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Eine Mitarbeiterin der Pflege läuft über einen Gang auf der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen.
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Eine Mitarbeiterin der Pflege läuft über einen Gang auf der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen.

Interview

Überlastung der Krankenhäuser in Corona-Pandemie: Klinikplaner warnt vor „unnötigen Einweisungen“

  • Thomas Kaspar
    VonThomas Kaspar
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Ein Brief an Pflegeheime im Landkreis Tuttlingen löst Wirbel aus – daraufhin warnt Klinikplaner Philipp Polster vor der Überlastung von Intensivstationen.

Frankfurt – In einem „dringenden Appell“ hatten der Landkreis Tuttlingen und das Klinikum sich „vor dem Hintergrund der aktuellen Welle der Corona-Pandemie“ an Pflegeheime gewandt, jede Einweisung in die überlasteten Intensivstationen zu überdenken. Die Heime sollten zudem Patientenverfügungen prüfen, um alte Menschen nicht gegen deren Willen einzuweisen.

In den sozialen Medien wurde dieses Schreiben als „Aufforderung zur Vor-Triage“ kritisiert. Das Landratsamt schrieb infolgedessen Mitte Dezember in einer Stellungnahme : „Durch eine gute Vorbereitung und frühzeitige Gespräche soll eine Triage gerade verhindert werden. Es ist unseres Erachtens keine Diskriminierung, sondern Fürsorge!“ Im Interview erklärt Klinikplaner Philipp Polster was hinter einem solchen Aufruf steckt.

Herr Polster, das Klinikum in Tuttlingen und der Landkreis haben Anfang Dezember mit einem Brief an Pflegeeinrichtungen für Aufsehen gesorgt. Darin wird gebeten „Klienten und deren Angehörige dafür zu sensibilisieren, in dieser schwierigen Zeit Krankenhauseinweisungen besonders sorgfältig zu bedenken.“ Sie haben sich danach zu Wort gemeldet. Warum?

Es waren zu viele falsche Fakten im Umlauf, die wollte ich richtigstellen. Die Grundthese des Briefes ist aus meiner Sicht richtig. Wir weisen zu viele Patienten in die Klinken ein, die eigentlich vorher eine Maximaltherapie abgelehnt haben. Oft nur weil die Dokumentation der entsprechenden Willensbekundungen nicht so verfügbar ist wie sie es sein müsste. Eine Patientenverfügung, die am Amtsgericht hinterlegt ist, ist wunderbar und wichtig. Sie hilft aber im Fall einer akuten Erkrankung wenig, wenn keine Kopie vor Ort ist, und so Pflege, Rettungsdienst und Klinik nicht sehen können, was eigentlich gewünscht ist.

Warum ist das ein Problem?

Das führt dann dazu, dass hier Patienten mit Maximaltherapie „anbehandelt“ werden, nur damit oft ein bis zwei Tage später herauskommt, dass dies gar nicht dem Patientenwunsch entsprach und die Therapie eingestellt werden muss. Das darf im Normalbetrieb schon nicht passieren und ist aus meiner Sicht ein massives moralisches wie auch patientenrechtliches Problem.

In Zeiten, in denen der Landkreis Tuttlingen der am schwersten betroffene in ganz Baden-Württemberg war, sind solche Fälle aber natürlich besonders schwierig für die Versorgung, da sie Ressourcen binden ohne dass am Ende jemals eine ernstzunehmende Chance auf Therapieerfolg stand, oder dieser ja sogar unerwünscht war. Denn diese Ressourcen brauchen wir, momentan mehr denn je, für diejenigen Patienten, die eine entsprechende Maximaltherapie wünschen. Ausdrücklich kann das auch eine andere Pflegeheimbewohnerin sein.

Sie haben in ihrem Twitter-Posting noch auf ein anderes Problem hingewiesen.

In der aktuellen Situation darf es nicht zu unnötigen Einweisungen kommen. Ich kenne Heime, auch im Landkreis Tuttlingen, die pauschal nach jedem Sturz einen Rettungswagen rufen. Unabhängig davon, ob der Patient auf den Kopf gefallen ist oder ob er überhaupt Schmerzen oder Verletzungen hat. Ähnliche Probleme gibt es, wenn alte Menschen zu wenig getrunken haben. Oder wenn die Pflegeheime die Bewohnerinnen und Bewohner Hilfe bei der Palliativbegleitung benötigen.

Kliniken und Pflege während Corona: Kapazitäten bei Notaufnahmen und Rettungsdienst schützen

Wie groß ist denn die Belastung durch solche falschen Einweisungen?

Dies bindet vor allem im Bereich der Notaufnahmen, aber auch im Rettungsdienst enorme Kapazitäten, die wir bereits im Normalbetrieb kaum haben. Im aktuellen Pandemiegeschehen ist dies aber noch dramatischer, da durch den fehlenden Lockdown dieses Mal das restliche notfallmedizinische Einsatzgeschehen nicht zurückgegangen ist.

