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Petra Kelly diskutiert während einer Wahlparty mit dem Barden Konstantin Wecker.

Petra Kelly

Die Königin der Alternativen

Die Gründungsmutter der Grünen verkörperte Zeitgeist und Ängste der 1980er Jahre. Dabei war sie unerbittlich gegen sich und andere. Ein kritischer Blick auf eine historische Gestalt. Von Saskia Richter

Von SASKIA RICHTER

Es ist der 10. Oktober 1981. Rund 300.000 Menschen haben sich in Bonn versammelt, um gegen die Nachrüstung zu demonstrieren. Kurz nach 16 Uhr ergreift Petra Kelly das Wort. "Ich fordere mit euch den Rücktritt von Helmut Schmidt", sagt sie, "wir kündigen unseren Gehorsam diesen verlogenen Apparaten in diesem Staat auf". Und: "Jede Waffe tötet, das Leben ist unteilbar." Vor und nach ihr sprechen der Schriftsteller Heinrich Böll, die Theologin Uta Ranke-Heinemann und der SPD-Politiker Erhard Eppler. Sie alle wenden sich gegen die "Unvermeidbarkeit" des NATO-Doppelbeschlusses.

Es ist die Zeit der Friedensdemonstrationen. Kein politischer Entwurf hatte in der Geschichte der Bundesrepublik den Protest so vieler Menschen mobilisiert, wie die geplante Stationierung der amerikanischen Mittelstreckeraketen in Europa. Anders als in den 1950er Jahren, als Westdeutschland um die Wiederbewaffnung stritt, weiteten sich die Proteste gegen die Nachrüstung zu einer Massenbewegung aus, die sich nachhaltig in die parlamentarische Debatte einschaltete. Und anders als die Studentenbewegung von 1968 stammten die Demonstranten der Friedensbewegung aus allen Teilen der Gesellschaft. Petra Kelly war eine ihrer Protagonisten.

Petra Kelly verlangte die einseitige Abrüstung. Eine Übermacht der Sowjetunion fürchtete sie nicht. Der Westen müsse den ersten Schritt tun. In einer Zeit, in der sich der Ost-West-Konflikt noch einmal verschärfte und die NATO-Staaten mit einer Nachrüstung das militärische Kräfteverhältnis ausgleichen wollten, wirkte die Kritik an der Strategie der westlichen Regierungen skandalös. Ebenfalls unerhört war die Gleichbehandlung beider Mächte. Eine neue Moral untergrub das Blockdenken.

Mit dem Protest gegen die Nachrüstung mischten sich Bürger in sicherheitspolitische Fragen ein, die bis dahin Regierungen und Expertenzirkeln vorbehalten gewesen waren. Die Friedensbewegung war eine neue Kraft, die in den Herzen der Menschen entstanden war. Im Ernstfall wäre Deutschland zum Schauplatz der militärischen Auseinandersetzungen geworden. Schreckensvisionen gingen um. Angst kam auf. Petra Kelly spiegelte diese Angst - in ihren Reden, mit ihren Aktivitäten, durch ihre Biographie. Petra Kelly war nicht die einzige, die das Unbehagen artikulierte, aber eine von denen, die gehört wurden. "Wir lassen uns nicht zu Tode verteidigen", rief sie in die Mikrophone und diktierte sie den Journalisten und forderte die bedingungslose Zurücknahme des Beschlusses.

Petra Kelly wird als charismatische Politikerin beschrieben. Sie war eine Führungsfigur der frühen Grünen: Als Verwaltungsrätin der Europäischen Gemeinschaften wurde sie 1979 Spitzenkandidatin der Grünen für die Europa-Wahl, 1980 eine der ersten Parteisprecher. 1982 erhielt sie als erste Frau den Alternativen Nobelpreis. 1983 zog sie in den Bundestag ein und gehörte der ersten Fraktionsführung an. Der Stern widmete ihr ein fünfseitiges Portrait und überschrieb es mit "Die grüne Verführung". Petra Kelly galt als Galionsfigur der Friedensbewegung, sie war "Schuttabladeplatz der Staatsverdrossenen" und "Engel der Mühseligen und Beladenen". Wolf-Dieter Hasenclever, der die Grünen auf Landes- und Bundesebene mitbegründet hatte, schrieb: "Petra Kellys Charisma bestand darin, dass sie uneingeschränkt an die Richtigkeit ihrer Überzeugungen glaubte, dass sie angefüllt war mit einem flammenden humanistischen und ökologischen Idealismus und dass sie unbedingte Gefolgschaft verlangte." Dadurch sei sie zum Leuchtfeuer geworden.

