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Klimaschutz muss Standard werden

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Es gibt bereits unzählige Standards, oftmals von Kundinnen und Kunden kaum bemerkt. Die Vorgaben für den Auslauf von Legehennen beispielsweise hat die EU-Kommission deutlich angehoben.
Es gibt bereits unzählige Standards, oftmals von Kundinnen und Kunden kaum bemerkt. Die Vorgaben für den Auslauf von Legehennen beispielsweise hat die EU-Kommission deutlich angehoben. © Imago

Viele Menschen wollen sich nachhaltig verhalten, tun es aber nicht. Warum die Strukturen zum Klimaschutz auffordern müssen. Ein Gastbeitrag von Michael Kopatz.

Die Deutschen finden Klimaschutz sehr wichtig. Eine breite Mehrheit wünscht sich den raschen Ausbau von Wind- und Sonnenkraft, nur nicht vor der Haustür. Und nur wenige sind bereit, sich persönlich einzuschränken, etwa bei den Urlaubsflügen. Rund 80 Prozent wünschen sich weniger Autos in der Stadt. Tatsächlich lässt aber kaum jemand den Wagen stehen oder schafft ihn gleich ganz ab. Im Gegenteil, allein 2021 kamen weitere 400 000 Autos auf die Straßen. Rund 90 Prozent sind angeblich bereit, wesentlich mehr Geld für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung auszugeben. Real tun es allerdings zwei bis drei Prozent.

Über 30 Jahre Umweltbildung in Schulen und Universitäten, die Berichterstattung der Printmedien und aufrüttelnde Dokumentationen im Fernsehen haben bewirkt, dass die Menschen bereit für den Schutz der Umwelt sind – mental.

Aber wie kann es gelingen, dass sich das Umweltbewusstsein in konkreten Handlungen entlädt, die einen Beitrag zu Klimaschutz leisten?

Die Strukturen müssen zum Klimaschutz auffordern. Die politischen Entscheidungsträger verfügen über verschiedene Instrumente, um klimafreundlichen Verhaltensweisen und Konsumentscheidungen anzuregen. Wirkungsvoller als Bildungsarbeit und Kampagnen ist etwa eine Steuerung über den Preis, wie es gerade mit der CO2-Steuer versucht wird. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Diskussion über Preise ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt – mehr als es die CO2-Steuer vermocht hätte. Der Wunsch, möglichst rasch unabhängig von russischem Öl und Gas zu werden, hat zudem die Bereitschaft für ordnungsrechtliche Veränderungen geschaffen. Sie sind ein zentraler Hebel beim Klimaschutz.

Standards sorgen dafür, dass die Waren in den Supermärkten nachhaltiger werden. Der Europäische Kommission kann Bio zum Standard machen. Nicht von heute auf morgen, aber Schritt für Schritt, müssten Hersteller dann dafür sorgen, dass die Verpackungen weniger und zugleich umweltfreundlich werden, sich im Kreislauf führen lassen. Es wäre naiv zu glauben, dass Plastikmüllberge allein durch Aufklärungskampagnen schrumpfen werden. Ein wirkungsvoller Standard wäre hier zum Beispiel, wenn es Getränke nur noch in Pfandflaschen zu kaufen gibt.

Es gibt bereits unzählige Standards, meist in Form von Verordnungen, etwa in der Landwirtschaft. Beispielsweise hat die EU-Kommission die Vorgaben für den Auslauf von Legehennen deutlich angehoben. Zumeist haben das die Kundinnen und Kunden gar nicht realisiert. Vorgaben, etwa für den Auslauf in Schweineställen, kann die EU im Rahmen eines Agrarwendefahrplans nach und nach anheben. Im Ergebnis hätten wir 100 Prozent Bio für alle. Eigentlich ganz einfach. Für die Landwirte ist nur wichtig, dass alle Kolleginnen und Kollegen in der EU dieselben Vorgaben einhalten müssen.

Elektrogeräte, Häuser und Autos wurden effizienter, weil man die gesetzlichen Standards schrittweise erhöht hat. Beispielsweise hatten unsere Geräte im Wohnzimmer häufig einen Stromverbrauch von 20 Watt, wenn sie scheinbar ausgeschaltet waren. Die Standby-Verordnung der EU hat den Maximalverbrauch auf 0,5 Watt begrenzt. Von den eingesparten Stromkosten profitieren 500 Millionen Menschen in der Europäischen Union.