Der Brief der Klinikleitung wurde in den sozialen Medien so zitiert, dass die Pflegeheime vorher über Leben und Tod der alten Menschen entscheiden sollten.

Ich fand den entstandenen, oftmals durch Falschinformationen wie einer „Triagepflicht“ begleiteten, „Shitstorm“ in den sozialen Medien sehr unfair. Ich kenne das Klinikum Tuttlingen gut, bin selbst immer wieder als freiberuflicher Mitarbeiter im örtlichen Rettungsdienst aktiv und habe selbst schon unzählige Patienten dorthin gebracht.

Dabei war das Personal des Klinikums, auch im Gegensatz zu vielen anderen Kliniken der Region, immer sehr motiviert und bemüht, auch und gerade um schwerstpflegebedürftige Patienten. Insgesamt trifft dieser Sturm ein Haus, das zu mindestens aus rettungsdienstlicher Perspektive vieles deutlich richtiger macht als hunderte andere Kliniken in Deutschland.

Philipp Polster.

Wie bewerten Sie den Vorstoß der Klinikleitung?

Die Frage ist, ob wir das eigentlich als Vorstoß sehen sollten. Es gibt seit Jahren entsprechende Initiativen für eine Reduzierung von nicht-indizierten Einweisungen aus Pflegeheimen. Es gibt zahlreiche Initiativen die eine stets verfügbare, einfache, Dokumentation des Patientenwillens fordern, beispielsweise das PALMA (Patienten-Anweisungen für lebenserhaltende Maßnahmen) Formular der Uniklinik Mainz.

Auch ging das gleiche Schreiben bereits früher im Jahr einmal an die Träger der Pflegeheime, ohne, dass es einen entsprechenden Aufschrei gab. Klinikum und der Landkreis haben also nicht wirklich etwas Neues gemacht. Sie haben eine Maßnahme durchgeführt, die in jeden Klinikalarm- und Einsatzplan gehört und die eigentlich auch im Normalbetrieb Standard sein sollte, die es aber nicht ist.

Corona-Situation verschärft Klinikalltag: Auch Situation in der Pflege kann Rolle spielen

Sie haben geschildert, dass oftmals die Pflegeheime alte Menschen vorschnell ins Krankenhaus senden. Wieso ist das so?

Das Personal in den Pflegeheimen steht oft mit dem Rücken zur Wand. Das muss man so krass sagen. Die Personaldecke ist extrem dünn, schon ohne Pandemie und Fluchtbewegungen aus der Pflege. Das hat einerseits rein personalwirtschaftliche Gründe: Woher soll mehr Personal aktuell kommen? Der Markt ist leer, de facto haben quasi alle Heime offene Stellen. Andererseits sind aber natürlich auch betriebswirtschaftliche Gründe Teil des Problems: Die Personaldecken sind darauf ausgelegt den Normalbetrieb zu schaffen, Raum für Mehrbedarf bleibt kaum, viele Personalplaner rechnen sogar fest mit einer gewissen Einweisungsquote ins Krankenhaus, damit das tägliche Pflichtprogramm zu schaffen ist.

Wenn die Aufgabenliste dermaßen voll ist, dass man dafür keine Zeit habe, ist der Griff zum Telefon und die Wahl der 112 aber der einfachere Weg. Es gibt durchaus auch viele Einrichtungen, die ein solches frühzeitiges „Abschieben“ an die Kliniken über Dienstanweisungen oder anderen Druck befürworten.

Das kann man aber dem Pflegepersonal nicht vorwerfen.

Genau das ist mir auch wichtig. Wir haben hier ein systemisches Problem, das in der Ausbildung anfängt und dann in der Personalsituation endet. Die einzelne Pflegekraft, die so handelt, kann absolut nichts dafür und es gibt natürlich auch mehr als genug Kolleginnen und Kollegen in der Pflege, die sich damit nicht zufriedengeben und dann, oft unter Inanspruchnahme von eigenen Nachteilen wie ausgefallenen Pausen oder Überstunden, anders handeln. Sie sind aber eben nicht die Regel.

Zu Person

Philipp Polster, 35 , ist Geschäftsführer der Firma MANV-Plan, die klinische Katastrophenschutzberatung leistet und Pläne für besondere Lagen in stationären Gesundheitseinrichtungen vorbereitet. Der Notfallsanitäter und ehemalige Rettungsdienstleiter hat Auslandserfahrung in mehreren Ländern, unter anderem durch Anstellungen in den Rettungsdiensten der Schweiz und Australiens. FR

Sie sagen Seniorinnen und Senioren würden gegen deren Willen in Intensivpflege genommen. Wie kann das sein?

