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Knackpunkt Klimaschutz

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Von: Benjamin v. Brackel, Steven Geyer

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In den Gewässern vor der ägyptischen Küste des Roten Meeres gibt es ein Ökosystem, das zum letzten Korallenrefugium der Welt werden könnte, da die globale Erwärmung die Riffe anderswo auslöscht, sagen Forscher.
In den Gewässern vor der ägyptischen Küste des Roten Meeres gibt es ein Ökosystem, das zum letzten Korallenrefugium der Welt werden könnte, da die globale Erwärmung die Riffe anderswo auslöscht, sagen Forscher. © Khaled Desouki/afp

Wer die Artenvielfalt erhalten will, muss auch die globale Erwärmung stoppen. Besonders gut lässt sich das an den sensibelsten Organismen in der Welt ablesen: den Korallenriffen. Vor allem die Erwärmung der Meere setzt den Nesseltieren und ihren symbiontischen Algen zu.

Ursprünglich sollte der UN-Gipfel zur Biodiversität schon im Oktober 2020 stattfinden. Doch der Artenschutz musste, genau wie der Klimaschutz, wegen der Corona-Pandemie erstmal warten; der Weltnaturgipfel begann nun also mit zweijähriger Verspätung am Montag im kanadischen Montreal. Dabei dulden die Probleme eigentlich keinen Aufschub; jedes verlorene Jahr setzt der Artenvielfalt mehr zu. Rund eine Million Arten sind einem viel beachteten Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES von 2019 zufolge akut bedroht. „Die Biosphäre, von der die Menschheit als Ganzes abhängt, wird auf allen räumlichen Skalen in beispiellosem Maße verändert“, heißt es darin. Die Artenvielfalt „nimmt schneller ab als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit“.

Der Klimawandel gilt neben der Intensivierung der Landwirtschaft und der Zerstörung der Habitate inzwischen als einer der Haupttreiber für den Artenschwund. Besonders gut lässt sich das an den sensibelsten Organismen in der Welt ablesen: den Korallenriffen. Die Versauerung und vor allem die Erwärmung der Meere setzt den Nesseltieren und ihren symbiontischen Algen, die sie zum Überleben brauchen, schon heute zu. Erwärmt sich der Ozean für längere Zeit auf deutlich mehr als 30 Grad, produzieren die Algen Radikale und die Polypen setzen ihre Untermieter vor die Tür. Eine Zeit lang können sie ohne die Algen leben, doch auf Dauer verhungern sie. Zurück bleibt nur das weiße Kalkskelett.

Viele Tiere leben heute, wo es lange zu kalt für sie war

Im größten Korallenriff der Welt, dem Great Barrier Reef, gab es allein in den vergangenen fünf Jahren drei große Massenbleichen. Schon zur Mitte des Jahrhunderts könnten bis zu 90 Prozent der tropischen Korallenriffe verloren gehen, warnen Meereswissenschaftler:innen. Die Korallen sind dabei so etwas wie der Kanarienvogel im Bergwerk. Bei ihnen zeigen sich schon heute Veränderungen auf besonders drastische Weise.

Allerdings sind sie nicht die einzigen Arten, die bereits auf den Klimawandel reagieren. Auf der ganzen Welt haben sich Tiere und Pflanzen in Bewegung gesetzt. Weil sich die Jahreszeiten verschieben, verändern auch sie ihren Jahresrhythmus. Nur passiert das nicht immer synchron, weshalb manche Tierart früher oder später im Jahr schlüpft oder aus der Winterruhe erwacht als ihre jeweilige Wirtspflanze.

Noch deutlicher zeigt sich der Klimawandel, indem er die Klimanischen der Arten verschiebt. Aus vielen Regionen müssen Tiere und Pflanzen abwandern, weil es dort zu warm oder trocken für sie geworden ist, während sie schon heute in polnäheren Gebieten überleben können, wo es einst zu kalt für sie gewesen ist. Sie streben in Richtung der Pole, die Berge hinauf und die Ozeane hinab, von Elefanten bis zu winzigen Kieselalgen im Meer: Landbewohner im Schnitt um 17 Kilometer pro Jahrzehnt, Meeresbewohner sogar um 72 Kilometer pro Jahrzehnt.

„Das Überraschende ist, dass wir das auf jedem Kontinent und in jedem Ozean sehen“, sagt Camille Parmesan, wissenschaftliche Direktorin am französischen Nationalzentrum für Wissenschaftsforschung an der Universität Paul Sabatier in Toulouse. „Es gibt keine Gegend auf der Erde, wo das nicht passiert, und es gibt keine Gruppe von Organismen, die nicht betroffen ist.“

Diese Völkerwanderung der Arten fordert Mensch wie Natur heraus, besonders in den Meeren. Der Mensch muss sich schon heute auf abwandernde Fischschwärme einstellen, auf die Umgestaltung seiner Wälder und die Invasion von Tropenmücken.

Tiere und Pflanzen stehen hingegen vor dem Problem, dass sie aufgrund des Klimawandels, den ihnen der Mensch eingebrockt hat, abwandern müssen – aber oft nicht können, weil Siedlungs- und Acker-Wüsten, Kanäle und Straßen ihnen den Weg versperren. Wer sich dann nicht anpassen kann, muss früher oder später aussterben. Im schlimmsten Fall könnten schon bis zur Mitte des Jahrhunderts 15 bis 37 Prozent aller Arten verschwinden, sollte sich die Welt weiter stark aufheizen und die Arten nicht darauf reagieren können, warnen Forschende.

Was bringen Schutzgebiete, wenn Arten abwandern?

Ohne aber den Klimawandel als Bedrohung ernst zu nehmen, sei ein Erfolg beim Artenschutz nicht möglich, warnt ein internationales Team aus Umweltwissenschaftler:innen um Almut Arneth vom Karlsruher Institut für Technologie. Das gelte selbst dann, wenn alle anderen Belastungsfaktoren wie Entwaldung oder Pestizide eingedämmt werden könnten. Schließlich bringe das beste Schutzgebiet nichts, wenn die zu schützenden Arten aus ihm herauswandern. „Geeignete Maßnahmen zum Artenschutz werden auf der Grundlage statischer Ziele schwer umzusetzen sein“, schreiben die Autor:innen im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences“.

Entsprechend erwartungsvoll fährt die deutsche Chefverhandlerin, Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne), nach Kanada. Bereits nach einem Vorbereitungstreffen für den Naturgipfel am Rande der Klimakonferenz in Ägypten, an dem sie teilnahm, hatte sie gesagt, Scharm el-Scheich gebe „Rückenwind“ für Montreal. Sie lobte etwa, dass die Abschlusserklärung auch auf sogenannte „nature-based solutions“ setze, also Klimaschutz durch intakte und wiederhergestellte Natur. Die Weltgemeinschaft habe begriffen, dass die Menschheit „in drei existenziellen Krisen“ stecke, so Lemke: Klimakrise, Artenaussterben und Verschmutzungskrise. „Klimaschutz ist auf den Schutz der Natur und auf intakte Ökosysteme angewiesen“, sagt Lemke.

Deutschlands Hauptziel für die Konferenz sei eine internationale Verpflichtung auf „ehrgeizige, messbare Ziele“ und auf wirksame Schritte zu deren Kontrolle und Umsetzung. Zudem will sie sich unter anderem für eine „angemessene Finanzierung“ von Naturschutz einsetzen. Die Bundesrepublik will ihren Beitrag für den Artenschutz auf 1,5 Milliarden Euro verdoppeln und würde so zum größten Geldgeber für den Bereich.

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