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Klimaschutz-Lücke: „Das Fenster schließt sich“

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Von: Joachim Wille

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Dürren, wie die in Somalia, werden durch den Klimawandel häufiger.
Dürren, wie die in Somalia, werden durch den Klimawandel häufiger. © dpa

UN-Organisationen warnen vor der Klimaschutz-Lücke, die die 1,5 Grad-Grenze unerreichbar macht. Die Internationale Energieagentur sieht das Ende des fossilen Zeitalters.

Die Weltgemeinschaft hat 2015 bei der Verabschiedung des Pariser Weltklimavertrages beschlossen, die Aufheizung des Planeten bei maximal zwei Grad zu stoppen, besser aber bei 1,5 Grad. Aktuelle Bilanzen der UN und der Internationalen Energieagentur (IEA) zu den nationalen CO2-Plänen (Fachkürzel: NDCs) und zur Energiepolitik der Regierungen weltweit zeigen: Dieses Ziel wird weit verfehlt, wenn die Länder nicht radikal nachsteuern. Klar ist: Die Einhaltung des 1,5-Grad-Limits ist schon fast außer Reichweite. Allerdings könnte Putins Energiekrieg den klimafreundlichen Umbau des Energiesystems anschieben.

Das UN-Umweltprogramm (Unep) in Nairobi warnte am Donnerstag mit drastischen Worten vor einer Fortsetzung des unzureichenden Klimaschutzes: „Das Fenster schließt sich“ – so der Titel des „Emissions Gap Report 2022“. Die Chefin der Organisation, Inger Andersen, sagte: „Wir hatten unsere Chance, schrittweise Änderungen vorzunehmen, aber diese Zeit ist vorbei. Nur eine tiefgreifende Umgestaltung unserer Wirtschaft und Gesellschaft kann uns vor einer sich beschleunigenden Klimakatastrophe bewahren.“

UN-Bericht: Es gibt noch Hoffnung

Der Report zeigt, dass die bisherigen Klimaschutzpläne der knapp 200 Unterzeichnerstaaten des Paris-Vertrags darauf hinauslaufen, dass sich die Erde bis 2100 um 2,4 bis 2,6 Grad erwärmt. Einen ähnlichen Wert – 2,5 Grad – hatte der am Mittwoch vorgelegte Bericht des UN-Klimasekretariats in Bonn ergeben. Würden nur die bereits in aktuelle Politik umsetzten Pläne fortgesetzt, wären es sogar 2,8 Grad.

Zwar könnten laut Unep theoretisch auch 1,8 Grad erreicht werden, dann nämlich, wenn auch die (zumeist noch unverbindlichen) Ankündigungen von Staaten wie den USA, China und dem EU-Block umgesetzt werden, bis 2050 oder 2060 Klimaneutralität zu erreichen. Es gebe also „noch Hoffnung“, so die Organisation. Sie schränkt aber ein: „Allerdings ist dieses Szenario aufgrund der Diskrepanz zwischen den derzeitigen Emissionen, den kurzfristigen NDC-Zielen und den langfristigen Netto-Null-Zielen derzeit nicht glaubwürdig.“

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Das 1,5 Grad-Limit gilt als Sicherheitsline, um wichtige Kipppunkte des Weltklimasystems zu vermeiden. Um diese Grenze zu halten, müssten die globalen Treibhausgas-Emissionen bis 2030 gegenüber dem Stand von 2010 halbiert werden, so der Weltklimarat. Bisher hat sich die Erde bereits um rund 1,2 Grad erwärmt, mit bereits jetzt katastrophalen Folgen in vielen Weltregionen. Unep betont denn auch nun: Um auf den 1,5- Grad-Pfad zu kommen, müssten die Emissionen bis 2030 um 45 Prozent gegenüber dem Wert gesenkt werden, der bei Fortsetzung der derzeitigen Politik zu erwarten ist. Um das Zwei-Grad-Limit halten zu können, ist laut dem Report eine Senkung um 30 Prozent nötig.

Beides wäre eine echte Kehrtwende. Das UN-Klimasekretariat erwartet nämlich, dass die Emissionen bis 2030 tatsächlich um 10,6 Prozent im Vergleich zu 2010 ansteigen werden. Das ist zwar etwas moderater als bei der Bewertung im vorigen Jahr erwartet (13,7), aber immer noch weit entfernt von den nötigen Minderungspfaden. Die UN-Fachleute erwarten, dass die Emissionen erst nach 2030 sinken werden.

