen das Leben, machte Millionen zu Vertriebenen und verschlang Milliarden von US-Dollar. Und Opfer war vor allem die Bevölkerung, acht von zehn Toten waren nicht kombattant.

„Wie konnten wir es wagen, all dies geschehen zu lassen?“

Der Bürgerkrieg hat in dem drittgrößten Land Lateinamerikas für mehr als ein halbes Jahrhundert die politische und gesellschaftliche Realität bestimmt. Was als Kampf von Bauern um eine gerechtere Aufteilung des Landes begann, endete als ein Krieg, in dem der Kokainhandel dominierte. Auf beiden Seiten.

Quelle: FR.
Quelle: FR. © FR

„Wie konnten wir es wagen, all dies geschehen zu lassen?“, fragte Francisco de Roux, Jesuitenpater und Vorsitzender der „Kommission für die Aufklärung der Wahrheit in Kolumbien“ (CEV), Ende Juni, als er die Ergebnisse in einem Theater in Bogotá vorstellte. „Warum haben wir die Massaker Tag für Tag im Fernsehen gesehen, als wäre sie eine billige Seifenoper?“

Die Arbeit der elf CEV-Mitglieder hat eine Form der kollektiven und individuellen Katharsis ausgelöst. Millionen Kolumbianerinnen und Kolumbianer verfolgten die Präsentation live im Fernsehen und sahen, wie erstmals Täter und Opfer an einem Tisch saßen, wie Mörder sich unter Tränen entschuldigten, hohe Offiziere Menschenrechtsverbrechen eingestanden. Auch Erika Martínez saß gebannt vor dem Fernseher.

Gewalt von allen Seiten

Vor rund 30 Jahren in der Stadt Cali verließ ihr Mann Salvador nachts das Haus, er war Mitglied der linken Stadtguerilla M-19. Und er kam nie wieder. Bis heute gibt es keine Leiche, bis heute gibt es keine Erklärung und natürlich auch keine Entschuldigung. „Ich konnte meinen Mann weder physisch noch emotional beerdigen“, sagt Martínez, und ihre Stimme droht zu brechen. „All die Jahre leben der Schmerz und die Hoffnung fort in dir, ohne dass du es willst.“ Als ihr Mann verschwand, war sie gerade mal 21 und schon mit dem dritten Kind schwanger.

Historie

Die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo – kurz: Farc-EP oder Farc – kämpften seit 1964 gegen den kolumbianischen Staat. Entstanden ist die linke Guerilla allerdings aus einem vorhergehenden jahrelangen Konflikt.

1948 begannen in Kolumbien Unruhen , in deren Zuge Konservative, Liberale und Linke einander bekämpften. Zuerst war diese „La Violencia“ genannte Periode geprägt von mehr oder minder spontanen Kämpfen ad hoc zusammengewürfelter Bewaffneter. Nach und nach organisierten sich auf allen Seiten Guerillas.

1964 eroberten Kolumbiens Streitkräfte , angeleitet von Spezialisten der CIA, eine kommunistische Provinzenklave namens „Republica de Marquetalia“. Die Überlebenden sammelten sich erst in einem „Bloque Sur“, dann in der ELN-Guerilla, und schließlich wurden daraus 1966 die Farc.

Von 1980 an intensivierte sich der Guerillakrieg . Aus der einstigen Landrechtbewegung wurde eine in den Provinzen sowie in den Städten operierende Untergrundarmee mit immer mehr Verbindungen zu linken Bewegungen rund um die Welt. Mit dem Ende des Kalten Krieges mussten sich die Farc dann wie viele andere Guerillas nach neuen Einnahmequellen umschauen. Damit begann der Niedergang zur kriminellen Armee, die Drogen handelte, schmuggelte, erpresste und entführte. rut

Der 8000 Seiten zählende Bericht der CEV mit dem Titel „Es gibt eine Zukunft, wenn es Wahrheit gibt“ ist das Ergebnis einer umfassenden Untersuchung, die 2018 begann und für die knapp 28 000 Betroffene in mehr als 14 000 Interviews in Kolumbien und in 23 weiteren Ländern befragt wurden. Die CEV überhaupt einzurichten, war Teil des Friedensvertrags, der Ende 2016 zwischen Kolumbiens Regierung und der Linksguerilla Farc geschlossen wurde.

