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Klimawandel im Südpazifik: „Für uns geht es ums Überleben”

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Von: Sven Hauberg

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Pazifische Inselstaaten wie die Salomonen sind besonders stark von Klimawandel betroffen. Im Interview erzählt der EU-Botschafter des Landes, was er vom Westen fordert – und warum er auf China setzt.

München/Honiara – Eigentlich war man mit Moses K. Mosé verabredet, um über China zu sprechen. Denn vor einigen Monaten hatten die Salomonen ein heftig umstrittenes Sicherheitsabkommen mit Peking geschlossen; vor allem in den USA wurden Befürchtungen laut, China könnte in dem Inselstaat im Südpazifik eine Militärbasis errichten. Mosé, EU-Botschafter der Salomonen, will bei dem Treffen dann aber doch nicht über das Verhältnis seines Landes zu China reden. Ein anderes Thema sei ohnehin drängender, sagt er: Der Klimawandel ist für das Land mit seinen rund 700.000 Einwohner eine existenzielle Bedrohung. „Die Zeit läuft uns davon“, warnt Mosé, der auch in Deutschland die Interessen seines Landes vertritt, im Interview mit der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA.

Herr Botschafter, wie wirkt sich der Klimawandel auf den Salomonen aus?

Der Klimawandel ist eine existenzielle und ernste Gefahr für die Salomonen und viele andere Inselstaaten im Pazifik. Besonders betroffen sind kleine Atolle und Gebiete in Küstennähe. Die Strände werden weggespült, das zwingt die Menschen, ihre Dörfer aufzugeben und weiter ins Inland zu ziehen. Weil der Meeresspiegel steigt, verschmutzt auch das Trinkwasser. Viele Bauern auf den Salomonen, die bislang zum Beispiel Taro oder Süßkartoffeln angebaut haben, können das nicht mehr. Aber auch Menschen, die in höherliegenden Gebieten leben, sind betroffen. Zum Beispiel, weil Erosion die Böden zerstört.

Auch Unwetter werden wegen des Klimawandels immer häufiger …

Wir erleben häufiger schwere Regenfälle, was zu Überschwemmungen führt und Straßen wegspült. Auch Wirbelstürme nehmen zu. Früher gab es vielleicht alle fünf Jahre einen schweren Sturm, heute ein oder zweimal pro Jahr. Kaum ist die eine Katastrophe überstanden, kommt die nächste.

Klimawandel im Pazifik: „In 50 oder 100 Jahren existieren viele dieser Inseln vielleicht nicht mehr“

Mussten auf den Salomonen Menschen deshalb bereits umgesiedelt werden?

Ja. Immer wieder wandern Menschen aus tiefer gelegenen Regionen in höher gelegene Gebiete ab. Die betroffenen Gemeinschaften stellt das vor große Herausforderungen. Es ist nicht leicht, sein Dorf zu verlassen und sich anderswo ein neues Leben aufzubauen. Auf den Salomonen führt das bisweilen sogar zu Stammeskonflikten.

Auch viele andere Inseln der Region leiden unter den Auswirkungen des Klimawandels. Wo zeigt sich das besonders?

Besonders betroffen sind zum Beispiel Inselstaaten wie Tuvalu, die Marshallinseln oder Kiribati. In 50 oder 100 Jahren existieren viele dieser Inseln vielleicht nicht mehr. Für uns geht es jetzt ums Überleben. Die wissenschaftlichen Daten zeigen, dass wir an einem Kipppunkt stehen. Wichtige Entscheidungen dürfen jetzt nicht vertagt werden. Sonst ist es zu spät. Tuvalu etwa besteht aus mehreren Atollen, die oft nur ein paar Zentimeter über dem Meeresspiegel liegen. Da kann es vorkommen, dass eine besonders hohe Welle das halbe Atoll überflutet. Die Regierung von Neuseeland hilft den Menschen in Tuvalu, weggespülte Strände wieder mit Sand aufzubauen, der vom Meeresboden wie mit einem Staubsauger aufgesaugt wird.

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Eine teure Technologie …

Genau. Den betroffenen Inseln kann diese Technologie zwar helfen. Das geht aber nur, wenn Staaten wie Neuseeland die Kosten übernehmen. Überhaupt reden wir von riesigen Investitionen, die nötig wären, um allen betroffenen Staaten zu helfen. Aber das Geld haben wir nicht. Wir können es uns schlicht nicht leisten, unsere Küstengebiete zu schützen. Es ist schon teuer genug, immer wieder die zerstörte Infrastruktur aufzubauen.

Die westlichen Industriestaaten tragen die Hauptverantwortung für den Klimawandel, während die Salomonen und andere Inselstaaten ganz besonders darunter leiden. Macht Sie das wütend?

Ja, das macht mich wütend. Wir tragen weniger zum Klimawandel bei als andere, und trotzdem leiden wir am meisten darunter. Die Industriestaaten wissen, was ihre Handlungen für Konsequenzen haben und vor welchen Problemen wir stehen. Trotzdem handeln sie viel zu langsam. Keiner kann heute mehr ernsthaft leugnen, dass es die globale Erwärmung gibt und wie sie sich weltweit auswirkt. Schon alleine, weil nicht mehr nur die ärmeren Länder betroffen sind. Sogar in Europa bekommt man ja die Auswirkungen schon zu spüren. Wir aber merken jeden Tag aufs Neue, was der Klimawandel bedeutet.

Botschafter Moses K. Mosé
Botschafter Moses K. Mosé vertritt die Salomonen in der EU. © Embassy of Solomon Islands

Klimawandel: Die reichen Staaten sind schuld, die armen Länder leiden

Was fordern Sie vom Westen konkret?

Wir fordern, dass sich die großen Industriestaaten stärker daran beteiligen, die ärmeren Ländern finanziell zu unterstützen. Sie müssen uns helfen, die Schäden durch den Klimawandel zu begrenzen und uns an die neue Realität anzupassen.

Die USA und China engagieren sich seit einiger Zeit verstärkt im Südpazifik. Befürchten Sie, dass die Salomonen zum Spielball der Großmächte werden – und dass der Kampf gegen die Auswirkungen des Klimawandels darunter leidet?

Die USA haben zwar wirtschaftliche Unterstützung für unsere Region versprochen. Ich glaube aber, dass es ihnen vor allem um Geopolitik geht. Die US-Regierung will ein Gegengewicht zu China bilden, das immer mehr präsent ist im Pazifik. Unsere wirklichen Probleme sind Ihnen nicht wichtig.

Und wie ist es mit China?

Die Chinesen sind sehr offen bei dem, was sie tun. Sie kommen, fragen dich, was du möchtest, und bieten dir Unterstützung an. Sie haben erkannt, dass der Klimawandel für uns eine große Herausforderung darstellt. China sagt dir nicht, was du tun sollst. Anders als die USA.

Und Sie glauben, dass China keine Hintergedanken hat? Die USA befürchten, Peking könnte auf den Salomonen eine Militärbasis errichten.

China hat natürlich seine eigenen Prioritäten, wie jedes andere Land auch. Ich glaube aber, dass sie sich für ihrer Unterstützung nichts von uns im Gegenzug erwarten. Sie kommen, weil sie sehen, dass wir Hilfe brauchen.

Am Strand des Salomonen-Dorfes Gupuna
Am Strand des Salomonen-Dorfes Gupuna: Der Meeresspiegel steigt. © Danita Delimont/Imago

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