+

Frauentag

Wir können auch anders!

  • schließen

Aus vollem Herzen fordern wir also: nicht die Hälfte des Kuchens, sondern die Hälfte der Bäckerei! Ein Essay zum Internationalen Frauentag von Bascha Mika.

Wir können auch anders! – Was steckt hinter diesem Satz, dem Motto der Frankfurter Rundschau zum Frauentag? Geht es um eine simple Feststellung? Eine handfeste Drohung? Ein Versprechen für die Zukunft? Das Schöne ist, der Satz lässt all die genannten Interpretationen zu, deshalb haben wir ihn als Leitmotiv ausgewählt. Seine Ambiguität, aber auch sein deutlicher Verweis auf das Mögliche, das prinzipiell Machbare passen wunderbar zu dem, was uns in dieser Sonderausgabe zum 8. März beschäftigen wird.

Zum Internationalen Frauentag verfolgen wir in der FR ein unbescheidenes Ziel: Wir wollen – mit den Mitteln des Journalismus – dazu beitragen, dass sich die Verhältnisse für Frauen, Männer und alle weiteren Geschlechter ändern. Zum Besseren. Gerechter soll es zugehen, selbstbestimmter, für alle auf Augenhöhe. Deshalb stellen wir bei den unterschiedlichsten Themenfeldern die Frage, was denn passieren muss, damit die Realität tatsächlich eine andere wird. Was können wir dafür tun, und gibt es bereits Vorbilder, die Orientierung bieten? Weil sie Wege aufzeigen, wie die Gerechtigkeitslücken einer männerdominierten Gesellschaft erfolgreich geschlossen werden können.

In Europa ist das Patriarchat weitgehend überwunden. Zumindest was die Gesetzeslage angeht. Frauen dürfen nicht mehr ans Haus gefesselt, geschlagen und in der Ehe vergewaltigt werden. Ihnen ist erlaubt, ohne Einwilligung eines Mannes zu arbeiten, ein Bankkonto zu führen und sich hinters Steuer zu setzen. In Deutschland verspricht das Grundgesetz, dass die Regierenden unermüdlich an der faktischen Gleichstellung der Geschlechter arbeiten. Eine der zur Zeit Regierenden ist Familienministerin Franziska Giffey. Sie will demonstrieren, wie ernst sie es damit meint, und hat 2020 zum Jahr der Gleichstellung ausgerufen.

Doch die Parallelwelt ist nicht verschwunden: Gewaltorientierte, toxische Männlichkeit – um einen derzeitigen Modebegriff aufzugreifen – versucht allerorten, sich neu zu formieren und Familien- und Lebensnormen reaktionär zu interpretieren. Im Realitätscheck hinkt unsere Gesellschaft dem selbst gesetzten Anspruch, die Geschlechterfrage gerecht zu lösen, weit hinterher. Ebenso wahr wie trivial.

Und es sind diese Trivialitäten des Alltags, die den männlichen Machtanspruch verteidigen – wie sich an einem aktuellen Beispiel illustrieren lässt. Am 15. März stehen in Bayern Kommunalwahlen an. Vergeben werden dabei in den meisten Gemeinden auch die Posten der Bürgermeister. Um ihrem Publikum die Kandidaten und Kandidatinnen vorzustellen, veranstaltete eine bayerische Zeitung kürzlich eine Podiumsdiskussion. Moderiert von der Redaktionsleitung, die, wie bei fast allen deutschen Blättern, männlich besetzt ist.

Im Laufe der Debatte präsentierte sich eine Frau als Anwärterin für das Bürgermeisteramt im Ort. Und als wäre in den vergangenen 50 Jahren nichts geschehen, fragte der Moderator sie voller Ernst, was sie denn mit dem Haushalt zu tun gedenke, wenn sie als Bürgermeisterin gewählt würde. Und er meinte nicht den städtischen Etat.

Da beklagen wir seit vielen Jahren den Frauenmangel auf der kommunalen Ebene, dort, wo Politik gelernt wird. Diese kleine Episode legt einen der Gründe dafür bloß: Frauen werden nicht ernst genommen, gemobbt und mit hanebüchenen Rollenmustern konfrontiert. Denn offenbar ist es selbst in Spitzenpositionen des Journalismus noch nicht angekommen, dass die gesetzlich festgelegte „erste Pflicht der Frau“, den Haushalt zu führen, in den 1970er Jahren abgeschafft wurde.

Bascha Mika und Nadja Erb (Hg.), Mut – Für einen Feminismus, der allen gut tut. Societäts-Verlag. 320 S., 18 Euro

Wir kennen solche Fälle konservativen und reaktionären Denkens zuhauf, beruflich wie privat. Und wenn – ebenfalls im bayerischen Kommunalwahlkampf – der Mann einer Münchner Kandidatin auf Facebook versichern muss, dass er sich gern um die Kinder kümmert, sollte seine Frau gewählt werden, wissen wir, wo wir stehen.