In der gleichen Form geht der Gesetzgeber für Dutzende Produkte vor und nimmt die Produzenten in die Pflicht, statt sich in wirkungslosen Beschwörungsformeln über strategischen Konsum zu ergehen. Kühl- und Gefrierschränke – meist die größten Verbraucher im Haushalt – sind nur noch in gehobenen Effizienzklassen zu haben. Die Menschen kaufen sparsame Geräte, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden. Und das gilt für den gesamten europäischen Wirtschaftsraum. Die billigen Stromfresser dürfen nicht mehr verkauft werden.

Michael Kopatz ist Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie.
Michael Kopatz ist Projektleiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. © Sellmann

Limits wiederum können das Wachstum von besonders klimaschädlichen Produkten und Dienstleistungen stoppen. Beispielsweise fliegen die Deutschen schon sehr viel. Es darf nicht noch mehr werden, darin sind sich alle Klimafachleute einig. Mein schlichter Vorschlag: Wir limitieren die Starts und Landungen auf das gegenwärtige Niveau. Ganz einfach. Was müsste die Bundesregierung dafür tun? Nichts! Wenn der Bund keine weiteren Lizenzen für Starts und Landungen vergibt, wenn München und Hamburg ihre Flughäfen nicht erweitern, dann wird das Limit automatisch erreicht. Oft geht es darum, etwas besser zu lassen, als es besser zu machen.

Zudem gilt es, den Straßenausbau zu beenden. Auch diese simple „Maßnahme“, die eigentlich Tatenlosigkeit erfordert, also nicht weiter zu planen und Aufträge an Straßenbauunternehmen zu vergeben, würde die weitere Zunahme des Straßengüterverkehrs begrenzen. Wenn überhaupt, sollte weiteres Wachstum nur noch auf der Schiene stattfinden. Die Bahn fährt schon heute zu weiten Teilen mit grünem Strom. Durch einen Straßenbaustopp würden pro Jahr einige Milliarden Euro frei, um die Bahn zu stärken. Viele denken, das ist ja ziemlich radikaler Vorschlag, doch das ist genau der Punkt, an dem sich zeigt, wie ernst es der Politik mit dem Klimaschutz im Sektor Verkehr ist.

Das offizielle Ziel lautet, die Emissionen in diesem Bereich bis 2030 um 40 Prozent zu reduzieren, erreicht wurden bisher null Prozent. Wie man hier bis 2045 klimaneutral werden will, wenn noch Tausende Kilometer Bundesstraßen gebaut werden und besonders der Güterverkehr permanent wächst, kann niemand plausibel erklären.

Dem Einzelnen mag es schwerfallen, auf einen Flug zu verzichten. Und warum sollte ein Spediteur aufhören zu wachsen? Davon profitiert doch nur die Konkurrenz. Die Unterlassung des Ausbaus der klimaschädlichen Infrastruktur schafft einen gesellschaftlichen Rahmen für den Klimaschutz.

Tu was! Kann man sich jetzt einfach entspannt zurücklehnen und abwarten, dass Politik Vorgaben für den Klimaschutz macht? Nein, denn es ist dem Engagement von vielen Menschen zu verdanken, die von der Politik eine zukunftsfähige Energiepolitik eingefordert haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Viele Reformen kommen erst dann, wenn sich Bürgerinnen und Bürger dafür engagieren.

Von daher ist es gut, wenn die Menschen im nächsten Winter Heizkosten sparen oder öfter auf einen Flug verzichten. Strukturell wirksamer ist jedoch politisches Engagement. Beispielsweise, in dem man an einer Demonstration gegen den Ausbau eines Flughafens teilnimmt. Die „Fridays for Future“-Bewegung hat nicht an die Bürgerinnen appelliert, auf Flüge und Auto zu verzichten, sondern beispielsweise eine CO2-Steuer eingefordert, also systemische, strukturelle Vorschläge gemacht. Die Vertreterinnen und Vertreter des Volkes haben darauf reagiert und seinerzeit sogleich das sogenannte Klimapaket überarbeitet.

Es gibt viele Formen, sich für Klimapolitik stark zu machen. Einen Verein, Verband oder Initiative unterstützen, eine Petition starten oder unterzeichnen, Briefe an Politikerinnen schreiben, Unterschriften sammeln und vieles mehr. Viele Formen des Engagements sind freudvoll, etwa bei einer Critical Mass mitfahren, einer internationalen Fahrraddemo, jeden letzten Freitag im Monat. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und man erfährt: Ich bin nicht allein. Es gibt noch viele andere, die sich einmischen. Wer etwas tut, statt die Zustände zu beklagen, kann den Enkelkindern eines Tages erzählen: „Ich habe Widerstand geleistet und Veränderungen durch lauten Protest eingefordert.“ Das fühlt sich eigentlich ganz gut an. (Michael Kopatz)

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