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Schüler am Freitag beim globalen Klimastreik von "Fridays for Future".

Im Brief an seinen Papa

Klimastreik: Spinnen die? FR-Chefredakteur verteidigt "Fridays for Future"

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FR-Chefredakteur Thomas Kaspar antwortet zum heutigen Klimastreik seinem Vater, der sich über Fridays for Future aufregt. Spinnen die Jugendlichen?

Mein Vater hat mir einen Text aus dem Internet kopiert und zugesandt. „So ist es“, meinte er dazu. Dieser Text ist unter dem Brief angehängt. Meine Antwort an ihn veröffentliche ich hier. Sein Gefühl drückt vieles von dem aus, was heute nicht gehört und abgeholt wird, mit meiner Antwort möchte ich diese Lücke schließen.

Lieber Papa,

die Klimaaktivisten wiederholen, was alle Jugendlichen in ihrer Zeit bewegt hat. Sie stellen die vorhergehenden Lebensstile infrage. Das hat jede Generation getan und das ist auch gut so. 

Die Fragen, die man sich anhören „muss“, sind manchmal ganz schön hart: „Was hast du in der Zeit des Nationalsozialismus gemacht?“ Das war deine Frage an die Generation vor dir, weil die massenhaften unmenschlichen Auswirkungen einer Antwort bedurften. Und die Sprachlosigkeit deines Vaters und meines Großvaters mütterlicherseits hat eine große Lücke hinterlassen. Wir haben uns selbst Antworten gegeben, es war uns so wichtig zu recherchieren, welche Rolle unsere Familien gespielt haben für unsere eigene Identität, dass wir viel Mühe darauf verwendet haben. Das hat dir und mir als deinem Sohn geholfen zu klären, ob wir uns für unsere Familie schämen müssen. Ob wir aus einer Perspektive der Täter, Mitläufer oder des Widerstands zurückblicken.

Globaler Klimastreik: Proteste in fast 160 Staaten

Heute Klimastreik - Fridays for Future: Jugendliche sind immer radikal 

Jugendliche sind immer radikal. Sie erobern sich immer wieder individuell neu, was die gesamte Menschheit erarbeitet hat. Das ist ein grandioser Trick der Evolution: Würden sie alle Antworten geschenkt bekommen, würde sich nichts verändern. Indem sie alles neu lernen, behalten sie, was für sie passt, und verändern, was nicht passt. In diesem Sinn stimmt es, ja, du musst dir das anhören und aushalten, dass die Fragen radikal gestellt werden. 

Du und ich, du als Großvater und ich als Vater, können sehr stolz sein, dass wir drei kritikfähige, sprachbegabte Söhne und Enkel haben. Denn in ihnen spiegeln wir uns ja wider.

Ich erinnere mich an Gespräche mit dir und Freunden aus deiner Generation, wie sehr ihr es gehasst habt, immer die alten Klamotten der Brüder aufzutragen. Wie schön es war, endlich eine neue Jeans kaufen zu können. Deine Eltern erlebten wie viele nach dem Krieg wirkliche Armut, die nur eine dünne Schicht Luft für alles hat, was nicht überlebensnotwendig ist. Und andererseits entstand aus dieser Lebensprägung ein tiefer Respekt für Gebrauchsgegenstände. Ich habe den Satz und den Tonfall noch im Ohr, wenn deine Mama, meine Oma, sagte „Das ist doch noch gut“, sie bemerkte es zu angeschlagenen Tassen, nur am Rand angelaufenem Käse oder mit wenigen Löchern versehenen Kleidungsstücken. 

Heute Klimastreik von Fridays for Future - Kindern soll es einmal besser gehen

Richtig ist aber auch, dass wir in ihrem Keller Dutzende abgelaufener Kondensmilchdosen gefunden haben. Sie konservierten nicht nur Milch weit über das Ablaufdatum hinaus, sondern auch die Angst vor dem Verhungern, vor dem Nichts, das ihre Generation bitter erlebt hat. Im Verständnis dieser Kondensmilch-Angst habe ich mich mit der Passivität dieser Generation, nun ja nicht versöhnt, aber sie doch verstanden: Wer die eigene pure Überlebensnot nicht so erlebt hat, sollte nicht vorschnell urteilen. 

In deiner geflickten und an den Beinen verlängerten Jeans ist noch eine andere Sehnsucht eingewebt. Der Wunsch nach Entwicklung, nach Fortschritt, danach, dass es dir und deinen Kindern einmal besser gehen soll. Dieser Wunsch ist der Grundantrieb aller Eltern, aller Großeltern. Irgendwann ist man endlich und man möchte, dass es den eigenen Kindern besser geht. 

Wahr ist auch, dass aus diesem Wunsch viele großartige Erleichterungen des Alltags, viele technische Innovationen entstanden sind. Niemand muss mehr auf dem Waschbrett waschen, kaum einer spült mit der Hand, und du als Maschinenbauingenieur hast selbst viele Innovationen für moderne Autos entwickelt. Und dich darüber geärgert, wenn ich stundenlang die Telefonleitung blockiert habe – nein, nicht um mit Freunden zu telefonieren, sondern um mit dem Modem die Mailbox von Freunden zu verbinden.

Für dich wie für mich war die Innovation zum Alltag geworden. Und übrigens hat mir Opa erzählt, wie es früher auf den Volksfesten zuging. Er nannte das nicht Komasaufen, aber es war nicht weit weg. Mit dem Unterschied, dass heute sofort die Polizei kommen würde, wenn sich die Betrunkenen so eine Schlägerei liefern würden, in die Opa stolz nicht nur einmal verwickelt war. 

