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Klimaschutz soll zurück auf die Agenda

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Von: Jörg Staude

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Kurz vor Beginn der Klimakonferenz trifft sich in Sydney die internationale Bergbau-Industrie – und die Protestbewegung dagegen.
Kurz vor Beginn der Klimakonferenz trifft sich in Sydney die internationale Bergbau-Industrie – und die Protestbewegung dagegen. © afp

Derzeit folgt Krise auf Krise - bei der Klimakonferenz in Scharm el-Scheich geht es deswegen auch darum, den globalen Klimaschutz wieder ernsthaft zu verfolgen.

Lange galt der an diesem Sonntag beginnende Weltklimagipfel in Ägypten als ein eher technischer. Es sollte vor allem darum gehen, das Pariser Abkommen von 2015 sowie die Beschlüsse vom Glasgower Gipfel im vergangenen Jahr umzusetzen.

In Schottland hatten sich die Länder einiges versprochen. Sie wollten ihre nationalen Klimabeiträge – die „Nationally Determined Contributions“ (NDCs) – verschärfen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Einig war man sich auch, dass der Klimawandel immer größere Schäden anrichtet und daher mehr Finanzhilfen für die Betroffenen nötig sind.

Jetzt frage sich die Welt, ob der Gipfel in Scharm el-Scheich alle diese Versprechen überhaupt einlösen kann, meint der Klimaökonom Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. „Die Kriege und Krisen dieses Jahres haben die Umsetzung dieser Beschlüsse definitiv schwerer gemacht“, räumt er ein.

Klimakonferenz in Ägypten: Der Klimaschutz muss wieder auf die Tagesordnung

Beim „Kerngeschäft“, der CO2-Minderung, gibt es so gut wie keine Fortschritte. Von den 193 Ländern, die das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet haben, reichten seit dem Glasgower Gipfel erst 24 Länder neue NDCs ein – und nicht immer mit verbesserten Zielen.

Mit den bisher zugesagten Schritten werden die globalen Treibhausgasemissionen bis 2030 ungefähr auf dem heutigen Niveau stabilisiert, rechnen Fachleute vor. Um das Pariser 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, ist es aber nötig, die Emissionen bis 2030 zu halbieren.

Für Lambert Schneider, Forschungskoordinator für internationale Klimapolitik beim Öko-Institut, besteht das Ziel des Gipfels vor allem darin, den Klimaschutz wieder auf die Tagesordnung zu setzen, ein neues „politisches Moment“ zu schaffen.

Klimakonferenz in Ägypten: Die Klimakrise enteilt der Politik

Allerdings beginnt die Krise der Politik zu enteilen. Denn die neuesten, 2022 veröffentlichten Berichte zum Weltklima stellen klar: Bereits eine Erwärmung um 1,5 Grad birgt die Gefahr, dass Kipppunkte des Weltklimas erreicht werden, wie etwa das vollständige Abschmelzen des grönländischen Inlandeises.

Dabei ist die Krise schon jetzt, wo die globale Erwärmung 1,2 Grad erreicht hat, im Alltag angekommen – mit Wetterextremen wie Hitzesommern und massiven Niederschlägen, mit Waldbränden und Dürren, mit wochenlangen Überflutungen wie in Pakistan oder Nigeria.

Die Zeit für den Klimaschutz läuft ab.
KLIMA_CO2-Uhr_2022-11.jpg © FR

Die sich beschleunigende Erwärmung erschwert auch die Debatten über die finanziellen Hilfen. Seit Jahren drücken sich die Industrieländer davor, ihre bereits 2009 gegebene Zusage einzulösen, die Entwicklungsländer mit jährlich 100 Milliarden US-Dollar zu unterstützen. 2020 sollen ungefähr 84 Milliarden Dollar an öffentlichen und privaten Gelder mobilisiert worden sein. „Die Industrieländer sind dringend aufgefordert, hier nachzubessern“, betont Wolfgang Obergassel, Co-Leiter des Forschungsbereichs Internationale Klimapolitik beim Wuppertal-Institut.

Klimakonferenz in Ägypten: Es geht um „Loss and Damages“

Angesichts der Kosten, die durch die Klimaschäden entstehen, wirken die 100 Milliarden Dollar inzwischen fast antiquiert. Allein die Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal kommt Deutschland mit 30 Milliarden Euro zu stehen. „Das ist der Schaden durch ein Extremwetter-Ereignis in einem Jahr in einem Land“, zieht Lambert Schneider vom Öko-Institut den Vergleich. Die 100 Milliarden Dollar sollen dagegen für sämtliche Entwicklungsländer sowohl zur Emissionsreduktion als auch zur Anpassung reichen.

Noch schwieriger wird in Scharm el-Scheich die Frage zu beantworten sein, wie man mit dem zweiten großen Finanzthema umgeht: dem Ausgleich für Verluste und Schäden durch den Klimawandel in besonders betroffenen Ländern, auch „Loss and Damage“ genannt. „Die Entwicklungsländer fordern hier seit Langem mehr Unterstützung – die Industrieländer haben sich darauf bisher nicht eingelassen“, beschreibt Wolfgang Obergassel die Lage.

UFZ-Klimaökonom Schwarze plädiert dafür, für die „Verluste und Schäden“ einen Sonderfonds auf UN-Ebene zu schaffen. Eine gegenüber humanitärer Hilfe gut abgegrenzte Form könne zum Beispiel ein Loss-and-Damage-Fonds für schleichende Klimaschäden sein – etwa für die wachsende Zahl der Menschen, die aufgrund von Wasserstress ihre bäuerliche Existenz aufgeben müssen und auf der Suche nach Arbeit in die Slums der Großstädte abwandern.

Klimakonferenz in Ägypten: Die Wissenschaft hegt noch Hoffnung

Eine weitere Möglichkeit sei ein Fonds für langfristig angelegte Schritte beim Wiederaufbau nach Naturkatastrophen, wie die Sanierung geschädigter Ökosysteme oder die Wiederherstellung von Kulturdenkmälern. „Die Gelder dafür müssen allerdings noch gefunden werden“, betont Reimund Schwarze. Das sei schwierig in dieser krisengeplagten Zeit, aber keine unüberwindbare Hürde.

Trotz aller Probleme hegt die Klimawissenschaft noch Hoffnung. Denn 2009 sagten die Prognosen noch eine Erwärmung um 3,5 Grad bis Ende des Jahrhunderts voraus. Mit ihrer aktuellen Klimapolitik würde die Welt bei 2,5 Grad landen. Halten die Länder – und darunter auch Klimabremser wie Russland oder Saudi-Arabien – ihre Ankündigungen zur Klimaneutralität tatsächlich ein, sind immerhin noch 1,8 Grad erreichbar – nicht so sehr weit weg von den 1,5 Grad.

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