Gleichzeitig polarisierte Petra Kelly. Sie redet wie ein Maschinengewehr, beschrieb der Journalist Peter Gatter 1987. Egoismus warf ihr im Januar 1985 der Sprecher des bayerischen Landesverbandes Hanns-Dieter Reichhelm vor. Als "Werkzeug des Kreml" bezeichnete sie der damalige Verteidigungsminister Hans Apel. Bernd Ulrich schrieb anlässlich des 15. Todestages von Petra Kelly in der Zeit: "Unmittelbarkeit, Ehrlichkeit, Glück, Ganzheitlichkeit und das alles in einer Unbedingtheit und Unerschütterlichkeit, die einnimmt, deren Intensität auf Dauer jedoch nur schwer zu ertragen ist." Dennoch, so schreibt er weiter, konnte ihr basisdemokratischer Impetus leicht ins Undemokratische umschlagen, allzu schnell Institutionen verachten.

Petra Kelly prägte den Begriff der Antiparteien-Partei in einem Spiegel-Interview im Juni 1982: "Das Parlament ist kein Ziel, sondern Teil einer Strategie." Das Wichtigste sei es, an der Basis zu arbeiten, an der Basis zu verändern. Vor der Bundestagswahl verteidigte sie das imperative Mandat, die Rotation und die Begrenzung der Gehälter. Nach der Bundestagswahl missachtete sie die Regeln der Fraktion: 1985 weigerte sie sich, ihr Mandat abzugeben und verärgerte Landesverband und Parlamentarier. Im Grunde war ihr bewusst, dass sie sich hätte fügen müssen. - "Für mich war immer klar, wenn man sich als Partei stellt, dann muss man sich auch auf bestimmte Strukturen einlassen." - Letztlich gelang es ihr nicht.

Gleichzeitig trug Petra Kelly dazu bei, die Grünen als politische Kraft im Parteiensystem zu verankern. Bis 1983 führte sie nach außen die verschiedenen Strömungen der Bewegungen zusammen. Sie war stark in der Friedensbewegung, engagierte sich gleichzeitig für Frauen- und Arbeitnehmerinteressen, Umweltfragen und Menschenrechte. Innerhalb der Grünen Fraktion und Partei jedoch trieb sie ins Abseits. Machtpolitisch gelang es ihr nicht, sich abzusichern. Inhaltlich besetzte sie gesellschaftliche Randthemen, kümmerte sich um Tibet und die Kurden in der Türkei. Außerparlamentarisch knüpfte sie Kontakte zur ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung. Die späteren Führungsaufgaben innerhalb der Grünen übernahmen andere. Joschka Fischer reüssierte ab 1983. Am 12. Dezember 1985 wurde er im Hessischen Landtag als Minister vereidigt. 1994 ging er nach Bonn zurück, 1998 wurde er Vizekanzler. "Wenn die Grünen eines Tages anfangen, Minister nach Bonn zu schicken, dann sind es nicht mehr die Grünen, die ich mit aufbauen wollte", hatte Petra Kelly 1982 gesagt.

Petra Kellys politischer Arbeit ging ein kontinuierlicher Weg voraus. Seit den frühen 1970er Jahren engagierte sie sich für eine bessere Behandlung krebskranker Kinder. Sie besuchte Hiroshima und erinnerte mahnend an die Atombomben-Abwürfe über Japan. Sie reiste nach Washington und London, genauso wie nach Ost-Berlin und Moskau. Sie sprach mit Politikern und Bürgerrechtlern, mit Wissenschaftlern und Betroffenen. Sie betrieb symbolische Politik: Im November 1982 verbrannte sie vor der SPD-Baracke in Bonn eine Papprakete. Im Mai 1983 demonstrierte sie auf dem Alexanderplatz, während im West-Berliner Kongresszentrum eine internationale Konferenz für atomare Abrüstung stattfand. Im September 1985 gehörte sie zu den Besetzern der Deutschen Botschaft in Pretoria. Sie handelte gemeinsam mit anderen, mit Gert Bastian und Lukas Beckmann. Gleichzeitig war sie eine zentrale Figur. Petra Kelly führte ihren "gewaltfreien Kampf gegen Militarisierung und Atomarisierung", für den sie Unterstützung suchte und bekam - in Form von Beifall, Unterschriften, Briefen und Wählerstimmen. Petra Kelly gelang es, dass ausländischen Fernsehteams sie bei ihrem Wahlkampf in der Fußgängerzone begleiteten.

