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Es hat noch mal geklappt für die Linke.

Die Linke

Knapp - aber ohne langes Zittern

Die Wahl in Hessen zeigt, dass die Linke im Westen nur langsam zur Normalität wirdDie Wahl in Hessen zeigt, dass die Linke im Westen noch längst nicht da ist, wo sie gerne wäre. Von Jörg Schindler

Von JÖRG SCHINDLER

Wiesbaden. Wohin die Reise geht, hatte man schon am Freitag ahnen können. Da standen Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, sonst Publikumsmagneten, auf dem Römerberg vor einem Häuflein von 600 Frierenden, die auch eloquente Kritik am Großkapital nicht wärmen konnte.

Schon da war klar: Der Erfolg der Linken ist kein Selbstläufer. Als dann am Sonntag die ersten Prognosen durchsickerten, begannen die Linken, sich einmal mehr auf eine Zitterpartie einzustellen.

Dass nach den ersten Hochrechnungen doch wieder die Fünf vorm Komma stand, wertete Fraktionschef Gregor Gysi als "bedeutendes Ergebnis". Politische und mediale Kampagnen hätten es nicht vermocht, "den ersten Wiedereinzug" der Linken in ein westdeutsches Parlament zu verhindern. Alles spreche dafür, so Gysi, dass seine Partei "ein dauerhafter Faktor" in Deutschland bleibe.

Mit masochistischem Vergnügen

Wie schwer das ist, hatten die hessischen Genossen zuletzt mit fast schon masochistischem Vergnügen demonstriert. Nach nicht mal zwölf Monaten im Wiesbadener Parlament schien manchem an der Basis das Gerangel um Pöstchen wichtiger als der Kampf um eine sozialere Politik.

Ganze Ortsvereine kamen der jungen Partei abhanden, allein in den letzten acht Wochen traten rund 50 Mitglieder zumeist unter Absingen schmutziger Lieder aus. Gemessen an 700 Neueintritten 2008 ist das zwar wenig. Gleichwohl fühlten sich nicht wenige in ihrem Vorurteil bestätigt: Die Linke, ein Haufen unberechenbarer Chaoten.

Wahr daran ist: Im Westen, wo die Partei seit ihrer Gründung 2007 rapide wächst, können die neu geschaffenen Strukturen nicht mit dem Ansturm Schritt halten. Das Credo von Parteichef Oskar Lafontaine - gehet hin und mehret euch - erweist sich zunehmend als Fluch.

Zwar strömen nach wie vor Ex-Sozialdemokraten, Ex-Trotzkisten, Ex-DKPler und Ex-Kommunisten zur Linken. Was sie dort eint, ist aber noch nicht ausgemacht. Ein detailliertes Parteiprogramm, auf das man alle Mitglieder verpflichten könnte, fehlt ja noch immer, so dass jeder denken darf: Links ist, was ich dafür halte.

Das gilt für die Basis, es gilt aber auch für die Bundesebene, wo der Dauerstreit zwischen den Parteivize Katja Kipping und Klaus Ernst symptomatisch ist. Hier die Graswurzel-Linke, dort der Gewerkschaftsfunktionär, der auf klare Hierarchien setzt. Wer gewinnt, ist offen. Zurzeit sieht es nach Klaus Ernst aus.

Ähnliche Konflikte werden seit Monaten auch in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und andernorts ausgetragen. Nur wird da 2009 nicht gewählt, in Hessen schon. Insofern ist das Signal, das von der linken Zitterpartie am Sonntag ausgeht, eindeutig: noch mehr solcher Grabenkämpfe und der linke Aufbau West könnte sich irgendwann als Werkeln an Sandburgen entpuppen.

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