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Umstrittener Veranstaltungsort: das Berliner Olympiastadion.

Umwelt

Klimaschutz: Die Welt retten für 29,95 Euro

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    Jan Sternberg
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Ein Berliner Start-up ruft „Fridays for Future“ im nächsten Juni ins Olympiastadion. Die Frankfurter Aktivisten distanzieren sich von diesen Plänen.

Wenn alles glattläuft, dann werden am 12. Juni 2020 bis zu 90 000 Menschen im Berliner Olympiastadion gleichzeitig ihre Smartphones herausholen und Petitionen an den Bundestag zeichnen – für mehr Klimaschutz, gegen soziale Ungerechtigkeit, kurz: für alles, was gut und grün ist. Sie werden Stars, Musikern und Wissenschaftlern zuhören und am Ende mit dem Gefühl nach Hause gehen, eine bessere Welt bestellt zu haben. „Wir sind stark auf der Straße und jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter“, sagt Luisa Neubauer von „Fridays for Future“ im Werbevideo. „Lasst uns einen positiven Kipp-Punkt in unserer Gesellschaft schaffen“, fordert Moderatorin Charlotte Roche.

Für diesen Kipp-Punkt werden die Gäste auch bezahlt haben: 29,95 Euro für das Tagesticket, wenn sie nicht eine anonym gesponserte Freikarte bekommen haben. Denn das Olympiastadion zu mieten, kostet: 1,8 Millionen haben die Organisatoren des Berliner Start-ups „Einhorn“ ausgerechnet. Die Firma verkauft Kondome und Periodenprodukte. Ihre politische Erfahrung stammt hauptsächlich aus einer erfolgreichen Petition, die Mehrwertsteuer auf Tampons und Binden zu senken. Die Kosten für das Stadion müssen nun binnen vier Wochen über Crowdfunding eingespielt werden. Nach vier Tagen waren bereits 360 000 Euro zusammengetragen.

Politische Teilhabe als kostenpflichtiges Event? Die Kritik kam prompt, und sie kam mit Wucht. Moderator Jan Böhmermann trat eine fundamentale Debatte über Start-up-Unternehmer und soziale Verantwortung los.

Frankfurt distanziert sich

Die Idee kommt auch nicht bei allen Ortsgruppen der Fridays for Future gut an: Der Frankfurter Ableger distanzierte sich am Montag deutlich von dem Vorhaben. Das Event sei kein Projekt der Bewegung, die Frankfurter hätten nichts damit zu tun, sagte Sprecher Asuka Kähler bei einer Pressekonferenz. „Bundesweit wurde das Ganze noch überhaupt nicht besprochen.“ Bereits am Sonntag war Fridays for Future Frankfurt via Twitter auf Distanz gegangen, weil die Veranstaltung „in keinster Weise die Werte unserer Ortsgruppe widerspiegelt und antidemokratisch und intransparent organisiert wurde“. Zu behaupten, die Rettung der Welt sei für 29,95 Euro zu haben, stelle „einen Schlag ins Gesicht für die Jugendlichen dar, die seit elf Monaten auf der Straße sind“.

Auch historische Taktlosigkeit wird den Machern vorgeworfen. Schließlich wurde das Berliner Olympiastadion anlässlich der Spiele 1936 für die größte Propagandaveranstaltung der Nationalsozialisten missbraucht. Hitlers Lieblingsregisseurin Leni Riefenstahl drehte hier ihre Olympiafilme. Für 2020 träumen die Organisatoren in ihrem Aufruf von „90 000 Weltbürger*innen, die genau das Gleiche wollen wie du“.

Kritik gab es auch am Begriff „Bürger*innenversammlung“, unter dem die Veranstaltung laufen soll. Darunter versteht zumindest die Klimabewegung „Extinction Rebellion“ (XR) etwas völlig anderes. Sie fordert solche Versammlungen als dauerhafte basisdemokratische Begleitung des politischen Prozesses. XR-Sprecherin Annemarie Botzki kritisiert nicht nur, dass der Tag im Olympiastadion Eintritt kosten wird, sondern auch, dass ein Stadionevent die Voraussetzungen für eine solche Versammlung nicht erfüllen kann: „Die eigentliche Absicht, Menschen aus allen sozioökonomischen Kontexten abzubilden und gerade denen politische Partizipation zu ermöglichen, die sich dies ansonsten eher weniger zutrauen, ist hier in keiner Weise gegeben.“

„Große Bühne füllen“

Auch Luisa Neubauer legt jetzt Wert darauf, dass sie nicht zu den Organisatoren gehört und der Veranstaltung nicht kritiklos gegenübersteht. Auf Anfrage sagte sie: „Die Veranstaltung kann und soll überhaupt kein politisches Gremium sein, sie kann auch nicht bestehende Demokratie- und Gerechtigkeitsdefizite in diesem Land ausgleichen.“ Dennoch findet sie das Event weiterhin gut: „Die Idee ist, eine große Bühne mit Politik und Wissenschaft zu füllen und Menschen über Inhalte zusammenzubringen. Dieser Tag wird nicht die Welt retten oder von 0 auf 100 unsere Probleme lösen, aber im besten Fall Themen besetzen und Energie freisetzen. Bis dahin ist aber noch viel zu tun.“

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