Das Buch

Frauen und Männer– wie sollen sie in Zukunft zusammenleben? Gleichgestellt und ebenbürtig, klar. Aber was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Antworten auf diese Fragen gibt das aktuelle Buch der Frankfurter Rundschau, das aus der FR-Serie „Jahr der Frauen“ entstand. Ein Buch, das sich als Ermunterung versteht für ein Zusammenleben, in dem Frauenfragen als das behandelt werden, was sie sind: Menschheitsfragen, die uns alle angehen.

Gleichzeitig gibt es eine gesellschaftliche Strömung, die Feminismus für hip erklärt, für den Fortschritt schlechthin. Dieses Auftreten ist in manchen Wirtschaftsbereichen zu beobachten, in der Werbung, in Teilen der Politik und der sozialen Öffentlichkeit. Wer sich zur gesellschaftlichen Avantgarde zählt, geriert sich feministisch. Demgegenüber steht jedoch ein noch immer weit verbreitetes steinzeitliches Bewusstsein bei Geschlechterfragen. Vertreten nicht nur von Männern, sondern durchaus auch von Frauen. Da geht es, wie im vorliegenden Fall, noch nicht einmal darum, verbale Aufgeschlossenheit vorzuspiegeln, sondern um krasse Verhaltensstarre in überkommenen Vorstellungen.

Und mit jeder dieser Äußerungen fühlen sich die Gegner umfassender Selbstbestimmung bestätigt, wird das traditionelle Erbe weiter verfestigt. Diese Schande ist einer Gesellschaft, die sich als modern versteht, nicht würdig.

Doch wollen wir diesen Befund gebetsmühlenartig wiederholen? Wir, die es für selbstverständlich halten, dass allen Menschen die gleiche Würde zusteht und die gleichen Rechte? Uns immer und immer wieder in Niederungen begeben, die unsere Intelligenz beleidigen, um zum Beispiel einem solchen Zeitungschef und seinen Artgenossen das kleine Geschlechter-ABC zu erklären? Was bringt das – außer Frust?

Den haben wir unendlich satt! Ganze Bibliotheken können wir füllen mit Erkenntnissen über die Machtverhältnisse, die Strukturen, die Einstellungen, die uns hindern. Sicher ist auch besagter männlicher Moderator nicht so einfältig, wie er tut. Er ahnt doch, dass er mit seiner männlichen Ignoranz über kurz oder lang vor die Wand fahren wird, daraus speist sich wahrscheinlich ein Teil seiner Mysogynie. Und so wichtig es ist, dieser Realität mit Beschreibung und Analyse zu Leibe zu rücken, so notwendig, daraus politische und gesellschaftliche Forderungen abzuleiten, so wenig kann sich unser Handeln darin erschöpfen.

Es geht um das Darüberhinausdenken. Immer wieder. Wie sagte es Hedwig Dohm, Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts, so schön: „Glaube nicht, es muss so sein, weil es nie anders war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte für sterile Gehirne. Schaffe Möglichkeiten!“

Wer die großen Menschheitsfragen – Woher komme ich? Wo stehe ich? Wohin gehe ich? – auf den Feminismus überträgt, wird schnell feststellen: Wir kennen die Ursprünge patriarchaler Unterdrückung. Wir können den gegenwärtigen Zustand einer halbgaren Emanzipation vorwärts und rückwärts beten. Wir entwerfen Bilder, wie eine selbstbestimmte, geschlechtergerechte Zukunft aussehen soll. Doch wir finden keinen Weg, der uns schnell ans Ziel bringt. Denn die Emanzipation ist nicht nur eine Schnecke, sie ist auch ein Krebs: Bewegt sich mal vorwärts, mal rückwärts oder auch seitwärts.

Zusammengefasst: Wir haben gesellschaftlich kaum ein Erkenntnisproblem. Wir wissen, wie die Dinge liegen und was zu tun ist. Unser Problem ist die praktische Umsetzung dessen, was wir wissen. Daran scheitern wir täglich, massenhaft.

Allein deshalb ist es spannend, sich gelungene Transformationen anzuschauen und herauszufinden, welche Vorstellungen und Ideen zur Geschlechtergerechtigkeit in der Realität bereits Fuß gefasst haben. Beispielsweise – um bei der Politik zu bleiben – sich anzuschauen, wie Finnland es macht (Seiten 4/5).

Die Finninnen und Finnen haben es geschafft, ihre Parlamente paritätisch mit Frauen und Männern zu besetzen – während die Paritätsbestrebungen hierzulande meist lustlos betrieben werden oder auf offene Abwehr stoßen. Was lässt sich von Finnland lernen? Welche Instrumente wurden dort eingesetzt, an welchen Schrauben wurde gedreht, um die politische Agenda voranzubringen? Sind die Finnen etwa aufgeschlossener und eher zu Veränderungen bereit?