Gefährlich verrechnet

In der EU reicht der Klimaschutz bislang nicht aus, um das anvisierte Ziel einer Emissionsverringerung um mindestens 55 Prozent bis 2030 (verglichen mit dem Basisjahr 1990) einzuhalten. Um diese Klima- und Energieziele zu erreichen, müsse der jährliche Fortschritt bei der Reduzierung der Emissionen und des Energieverbrauchs sowie beim Ausbau erneuerbarer Energien mehr als verdoppelt werden, berechnet aktuell die EU-Umweltagentur EEA.

Der Jahresausstoß müsse im Schnitt um 134 Millionen Tonnen sinken, fordert die EEA. Zwischen 1990 und 2020 seien im Mittel aber nur 52 Millionen Tonnen erreicht worden.

In die völlig falsche Richtung entwickelten sich EU-Emissionen 2021. Sie stiegen gegenüber 2020 um schätzungsweise fünf Prozent, vor allem in Verkehr, Industrie und Energieversorgung. Den Hauptgrund dafür sieht die EEA in der wirtschaftlichen Erholung nach den 2020er Lockdowns und Produktionsstopps der Pandemie. Verglichen mit dem Vor-Corona-Jahr 2019 lagen die Emissionen 2021 um etwa sechs Prozent niedriger. dpa

Beide Analysen erschienen im Vorfeld des UN-Klimagipfels, der im November im ägyptischen Scharm-el-Scheich stattfindet. Sie fallen so pessimistisch aus, weil seit der letzten Klimakonferenz in Glasgow im vorigen Jahr nur 24 Länder verbesserte Klimapläne vorgelegt haben – obwohl doch alle einig gewesen seien, dass dies nun geschehen müsse, wie das Klimasekretariat anmerkte. In Ägypten müsse nun unbedingt die Gelegenheit genutzt werden, um hier nachzulegen, forderte UN-Klimachef Simon Stiell.

Ob das während einer noch nicht überstandenen Corona-Pandemie und inmitten der von Putins Ukraine-Krieg ausgelösten Energiekrise geschehen wird, ist sehr fraglich. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zum Beispiel hat die Erwartungen an den Gipfel bereits deutlich heruntergedimmt. Sie sagte, es könne passieren, dass die Konferenz noch nicht einmal eine gemeinsame Abschlussvereinbarung hinbekomme. Auf die Frage, welches Minimalziel die Bundesregierung bei der Konferenz verfolge, sagte sie: „Dass sie stattfindet. Das weiß man in dieser Weltlage nie.“

Für etwas Hoffnung in dieser tristen Lage sorgt ausgerechnet die Internationale Energieagentur, die in früheren Jahren oft als Apologetin der fossilen Energien auftrat. Ihr am Donnerstag vorgelegter „World Energy Outlook“ erwartet in allen Szenarien erstmals überhaupt für alle fossilen Brennstoffe – Kohle, Erdgas, Erdöl – einen Höchststand oder ein Plateau, ab dem die Nutzung absinkt.

IEA setzt auf Wende durch Krieg in der Ukraine

„Die durch den Einmarsch Russlands in die Ukraine ausgelöste globale Energiekrise führt zu tiefgreifenden und langfristigen Veränderungen, die den Übergang zu einem nachhaltigeren und sichereren Energiesystem beschleunigen können“, so die Bewertung der Agentur. Die IEA erwartet daher den „Höhepunkt der globalen Emissionen im Jahr 2025“. Sie ist also optimistischer als die UN-Organisationen, die von 2030 als Umkehrpunkt ausgehen, weil sie den Putin-Effekt noch nicht einrechnen.

Allerdings betont auch die IEA, dass dies alleine noch nicht ausreichen werde, um „schwerwiegende Auswirkungen des Klimawandels zu vermeiden“. Die Investitionen in saubere Energien müssten von derzeit 1,3 Billionen US-Dollar jährlich bis 2030 auf rund vier Billionen verdreifacht werden, um Klimaneutralität weltweit bis Mitte des Jahrhunderts zu erreichen und so das 1,5 Grad-Limit halten zu können.

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