Irgendwann ist diese Weiterentwicklung dann aber aus den Fugen geraten. Aus Hygiene für Lebensmittel wurden geschälte, in Plastik verpackte Ananas. Aus Mobilfunktechnologie wurden Geräte mit eingebauter Lebensdauer, immer schneller drehenden Betriebssystem-Updates und Zweijahresverträgen, an die der Neukauf kombiniert ist. Die Geister des westlichen Turbokapitalismus, die deine Generation rief, lassen sich nun nicht mehr nach Belieben zurück in die Flasche stopfen.

Bei der Talkrunde "Hart aber fair" wird das Thema Klimaschutz heftig diskutiert. Der Moderator Frank Plasberg scheint darüber überrascht. 

Ich weiß, dass du genauso verärgert und verwundert vor diesen Entwicklungen stehst wie deine Enkel. Im Gegensatz zu dir und mir können wir aber den Kindern nicht vorwerfen, dass sie die Welt so vorgefunden haben, wie wir sie gestaltet haben. Sie hinterfragen nur, warum ihre Eltern alle Wege mit dem Auto machen, so billige Flüge nutzen und von der romantisch erzählten Nachhaltigkeit gar nicht mehr so viel übrig ist.

Fridays for Future fragen: Warum wird so viel Müll produziert?

Die Jugendlichen von heute sehen die Welt wie alle Jugendlichen zuvor. Es hat nichts mit Autismus zu tun, wenn Jugendliche fokussiert sind: Das Leben von Kindern und jungen Erwachsenen ist noch nicht abgelenkt von Lebensmühen. Wenn sie etwas Falsches sehen, können sie radikal darauf reagieren. Und zum Glück nutzt diese Generation ihren Wohlstand, das materielle Sorglossein dazu, die Welt retten zu wollen.

Sie hinterfragen wie du, warum Mama einen SUV fährt, warum so viel Müll auf einem Festival produziert wird. Und sie versuchen es zu ändern. Und sie segeln lieber nach Amerika als zu fliegen. Weil für Jugendliche Symbole wichtig sind, wie dir dein Peace-Aufnäher auf dem Parka – das was er bedeutet hat, war für dich genauso wenig konsequent einhaltbar wie für die Klimaaktivisten. Es war immer so, dass westliche Menschen immer in einem Dilemma stecken, allein weil sie diesen Wohlstand erarbeitet haben oder in ihn hineingeboren wurden. Doch durch den Protest dieser „Gören“, wie du sie nennst, denken wir darüber nach. 

Lieber Papa, deine Generation hat einen großen Vorteil. Sie sitzt am längeren Hebel. Weil ihr schon so oft so viel Gelegenheit hattet zu sprechen, habt ihr gelernt zuzuhören. Weil ihr schon so viel erlebt habt, könnt ihr einordnen. Und das Schöne dieser Großelterngeneration ist, dass sie sich besser mit den Enkeln versteht als viele zuvor. 

Meine große Sehnsucht ist, dass der Kern dessen, was du erzählst, den Sprung über die Generationen schafft: Nachhaltigkeit als Grundwert eint euch. Ihr musstet aus Not nachhaltig leben, sie tun es freiwillig. Wenn ihr das Anliegen der Generation Fridays nicht als Vorwurf hört, werdet ihr stolz auf sie sein.

Wir haben eine missverständliche Stelle zu Autismus geändert. Red

Klage der Generation 1949 über Klimaaktivisten

Dieser anonyme Brief kursiert im Internet und wendet sich an die Jugendlichen von Fridays for Future. In der Familie des FR-Chefredakteurs hat er zwischen den drei Generationen eine Debatte ausgelöst.

„Ich bin Jahrgang 1949 und muss mir heute anhören, wir ruinieren der Jugend das Leben. Ich muss Euch enttäuschen, denn in meiner Jugend wurde nachhaltig gelebt.

Strümpfe und Strumpfhosen wurden gestopft. An Pullover wurden längere Bündchen gestrickt. Hosen wurden mit bunten Borten verlängert. Zum Einkaufen und zur Schule musste ich mehrere Kilometer zu Fuß laufen, transportiert wurden die Einkäufe in einem Netz. Wenn Kleidung nicht mehr brauchbar war, wurden alle noch verwertbaren Dinge wie Knöpfe oder Reißverschlüsse abgetrennt und der Rest für Flicken oder als Putzlappen genutzt. Geschenkpapier wurde vorsichtig geöffnet um es wieder zu verwenden.

Wir sammelten Altpapier und Flaschen mit der Schule und halfen bei der Kartoffelernte. Ich könnte noch mehr dieser Art der Nachhaltigkeit aufzählen. Stattdessen muss man sich von Rotzlöffeln, die sich mit dem SUV zur Schule kutschieren lassen, die alleine wahrscheinlich einen 20-mal höheren Stromverbrauch haben als wir in unserer gesamten Jugend, sagen lassen, wir ruinierten ihr Leben.

Wir hatten keine elektronischen Spiele, unser WhatsApp waren Zettel, unter der Bank in der Schule verteilt. Wir verabredeten uns mündlich, Telefon gab es keins – das war für Notfälle gedacht. Diese dämlichen Gören wollen mir etwas über Umweltschutz erzählen, werfen ihre Kleidung nach zweimal Tragen weg, produzieren Müll ohne Ende, verbrauchen seltene Erden und müssen immer die neuesten Geräte besitzen.

Auf euren Demos lasst ihr euren Müll von euren erwachsenen Sklaven wegräumen, und am Wochenende geht es zum nächsten Open-Air-Konzert zum Koma-Saufen; auch euer Koma-Saufen gab es früher nicht. So und wenn ihr dann einmal so nachhaltig lebt wie meine Generation gelebt hat, dann dürft ihr gerne streiken.“

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