Wahrscheinlich nicht. Es ist wohl eher so, dass sich in dem Land die Einsicht durchgesetzt hat: Frauenrechte sind Menschenrechte, und Menschenrechte sind für alle da. Feministische Forderungen sind universell, sie beziehen sich nicht nur auf ein besseres weibliches Leben, sondern auf Gerechtigkeit für alle Geschlechter.

Davon profitieren auch Männer in hohem Maße. Klar riecht es nach Verlust, wenn Macht, Geld und Ansehen geteilt werden sollen. Klar ist es zum Jammern, wenn es niemanden mehr gibt, der ganz selbstverständlich den allergrößten Teil der Haus- und Familienarbeit erledigt. Oder, um es alltagstauglich zu sagen: Kein Mann freut sich, wenn nicht nur seine männlichen Buddys, sondern plötzlich auch Frauen um berufliche Positionen mit ihm konkurrieren. Und kaum einer findet es sexy, tief ins Putzwasser einzutauchen oder in die dreckige Wäsche.

Eine Quote reicht nicht: Ein Kommentar zur Geschlechter-Gerechtigkeit

Doch der Gegenwert ist spektakulär und verspricht auf vielen Gebieten eine neue, männliche Lebensqualität. Freiheitsgewinn! Wer nicht mehr Hauptversorger der Familie sein muss, kann seine beruflichen Ambitionen entspannter angehen. Wer mehr Zeit für seine Kinder hat, schafft ein neues Vaterbild. Und wer in einem Unternehmen arbeitet, in dem es zunehmend Frauen in entscheidenden Positionen gibt, kann davon ausgehen, dass sein Betrieb erfolgreicher wirtschaftet als ein traditionell männlicher. Der deutsche Softwarekonzern SAP macht es vor.

Solche Vorbilder treten den Beweis an, was alles geht, wenn man denn will. Das ist es, was Mut macht! Und Mut ist ein entscheidendes Stichwort. Denn wer etwas verändern will, kommt ohne Mut nicht weit. Ohne Mut wird das nichts mit der Selbstbestimmung. Dabei greift zu kurz, wer diese Antriebskraft nur als Motor für Selbstbehauptung versteht, als Wille zum Wettbewerb und zum Sieg. Viel sympathischer ist die antike Vorstellung, in der Eigenschaften einzelnen Körperregionen zugeordnet werden, dass der Mut seinen Sitz im Herzen hat.

Und so wird der Mut, für Gleichberechtigung zu streiten, zur Herzensangelegenheit. Aus vollem Herzen fordern wir also: nicht die Hälfte des Kuchens, sondern die Hälfte der Bäckerei! Schließlich ist „Wir können auch anders“ nicht zuletzt eine Drohgebärde. Dass wir andere Saiten aufziehen können, zum Beispiel. Mal weniger geduldig, mal weniger friedlich.

Es lohnt sich allemal! Wo Hindernisse überwunden wurden, das Mögliche zum Machbaren geworden ist, da liegt die Zukunft. Da werden Grenzen überschritten und Menschenrechte zur Aufgabe. Schaut her, geht doch!

Warum Pink?

Aufmerksamen LeserInnenist nicht entgangen, dass die FR gerne zur Farbpalette von Rosa bis Pink greift, wenn es es um Themen rund um Feminismus, Frauen und Gleichstellung geht – auch in dieser Ausgabe. Manche stört das. Beugt sich auch die FR dem rosa-blauen Diktat der Geschlechterrollen?

Gegenfrage:Was spricht eigentlich gegen Pink? Es ist eine Signalfarbe, trotzdem freundlich – und vor allem: Viele Frauen mögen Pink tatsächlich. Der schlechte Ruf der Farbe ist eines von vielen Beispielen dafür, wie Dinge, die Frauen tun und mögen, abgewertet werden.

Feministische Bewegungenwie der US-amerikanische Women’s March haben sich in den vergangenen Jahren die Farbe Pink „zurückgeholt“ – als Symbol für den Kampf der Frauen gegen Sexismus , Gewalt und Benachteiligung. Wenn die FR die Farbe Pink verwendet, bezieht sie sich auf genau diesen Gedanken.

Ähnlich sieht esmit unserem Logo aus: Warum wir Rosie the Riveter zeigen, haben einige LeserInnen gefragt. Schließlich sei die Figur eine Erfindung der US-Regierung, um in den 1940er Jahren Frauen für den Kriegsdienst zu gewinnen. Doch das berühmte Plakat „We Can Do It!“ hat global längst eine Bedeutung für feministische Kämpfe gewonnen, die seinen militärischen Ursprung weit überstrahlt. lic

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion