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Klimawandel in der Antarktis: Wenn das Wasser steigt und steigt

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Von: Johannes Dieterich

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29 Staaten haben einen Vertrag zum Schutz der Antarktis unterzeichnet, aber er ist sehr löchrig und zeitlich befristet.
29 Staaten haben einen Vertrag zum Schutz der Antarktis unterzeichnet, aber er ist sehr löchrig und zeitlich befristet. © iStock

Sonne, stärkere Winde und wärmere Strömungen setzen dem Eis der Antarktis zu. Forschende schlagen Alarm und warnen vor katastrophalen Folgen für die gesamte Welt.

Die über vier Kilometer dicken Eismassen im kalten Osten der Antarktis galten bislang als weitgehend stabil – doch auch diese Zuversicht schmilzt dahin. Die Strömungen im Südpolarmeer haben sie verändert, sie schieben jetzt wärmeres Wasser in den Osten des siebten Erdteils: Sie könnten den größten Eismantel der Welt unterspülen, der sich über eine Fläche von der Größe der Vereinigten Staaten ausdehnt. Die Forschenden der britischen Southampton Universität, die die Veränderungen feststellten, konzentrierten sich bei ihrer Untersuchung vor allem auf das „Aurora Subglazialbecken“, das sich in der Ost-Antarktis größtenteils unter dem Meeresspiegel erstreckt.

Im Aurora-Becken maß das Forschungsteam Wassertemperaturen, die um zwei bis drei Grad über denen von vor 90 Jahren liegen. Dies entspreche einem Anstieg von bis zu 0,4 Grad pro Dekade, heißt es in einer jüngst in der britischen Zeitschrift „Nature Climate Change“ veröffentlichten Studie. Der Trend habe sich in den vergangenen 30 Jahren noch um mehr als das Doppelte beschleunigt: Inzwischen steigen die Temperaturen jedes Jahrzehnt offenbar um bis zu 0,9 Grad an. Schmilzt das Eis des Aurora-Beckens, wird der Meeresspiegel um 5,1 Meter steigen: Es wäre das Ende zahlreicher Hafenstädte der Welt.

Die Veränderung der Meeresströmung führen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf stärkere Westwinde über dem Südpolarmeer zurück, die sich außerdem zunehmend dem Festland nähern. Für ihren Kurswechsel wird die Klimaerhitzung verantwortlich gemacht.

Die wärmeren Meeresströme vermischen sich mit dem kalten Gewässer der Ost-Antarktis: Dort schmilzt das Eis weniger von der Oberfläche, wie bislang nur befürchtet wurde: Es wird vielmehr von wärmerem Wasser unterspült, woraufhin die unterspülten Gletscher schneller ins Meer rutschen.

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Die Ostküste des Kontinents ist außerdem für ihre Fjorde und kilometertiefen Risse im Eis bekannt: Sie sorgen dafür, dass das erwärmte Wasser auch an die Oberfläche gelangt. Der Trend werde sich im Laufe dieses Jahrhunderts noch verschlimmern, sind die Forschenden überzeugt: „Die ostantarktische Eismasse wird immer instabiler“, heißt es in ihrer Studie.

Die Meereserwärmung wird sich auch auf die Tierwelt auswirken. Der Krill, von dem unter anderem Robben, Wale und Pinguine leben, legt seine Eier in tieferen und kälteren Meeresschichten ab. Wie sich die Erwärmung der tieferen Schichten auf den Krillbestand auswirken wird, ist noch unklar. Bekannt ist die Schlüsselrolle der kleinen Krebse für das gesamte Biotop: Stirbt der Krill, dann stirbt das Südpolarmeer.

Bisher beschränkten sich die Hiobsbotschaften aus der Antarktika auf den Westen des Kontinents. Dort wurden im Februar Rekordtemperaturen von mehr als plus 18 Grad gemessen. Das Schelfeis zerbröselt, die Gletscher schmelzen so schnell wie noch nie. Anfang dieses Monats wartete ein internationales Forschungsteam mit einer weiteren Schreckensbotschaft auf. Ihrer in der Zeitschrift „Nature Geoscience“ veröffentlichten Studie zufolge schmilzt der mächtige westantarktische Thwaites-Gletscher, der wegen seiner Größe und Bedeutung auch der „Weltuntergangs-Gletscher“ genannt wird, wesentlich schneller als bisher angenommen.