Petra Kellys Unterstützer lassen sich in Gruppen einteilen: Da waren ihre Kollegen in den Bewegungen und in der Politik, die sich mit ihr thematisch auseinandersetzten, für die sie Bereicherung war, die sie gleichzeitig als politisches Zugpferd engagierten, von ihrer Prominenz und medialen Eloquenz profitierten. Da waren die Wähler, die in ihr eine politische Alternative sahen, die sie als Direktkandidatin in Nürnberg-Nord unterstützen. Da waren ihre Anhänger die ihr kritisch zuhörten - direkt oder indirekt, auf Demonstrationen und Veranstaltungen oder medial vermittelt. Und da waren die, die sie verehrten: 100 Briefe am Tag, notierte sie 1985, "darunter so viele Hilfeschreie" von Menschen die Unterstützung suchen. Todesangst mindert die Kritikfähigkeit, das weisen psychologische Studien nach. Und: "Todesgewisse" Wähler mögen Visionen. Petra Kelly nutzte diesen Mechanismus im Sinne des Friedens. Es gibt Politiker, die diese Kombination im Sinne weniger gemeinschaftsfreundlicher Belange einsetzen.

Petra Kelly sprach für eine neue politische Kraft in der Gesellschaft. Gleichzeitig hat sie einfache Lösungen gesucht und damit auch Menschen angesprochen, die dafür empfänglich waren. Zu Beginn der 1980er Jahre war die Bedrohung real, die internationale Lage war unruhig, in Afghanistan waren sowjetische Truppen einmarschiert, in Polen wurde das Kriegsrecht verhängt. Nun sollte die Nachrüstung folgen. Doch Petra Kelly übertrieb: "Als permanente Prophetin des drohenden und in ihren Augen absolut nahen Weltuntergangs war [sie] für viele - auch für sich selbst - bedrohlich: Sie forderte sich selber sehr oft über die Grenzen ihrer eigenen Belastbarkeit hinaus - und forderte und überforderte genauso ihre engsten Mitarbeiterinnen, indem sie sie unaufhörlich antrieb." (Wolf-Dieter Hasenclever) Und sie blieb bei ihren Positionen, auch als sich ihre Anhänger schon von ihr abgewandt hatten.

Petra Kelly kannte keine Kompromisse, keine Realpolitik. Für Petra Kelly war das Private politisch und das Politische privat. Sie begründet ihr politisches Engagement mit dem Tod ihrer Halbschwester Grace. Grace habe sie "durch ihr Krebsleiden auf den Weg in die Anti-Atom-Bewegung gebracht" schrieb sie im Jahr der Bundestagswahl 1983. Dafür arbeitete sie in den Bewegungen, in der Politik, in der Verwaltung. Dadurch dass Petra Kelly ihr politisches Tun biographisch fundierte, konstruierte sie eine politische Absicht, die authentisch war und sich jenseits von Macht- und Gewinnstreben bewegte. Sie nutzte ihr Leid als politisches Kapital. Gleichzeitig beanspruchte sie - wie andere Parteikollegen - eine moralische Überlegenheit, die Mittelwege ablehnte. "Der Kurs muss kompromisslos in eine andere ökologische Richtung führen. So machen wir uns auch politisch auf den sanften Weg", schrieb sie 1984. Sie wollte die Erde als Ganzheit begreifen, eine Politik der ökologischen Ethik verwirklichen. Und stellte schon damals fest: "Je mehr "Macht" die Grünen zur Zeit durch Wählerstimmen erhalten, desto schwieriger wird es, die Zärtlichkeit im Umgang miteinander bei uns zu finden." In ihrer Sanftheit, die sie forderte, war Petra Kelly unerbittlich, auch moralisch überheblich. Dies ist der fundamentale Widerspruch, der sie in ihrem Leben begleitet. In diesem Sinne missachtete sie auch die Regeln der parlamentarischen Demokratie. Sie wollte nicht eine unter vielen sein, sich nicht auf Mehrheiten einlassen. Sie war die Königin der Alternativen.

Dennoch, die sich formierenden Grünen der frühen 1980er Jahre fanden in ihr eine Identifikationsfigur. Die Protagonisten der Partei haben sie nicht immer gut behandelt. Petra Kelly ihre Kollegen und Mitarbeiter auch nicht. Legendär sind die Berichte darüber, wie sie andere genauso überforderte wie sich selbst. Es gab Konflikte innerhalb der Grünen wie in jeder anderen Organisation, die Austragungsformen waren andere, schärfer, unbedingter, persönlicher. "Keine andere grüne Politikerin und kein anderer Politiker verkörpert in gleicher Weise die Grünen in der Hoch-Zeit ihrer Gründung", schreibt die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrer Veranstaltungsankündigung zum 60. Geburtstag von Petra Kelly "Grüne Metamorphosen". Die historische Einordnung ihrer Person in die Geschichte der Partei findet gerade statt - mit Abstand, fünfzehn Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod. Am 29. November wäre Petra Kelly 60 Jahre alt geworden.

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