Wie wurde der Konflikt zu einem der längsten in der modernen Geschichte?

Der Bericht, der nun Kapitel für Kapitel veröffentlicht werden soll, belegt den Horror eines Bürgerkriegs, dem kaum jemand entkam. Dokumentiert werden schwerste Menschenrechtsverletzungen wie Massaker, Verschwindenlassen, Entführungen, sexualisierte Gewalt, Hinrichtungen, Folter und die Zwangsrekrutierung Minderjähriger – dabei geht die Kommission von weit mehr Opfern aus als bisher angenommen. Allein zwischen 1985 und 2018 sollen mehr als 450 000 Menschen getötet worden sein, fast die Hälfte durch paramilitärische Verbände. Die Farc zeichneten für 21 Prozent der Verbrechen verantwortlich, rein staatliche Sicherheitsorgane für zwölf Prozent.

Der Kommission ging es nicht darum, individuelle Verantwortliche zu benennen, sondern die Faktoren aufzuzeigen, die dazu geführt haben, dass dieser Krieg einer der längsten in der modernen Geschichte wurde. Eine von der Kommission in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass 40 Prozent der Kolumbianer:innen die Geschichte des Konflikts gar nicht und nur 35 Prozent sie „mehr oder weniger“ kennen.

Vorarbeit für Reformen

Explizit übt die CEV Kritik an der jahrzehntelang dominierenden Sicherheitsstrategie des Staates, wonach er große Teile der Bevölkerung als „innere Feinde“ behandelte. Die Kommission fordert deshalb eine umfassende Umgestaltung von Polizei und Militär. Auch die US-Politik in Kolumbien wird kritisiert: Der „Krieg gegen die Drogen“ habe katastrophale soziale und ökologische Auswirkungen, machte arme Bauern und Bäuerinnen zu Staatsfeinden und zerstörte fruchtbares Land.

Vor allem aber diente der Drogenhandel nicht nur zur Finanzierung des Krieges, sondern war auch ein fest verwurzelter Wirtschaftszweig, der das politische System des Landes durchdrang. Zudem ließ der Staat gefährdete Regionen und Bevölkerungsgruppen ungeschützt, insbesondere junge Menschen, die angesichts der Wirtschaftskrise und der Logik des Krieges in ihren Gebieten gezwungen waren, sich bewaffneten Gruppen anzuschließen, schlussfolgert die Kommission.

Kolumbiens linker Präsident Petro verspricht Umsetzung

„Der Bericht der Wahrheitskommission ist vor allem deshalb wichtig, weil er die Stimmen der Opfer ins Zentrum stellt“, sagt Florian Huber, Repräsentant der Heinrich-Böll-Stiftung in Bogotá. Die Empfehlungen der CEV griffen wichtige Aspekte für notwendige Reformen in den Bereichen Frieden, Sicherheit und Drogenpolitik auf. So etwa die Schaffung eines „Friedensministeriums“ sowie Investitionen in Gerechtigkeit und Bildung. „Eine konsequente Umsetzung der Empfehlungen wäre ein wichtiger Beitrag zur Friedenskonsolidierung“, betont Huber.

Der gewählte linke Präsident Gustavo Petro, der am 7. August sein Amt antritt, war bei der Präsentation des Berichts dabei und versprach, der Umsetzung des Friedensabkommens von 2016 Priorität zu geben. Die Ergebnisse der CEV würden helfen, „die Zyklen der Gewalt“ zu durchbrechen, unter denen Kolumbien seit Generationen leide.

Auch Erika Martínez hofft, dass die erste linke Regierung Kolumbiens endlich wirklichen Frieden schaffen kann. Mit den Ergebnissen der Kommission und der neuen Regierung habe das Land die Chance, eine „gesündere und gerechtere Gesellschaft aufzubauen“. Denn eines ist Martínez klar: „Was durch die Kommission ans Tageslicht kam, zeigt, dass wir den Wert für Menschenleben verloren haben. Wir werden viele Jahre brauchen, um uns miteinander auszusöhnen.“

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