Der Gletscher von der Größe Floridas habe sich vom Boden gelöst und halte sich inzwischen „nur noch mit den Fingernägeln fest“, so einer der Autoren der Studie, der britische Geophysiker Robert Larter. Löse sich der Gletschers ganz im Wasser auf, sei mit einem Anstieg des Meeresspiegels um mindestens einen Meter zu rechnen.

Die Antarktis wird von der Klimaerhitzung mehr als jeder andere Erdteil mitgenommen. Forschende befürchten einen „tipping point“ genannten Kipppunkt, der die Eisschmelze unumkehrbar machen und noch weiter beschleunigen wird. Ein bisher wenig erforschtes Phänomen sind etwa die dünnen Eisschichten auf dem Meer, die sich im Winter zwischen dem Ozean und dem Schelfeis bilden und die bis zu sechs Meter hohen Wellen des Südmeeres dämpfen. Kommt es wegen des erwärmten Wassers nicht mehr zur Bildung solcher „Eisflossen“, brechen die Wellen ungehindert auf das Schelf- oder Festlandeis – und beschleunigen so dessen Schmelze. Der Kontinent hält in seinem Eis 70 Prozent der Süßwasserreserven der Welt fest: Sollte all dieses Eis schmelzen, wird der Meeresspiegel um 61 Meter ansteigen.

Schauplatz des Klimawandels: Die Antarktis
Schauplatz des Klimawandels: Die Antarktis © PantherMedia / Marcelo Rabelo

Das Südpolarmeer steht mit allen drei Ozeanen in Verbindung und ist für die Verteilung von kühlerem Wasser und Nährstoffen in den Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean von entscheidender Bedeutung. Trotzdem tun sich die 29 Unterzeichnerstaaten des 1959 geschlossenen Antarktisvertrags schwer, das Meer unter besonderen Schutz zu stellen.

Bei ihrer jüngsten Jahresversammlung Ende Mai in Berlin scheiterte ein weiterer Vorstoß, den südlich des 60. Breitengrads gelegenen Teil des Polarmeers zum maritimen Schutzgebiet zu erklären. Selbst der Vorschlag, eine der Schlüsseltierarten der Antarktika, die Kaiserpinguine, unter Schutz zu stellen, scheiterte am Widerstand Chinas. Alle Entscheidungen müssen einstimmig von den 29 Staaten gefasst werden. Der Vertrag weist die Gebietsansprüche einzelner Staaten an dem Erdteil ab, verbietet den Abbau von Bodenschätzen und erklärt den Kontinent zur militär- und atomwaffenfreien Zone. Das Abkommen regelt auch Aspekte des Fischfangs und des Tourismus und ist bis 2048 gültig. Versuche, diese Zeitbegrenzung aufzuheben, sind bislang ebenfalls gescheitert.

Kippelemente

Zu einer Kettenreaktion kann es kommen, wenn bestimmte „Kippelemente“ im Klima- und Erdsystem ausgelöst werden. Dann würde sich die Erderwärmung unkontrollierbar verstärken. In der Antarktis liegen gleich drei dieser Kippelemente.

16 dieser Kippelemente , die bei unterschiedlichen Temperatur-Schwellenwerten ausgelöst werden, haben Forschende identifiziert. Die Palette reicht von den riesigen Eisschilden auf Grönland und in der Antarktis über die Permafrost-Böden, den Amazonas-Regenwald und den Golfstrom bis zum Monsun in Indien.

Schon beim aktuellen Stand der globalen Erwärmung besteht die Gefahr, dass fünf Kipppunkte überschritten werden – und die Risiken steigen mit jedem Zehntelgrad.

Der Westantarktische Eisschild liegt größtenteils auf Felsboden, der sich unter dem Meeresspiegel befindet und zum Landesinneren noch abfällt. Wenn dieser Eisschild instabil wird, beispielsweise weil er sich durch wärmeres Meerwasser zurückzieht, ist er nicht mehr aufzuhalten und der Eisverlust beschleunigt sich von selbst. Dies könnte laut dem Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) bei einer globalen Erwärmung von ein bis drei Grad geschehen.

Die Einzugsgebiete von einigen Gletschern in der Ostantarktis liegen ebenfalls unterhalb des Meeresspiegels und könnten daher „kippen“. Laut PIK passiert das bei zwei bis sechs Grad Erwärmung.

Der Ostantarktische Eisschild scheint bisher noch viel stabiler als die Westantarktis. Bei einer Erwärmung um 7,5 Grad Celsius könnte aber auch da ein Kipp-Prozess beginnen.

fme/jw

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