Bei dermaßen akuten Erkrankungen oder Verletzungen, die eine Intensivtherapie benötigen, wird im Regelfall der Rettungsdienst gerufen. Wir kennen den Patienten oder die Patientin nicht, haben oftmals kaum Hintergrundinformationen zum Geschehen und müssen gleichzeitig binnen Sekunden entscheiden, ob wir nun eingreifen und Maßnahmen treffen, die den Patienten stabilisieren – oder eben nicht. Da bleibt keine Zeit zu warten, bis man Angehörige erreicht, im Amtsgericht anruft oder nach einer halben Stunde irgendwoher sonst eine Patientenverfügung beibringen kann.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Nehmen Sie ein Wiederbelebung. Hier haben die Kolleginnen und Kollegen nur Sekunden, um zu entscheiden, ob sie mit Maßnahmen beginnen. Machen sie einen Fehler und beginnen die Maßnahmen nicht, wird der Erkrankte vielleicht geschädigt und es drohen empfindliche Straftatbestände bis hin zum Totschlag durch Unterlassen. Im Zweifelsfall wird also eher eine Maßnahme durchgeführt – eben so lange wie keine eindeutige, schriftliche, Willensbekundung vorliegt.

Überlastete Kliniken: Warum Patientenverfügungen für Notfallpersonal entscheidend sind

Und dann gibt es keinen Weg zurück mehr?

Ist der Erkrankte erst einmal entsprechend notfallmedizinisch versorgt, wird er beatmet, bekommt kontinuierlich Medikamente und so weiter – ab da fällt es natürlich schwer, diese Versorgung wieder vor Ort zurückzufahren – für diesen, oft lange andauernden, Prozess vor Ort hat der Rettungsdienst nicht die Ressourcen und die Ausbildung, der Gesetzgeber sieht das auch gar nicht entsprechend vor. Er ist dann schlichtweg dazu gezwungen den Patienten erstmal einer Intensivstation zuzuführen. Erst dort hat man dann oft die Möglichkeit die Situation zu klären und die Behandlung zurückzunehmen. Das kann aber auch Tage dauern.

Was wäre die Alternative?

In anderen Ländern ist das oftmals anders – es gibt z.B. in Australien palliative Teams die in den Rettungsdienst eingegliedert sind und hier den Sterbeprozess auch über Stunden zu Hause begleiten können. Möglichkeiten gäbe es also viele.

Wie bewerten Sie die Betreuung in den Pflegeheimen bei der Patientenverfügung?

Unterschiedlich. Es gibt einzelne Heime, die hier extrem gut aufgestellt sind. In anderen wird das Thema bewusst ignoriert, wieder andere lassen sich eher von den Wertvorstellungen der Einrichtungen leiten. Und viele haben einfach keine Zeit und keine Motivation dafür. Fakt ist aber auch: Die Pflegeheime sind zwar die Orte, wo die Patientenverfügungen letztendlich zum Tragen kommen. Sie sind aber nicht die Orte, wo diese im Regelfall entstehen sollten. Denn ein viel zu großer Anteil an Bewohnerinnen und Bewohnern ist bereits bei Einzug ins Pflegeheim nicht mehr in der Lage hier seinen Willen entsprechend zu dokumentieren.

Kliniken, Palliativmedizin und Pflege: Gesellschaft muss mehr über Bedeutung des Sterbens reden

Was fordern Sie?

Wir müssen aus meiner Sicht gesamtgesellschaftlich viel mehr darüber reden, was Sterben bedeutet, wie wir uns Sterben vorstellen, welche Rechte wir Sterbenden garantieren müssen. Dazu gehört auch, dass wir darüber reden, dass Sterben eben nicht immer friedlich und erhaben ist, sondern manchmal genau das Gegenteil. Auch dann müssen wir darüber reden welche Maßnahmen gewünscht sind.

Was muss sich in Pflegeheimen ändern?

Wir brauchen eine gesetzliche Pflicht für ein einheitliches, immer beim Patienten verbleibendes Formular, das die Absicht der Patientenverfügung in Kurzform dokumentiert. Dazu müssen wir dafür sorgen, dass Pflegeheime entsprechende Beauftragte erhalten, die zum Thema aufklären, und vorhandene Willensbekundungen dokumentieren und aktualisieren.

Das reguläre Personal muss besser im Umgang mit Zustandsverschlechterungen und deren Therapie und vor allem Therapiegrenzen geschult werden. Ud es muss eine bessere Personaldecke geschaffen werden, um überhaupt Zeit für solche Notfälle zu haben. Die Fachkräfte müssen hierbei besser durch Hausärzte, bevorzugt im Heimarztmodell, unterstützt werden. Auch hier muss eine entsprechende Vergütungs- und Personalstruktur geschaffen werden.

Die Last liegt nicht nur bei den Heimen, oder?

Wir müssen ein gesetzliches Anrecht auf die kurzfristige Versorgungsübernahme durch einen Palliativdienst erreichen. Es kann nicht sein, dass es vom Wohnort abhängt, ob man adäquat im Sterbeprozess betreut wird . (Interview: Thomas Kaspar)

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