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Bild einer iranischen Nachrichtenagentur: Iranische Marine löscht den brennenden norwegischen Öltanker.

USA gegen Iran

„Es könnte einen Krieg aus grober Fahrlässigkeit geben“

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Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, über die Folgen des Konfliktes zwischen den USA und Iran.

Herr Perthes, der Konflikt zwischen den USA und dem Iran eskaliert. Wie besorgt sind Sie?
Ich bin ziemlich besorgt, weil wir seit einigen Wochen den Aufbau sehr starken Drucks der USA auf den Iran haben. Umgekehrt haben wir Signale aus dem Iran, dass man sich zu wehren wisse. Wir haben bereits eine Serie von Zwischenfällen, die nicht eindeutig zuzuordnen sind. Außerdem haben wir ganz viele Kontaktpunkte, an denen amerikanische oder iranische Kräfte nebeneinander stehen – oder jeweilige Verbündete.

Sie meinen zum Beispiel Syrien.
Ich meine Syrien, den Libanon, den Irak, den Jemen, die palästinensischen Gebiete und den Persischen Golf.

Es scheint, als gäbe es auf beiden Seiten Leute, die es auf einen Krieg anlegen.
Es gibt sicher auf beiden Seiten Leute, die einen Krieg nicht ausschließen würden. Interessanter ist aber, dass es auf beiden Seiten verantwortliche Leute gibt, die keinen Krieg wollen. Und das gilt für den amerikanischen Präsidenten Donald Trump ebenso wie für die politischen Entscheider im Iran. Allerdings sind beide Seiten nicht gut darin, zu deeskalieren. Beide sind eher auf brinkmanship aus, wie man im Amerikanischen sagt, also auf ein Risiko, um die jeweils andere Seite dazu zu bringen, einzuknicken und sich zurückzuziehen. Das kann funktionieren mit sehr kühlen und rational handelnden Entscheidungsträgern und voller Kontrolle über ihre Apparate. Hier scheint aber eher Hybris, also eine Überschätzung der jeweils eigenen Fähigkeiten vorzuliegen, die Kontrolle über solche Eskalation zu behalten.

Es könnte also einen Krieg geben, obwohl ihn niemand will?
Es könnte einen Krieg aus grober Fahrlässigkeit geben. Es könnte also wieder einen Vorfall am Persischen Golf geben oder im Irak, wenn mal wieder eine Rakete auf dem Gelände der amerikanischen Botschaft landet und nicht nur den Parkplatz trifft, sondern ein Residenzgebäude – mit nicht kalkulierbaren Folgen.

Volker Perthes ist Politikwissenschaftler und Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Was ist der Kern des Konflikts?
Der Kern des Konflikts bleibt die Auseinandersetzung über das Atomabkommen und das regionale Verhalten des Iran. Er beinhaltet die Kündigung des Abkommens durch die USA und die heftigen Sanktionen, die sie verhängt haben. Diese zielen darauf ab, die iranische Wirtschaft wirklich auf Grund laufen zu lassen. Das einzig nennenswerte Exportprodukt des Iran ist Öl. Und wenn das nicht exportiert werden kann, dann ist die iranische Wirtschaft ganz schnell am Boden. Die iranischen Ölexporte sind jetzt bei etwa einem Viertel des Vorjahres. Wenn 80 Prozent der Exporteinnahmen aus dem Öl kommen, dann kann man sich sehr leicht vorstellen, was das für eine Wirtschaft heißt.

Welche politischen Konsequenzen hat das?
Damit verliert die iranische Regierung ihre Legitimitätsgrundlage. Denn sie hat ja versprochen, Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen. Damit wiederum gewinnen jene an Boden, die von Anfang an gesagt haben, die Idee mit dem Atomabkommen sei keine gute Idee – und begünstigt eine nationalistische Mobilisierung, die Reformern und Radikalen eine gemeinsame Agende verschafft. Wenn man ein Land dermaßen unter Druck setzt, dass es im wörtlichen Sinne mit dem Rücken an der Wand steht, dann überlegen die Verantwortlichen, wie sie demjenigen schaden können, der sie so unter Druck setzt.

Sie meinen: durch Gewalt.
Durch das, was wir eine hybride Kriegsführung nennen – oder eine Politik der Nadelstiche. Genau das haben wir in den letzten Wochen gesehen. Und das kann leicht außer Kontrolle geraten.

Welche Deeskalationsmöglichkeiten gibt es, auch vonseiten anderer internationaler Akteure?
Deeskalieren müssen erstmal die, die eskalieren. Aber es wäre richtig, wenn andere Golf-Anrainer deutlich machen würden, dass sie kein Interesse an einer militärischen Auseinandersetzung haben. Im Übrigen ist der deutsche Außenminister gerade erst in den Iran gefahren, der japanische Premierminister ebenso. Wichtig ist, dass diese Kräfte Hand in Hand arbeiten.

Interview: Markus Decker

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