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Malala spricht beim Women of the World Festival (WOW) in London.

Friedensnobelpreis Malala

Klüger als alle Institutionen

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Ein Mädchen offenbart der Welt die wirkungsvollste Waffe gegen radikalen Islamimus: Bildung. Ein Kommentar zu den diesjährigen Friedensnobelpreisträgern Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi.

Das Schicksal der pakistanischen Schülerin Malala Yousafzai ist ein erschütterndes Kapitel der Weltgeschichte. Weil sie sich für die Schulbildung von Mädchen in ihrem Land eingesetzt hatte, wurde sie 2012 Opfer eines feigen Mordanschlags durch pakistanische Taliban, den sie mit schweren Verletzungen nur knapp überlebte.

Seither ist sie Symbol und Botschafterin einer Bewegung für Kinder- und Mädchenrechte, die vor der UN und zahlreichen Parlamenten in aller Welt als Aktivistin gegen religiösen und politischen Fanatismus auftritt und für ihre Überzeugungen wirbt. Die ikonenhaft alterslose Erscheinung der 17-Jährigen ist zugleich aber ein Ausdruck dafür, dass die weltweite Aufmerksamkeit für ihr Anliegen nur zum Preis der verlorenen Kindheit zu bekommen war. Das Mädchen Malala wurde zum Opfer, dem Frau Yousafzai nun für immer ein Gesicht des Widerstands gegen ihre Auslöschung geben muss.

Die diesjährige Verleihung des Friedensnobelpreises an Malala Yousafzai sowie den indischen Kinderrechtler Kailash Satyarthi ist eine nachvollziehbare Entscheidung, weil sie besonderen Nachdruck auf die Tatsache legt, dass in den Konflikten der Welt stets Kinder zu den ersten Opfern gehören und es bleiben, selbst wenn sie als Überlebende noch einmal davongekommen sind. Ihre Schutzlosigkeit scheint indes kaum mehr jemanden anzurühren. Und fundamentalistische und terroristische Bewegungen, die nicht selten auch im Namen des Islam auftreten, haben sich die ideologische Zurichtung von Kindern ausdrücklich auf ihre Fahnen geschrieben.

Die Entführung und Zwangsislamisierung von über 200 Mädchen durch die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram war zuletzt ein besonders perfider Beleg dafür, dass Kinder und junge Frauen ganz gezielt in den Fokus der terroristischen Schreckensregime genommen werden. Sie sind Pfand und Trophäe obsessiver Phantasmaorgien eines pervertierten Glaubens. Der Friedensnobelpreis an Malala Yousafzai und Kailash Satyharti kann so gesehen auch als eine symbolische Erinnerung an die verschwundenen Mädchen verstanden werden.

Ausdruck öffentlicher Verlegenheit

Der Preis aus Oslo ist aber auch Ausdruck einer offensichtlichen Verlegenheit. So bemerkenswert es ist, das zwei engagierte Einzelpersonen die Gunst des Nobel-Komitees erhalten haben, markiert die Entscheidung doch auch ein eklatantes institutionelles Versagen.

Selten zuvor wurde die Weltöffentlichkeit von so vielen beinahe gleichzeitig eskalierenden Konflikten und Kriegen in Atem gehalten, vor denen die internationale Diplomatie und deren so behutsam aufgebauten Einrichtungen reihenweise zu kapitulieren drohen. Schlimmer noch: Nicht wenige Vertreter der diplomatischen und politischen Institutionen spielen ein kaum getarntes Doppelspiel, in dem sie die Regeln und Zeremonien des staatlichen Austauschs weiterhin in Betrieb halten, dabei aber unverhohlen ihre Geringschätzung und Verachtung diesen Regeln gegenüber zum Ausdruck bringen.

Das Dilemma des Syrien-Irak-IS-Konflikts besteht ja gerade auch darin, dass Russland eine wichtige Rolle zur Entschärfung dieses Konfliktes übernehmen könnte, vor der eigenen Haustür in der Ukraine sich aber ausdrücklich auf die Verfeinerung seiner Strategien und Methoden zur Destabilisierung eines ganzen Staatswesens verlegt hat.

Wenn der Friedensnobelpreis seine Funktion stets auch darin hatte, staatliche und zwischenstaatliche Institutionen bei ihren friedensstiftenden Bemühungen zu unterstützten, so müssen die Weltbeobachter aus Oslo einsehen, dass es um diese nicht sonderlich gut steht.

Wurde seit jeher beklagt, dass die erstaunlich lange Friedensphase nach dem Zweiten Weltkrieg durch zahlreiche Stellvertreterkriege getrübt wurde – oft am Rande der öffentlichen Wahrnehmung –, so ist der stets fragile Weltfriede nun insbesondere dadurch bedroht, dass die traditionellen Kriege mit erklärtem Anfang und Ende einem räuberischen Warlord-System gewichen sind, deren Akteure sich einerseits selbst ermächtigen oder auch von Mitgliedern der Staatengemeinschaft je nach Interessenlage geduldet und hingenommen oder sogar ganz offen unterstützt werden.

Die Osloer Verlegenheit, in diesem Jahr keine Institution gefunden zu haben, die es für ihre friedenssichernde Arbeit zu unterstützen lohnt, sollte aber auch als Ansporn verstanden werden. So schwierig es sein mag, die Waffenträger der Terrormiliz IS militärisch zu besiegen, dürfte längst auch klar geworden sein, dass deren nachhaltige Vernichtung nur durch Bildung und zivilisatorisches Selbstbewusstsein bewerkstelligt werden kann.

Am Ende können nur Malala Yousafzaiund ihre Schwestern den Dschihadismus besiegen. Ihr Streben nach Gleichberechtigung und Säkularisierung zeigt der Welt, wie dem Islamismus ohne Bomben beizukommen wäre.

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