„Black-Lives-Matter“-Demo in Frankfurt. Die Proteste erinnern die weiße Bevölkerung an ihre Verantwortung.
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„Black-Lives-Matter“-Demo in Frankfurt. Die Proteste erinnern die weiße Bevölkerung an ihre Verantwortung.

Koloniales Erbe

Kollektives Vergessen

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Deutschland arbeitet seine Kolonialgeschichte kaum auf. Das muss sich ändern – denn es erschwert die Bildung einer antirassistischen Gesellschaft.

Moshi, 1900. Die Deutschen hängen den Aufständischen Mangi Meli, Anführer der Chagga, neben dem Verwaltungsgebäude der Kolonialregierung auf. Den Kopf schlagen sie ab und bringen ihn nach Deutschland, für Forschungszwecke.

Berlin, 2020. Mnyaka Sururu Mboro ist noch immer dabei, das Versprechen einzulösen, das er seinem Dorf im heutigen Tansania gegeben hat: den Schädel von Mangi Meli nach Hause zu bringen. Denn ohne den Schädel drohen Naturkatastrophen, so der Glaube.

Können Nationen, die Menschenschlächter feiern, wie der britische Soziologe Danny Dorling einst sagte, ernsthaft antirassistisch sein? Sind diese Nationen bereit, sich mit der strukturellen Ungerechtigkeit auseinanderzusetzen, die mit Menschen begann, die bisweilen als Helden verehrt werden?

Tansania, Ruanda, Burundi, Namibia, Togo, Kamerun, Nauru, Samoa, Palau, die Marshallinseln, Neuguinea und Kiautschou in China, dazu kleine Teile von Ghana, Mosambik und Botswana – so sah Deutschlands „Platz unter der Sonne“ Ende des 19. Jahrhunderts aus. Die Länderbezeichnungen gab es noch nicht, stattdessen hießen die Kolonien Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika oder Deutsch-Neuguinea. 30 Jahre währte die deutsche Kolonialgeschichte – deutlich kürzer als die der Portugiesen, Briten, Spanier, Niederländer oder Dänen, die schon im 16. Jahrhundert den Handel mit Afrika – und mit Afrikanern – für sich entdeckten.

Koloniale Spuren und Gedanken finden sich im Alltag, oft unbewusst für Weiße. Denn in Deutschland verdrängt man die unrühmliche Zeit lieber – immerhin waren andere Nationen länger und grausamer in Afrika unterwegs. Doch um eine antirassistische Gesellschaft zu formen, braucht es diese Auseinandersetzung. Es geht nicht nur um die Unterdrückung von Afrikanern durch Europäer, es geht um eine weiße Dominanz, die schwarze Bevölkerung drangsalierte und abwertete. Also das, was sich bisweilen heute noch findet.

Schwarze Deutsche werden in ihrer Heimat noch immer mit den Mördern ihrer Vorfahren konfrontiert, weil Straßen nach Nachtigal, Wissmann oder von Trotha benannt sind. Adolf Lüderitz, dem ersten deutschen Landbesitzer im heutigen Namibia, sind 63 Straßen in Deutschland gewidmet. Wissmann, der den Maji-Maji-Aufstand verursachte, bei dem sich die Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika gegen die Kolonialherrschaft erhob, wird mit einem Denkmal in Bad Lauterberg im Harz geehrt.

Die Umbenennung scheitert offiziell oft am bürokratischen Aufwand und den Kosten: Adressänderungen seien eine Last für Anwohner. Der einfachere Weg: Straßen werden umgewidmet. Nun wird nicht Carl Peters, „der blutigen Hand“, wie er in Tansania heute noch genannt wird, gedacht, sondern Carl Peters, dem Astrophysiker. Oder es wird neu kontextualisiert: Dann wird aus dem von Nazis installierten Denkmal für Peters ein Mahnmal für Kolonialgeschichte – indem eine Tafel mit Text ergänzt wird. So verfestigen sich über Jahrzehnte Namen und Heldensagen in den Köpfen, ohne dass sich wirklich mit der Thematik auseinandergesetzt wird.

Wer an Carl Hagenbeck denkt, denkt nicht an den Mann, der Afrikaner unter falschen Versprechungen nach Deutschland lockte, um sie im Zoo in Völkerschauen auszustellen. Wer an Carl Hagenbeck denkt, denkt schlicht an den Zoo. Wer an Edeka denkt, denkt an einen Supermarkt, nicht aber an die Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, wofür die Abkürzung (einst E.d.K.) eigentlich steht.

Von der Nazi-Zeit überlagert

Hierzulande hat sich auf diese Art eine Kultur des kollektiven Vergessens etabliert. Die Kolonialgeschichte spielt in den Schulen kaum eine Rolle. Das hat auch etwas mit Prioritäten zu tun: Die Kolonialverbrechen geschahen meist weit weg an exotischen, fremden Orten. Dann kamen die Nazis. Weil die Deutschen also später in der Geschichte noch Schlimmeres anrichten sollten, wird die Kolonialzeit überlagert.

Dabei trägt jeder von uns das koloniale Erbe in sich – und damit auch das Gefühl der weißen Dominanz. Das zeigt sich etwa bei Urlaubsfotos aus Ländern des Globalen Südens. Süße afrikanische Kinder mit großen Augen, halb nackte Frauen mit Körperbemalung, Männer mit Speeren – das alles findet sich in Subsahara-Afrika, ist aber nicht die Regel. Genau dieses Klischee wird aber von Reisenden, Medien und Politikern vermittelt.

Auch in der Entwicklungshilfe zeigen sich koloniale Spuren. Sie ist aus der Kolonialbewegung entstanden. Die Umsetzung ist eine andere, der Hintergrund jedoch der gleiche: Der allwissende weiße Europäer muss Kultur, Aufklärung und Bildung nach Afrika bringen, damit die Menschen nicht mehr nackt im Busch leben müssen.

Die Black-Lives-Matter-Proteste erinnern die weiße Bevölkerung an ihre Verantwortung. 106 Jahre nach der Aufgabe der letzten Kolonie muss sich Deutschland endlich mit diesem Teil seiner Geschichte auseinandersetzen, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu formieren. Die Autorin Charlotte Wiedemann schreibt in „Der lange Abschied von der weißen Dominanz“, dass diese Zeit mit Konflikten verbunden sein wird. Denn Gleichberechtigung gibt es erst, wenn Schwarze und andere Minderheiten nicht nur ihre Gefühle ausdrücken, sondern Forderungen stellen. Im Lokalen, wenn sie keine Denkmäler von Rassisten mehr sehen wollen. Im Globalen, wenn Staaten die Rückgabe von Raubkunst fordern.

Der Prozess wird wehtun, es müssen neue, gemeinsame Richtlinien des Erinnerns und Gedenkens gefunden werden. Aber einen anderen Ausweg kann es im Jahr 2020 nicht mehr geben.

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