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Klimaschutz in Israel: Ein Roboter im Bienenstock

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Von: Inge Günther

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Selbst im Negev (im Bild das Ashalim-Solarkraftwerk) ist zu wenig Platz für Klimaschutz. imago images
Selbst im Negev (im Bild das Ashalim-Solarkraftwerk) ist zu wenig Platz für Klimaschutz. © Xinhua/Imago

Israel verlässt sich in Sachen Klimakrise auf seinen innovativen privaten Hightech-Sektor. Vom Staat – erst recht von Benjamin Netanjahu – darf nicht zu viel erwartet werden.

Nahost gilt als ein Hotspot des globalen Klimawandels. Die Region hat die 1,5-Grad-Erderwärmung – ursprünglich im Pariser Abkommen als gerade noch tolerierbare Höchstmarke gesetzt – bereits überschritten. Die sieben heißesten Jahre wurden laut Daten des israelischen Umweltministeriums im vergangenen Jahrzehnt gemessen.

Was das konkret für Israel bedeutet, umschreibt Colin Price, Geowissenschaftler und Experte für Atmosphärische Phänomene, so: Längere Sommer mit Hitzerekorden, mehr Buschbränden und staubtrockener Vegetation. Kürzere Winter mit weniger Regentagen, aber dann mit teils so starken Niederschlagsmengen, dass ganze Wohngebiete in den Küstenstädten überflutet werden.

Und natürlich steigt auch der mediterrane Meeresspiegel – alljährlich um etwa einen Zentimeter. Bis Ende des 21. Jahrhunderts könnte sich das auf einen Meter addieren. „Für die sechs Millionen Ägypter, die im Nildelta leben, eine Katastrophe“, sagt Price. Für Gaza vermutlich auch. Für das etwas höher gelegene Israel und dessen nördliche Steilküste nicht so sehr. „Aber auch hier nimmt die Erosion an den Klippen zu.“

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Allzu lange hält sich Price damit nicht auf, wenn er Besuch in der Tel Aviver Universität empfängt. Sein Spezialgebiet sind zwar extreme Wetterereignisse. Aber von Angst-Szenarios hält er als Direktor des Center for Climate Change Action wenig, von aktiver Gefahrenabwehr umso mehr. Gegründet vor gut einem Jahr versteht sich das Zentrum als multidisziplinärer Thinktank zur Förderung innovativer studentischer Projekte, die die Karbonemission reduzieren, aber auch die Gesellschaft an den Klimawandel anpassen. Praxisorientiert ist nicht nur die Forschung. Beim Vorhaben, den Campus bis 2030 klimaneutral zu machen, sind alle Fakultäten einbezogen. Mit neuen Technologien sei es nicht getan, so Price. „Wir brauchen auch die Psychologie, etwa um unsere Konsumgewohnheiten zu verändern.“

Bislang war das israelische Umweltbewusstsein allgemein eher unterentwickelt. Einweggeschirr aus Plastik zum Beispiel wird noch immer en masse verbraucht. Ob beim Picknick, im Büro oder auch in den Küchen ultraorthodoxer jüdischer Familien, die sich strikt an das Gebot halten, Fleischiges von Milchigem zu trennen. Mit Wegwerftellern fällt das leichter als mit zweierlei Porzellan. Bis vor ein, zwei Jahren verschwendeten die meisten Israelis dabei keinen Gedanken an den Klimaschutz.

Ein Umdenken setzte erst mit der jetzt abgewählten Acht-Parteien-Koalition ein, die eine Ministeuer auf Plastikgeschirr erhob. Wenn Benjamin Netanjahu seine rechts-nationalreligiöse Koalition durchbekommt, soll das wieder abgeschafft werden. Auch soll die „Grüne Polizei“, bislang im Auftrag des Umweltministeriums unterwegs, Itamar Ben-Gvir unterstellt werden, dem designierten Minister für Nationale Sicherheit. Ben-Gvir, einschlägig bekannt als Araberhasser, werde sie vorzugsweise wohl nach illegalen Müllplätzen in Beduinendörfern fahnden lassen, vermutet die nun scheidende Umweltministerin Tamar Zandberg.

Die linksliberale Meretz-Politikerin hat in anderthalb Jahren Amtszeit einiges auf den Weg gebracht, um Israel für den Klimawandel zu wappnen. Das Thema ist in der staatlichen Bildung inzwischen Pflichtfach, vom Kindergarten bis zur High School. Anschauungsunterricht gibt es auch. Schattendächer, belegt mit Solarpanels, die die Sonnenenergie einfangen und zugleich Spielplätze oder auch Parkplätze vor ihr schützen, werden im Land immer beliebter.

Das gesetzte Ziel, den Anteil an erneuerbarer Energie bis 2030 auf 30 Prozent zu steigern, ist freilich bescheiden. An Sonne mangelt es nicht, aber an freier Fläche. Die wiederum reichlich hat das benachbarte Jordanien, mit dem Israel einen Tauschhandel eingefädelt hat: Demnach soll der Wüstenstaat die Israelis jährlich mit 600 Megawatt Solarstrom beliefern und im Gegenzug 200 Millionen Kubikmeter Trinkwasser, dem knappsten Gut in Nahost, aus den gigantischen Entsalzungsanlagen an der israelischen Küste erhalten.

Als eigentlichen Motor, um Klimatechnologie zu beschleunigen, sieht sich aber Israels Hightech-Sektor. An die 700 Start-ups sind beteiligt, die meisten beschäftigen sich mit klimaresistenter Agrarwirtschaft und sauberer Energie, aber auch mit nachhaltigen Transportsystemen, alternativen Proteinen, Abfallverwertung und anderem mehr. Ihre Dachorganisation namens Planetech arbeitet zwar ohne Profit, aber hilft beim Ausloten von Exportchancen – der israelische Markt allein ist zu klein für rentable Klimatechnologie.

Just erst präsentierte Planetech eine Auswahl erfolgversprechender Projekte einer Besuchergruppe europäischer Abgeordneter. Zum Beispiel ein von der Firma UBQ vorgestelltes Verfahren, aus gewöhnlichem Hausmüll – von Bananenschalen bis hin zu Babywindeln – biobasiertes Thermoplastik, geeignet für Kunststoffprodukte, zu gewinnen. Das verträgt sich nicht unbedingt mit dem deutschem Umweltbewusstsein, aber die Niederlande beispielsweise haben an diesen UBQ-Pellets bereits Interesse angemeldet.

Ökologisch mehr Sinn machen da die von Beewise für die Imkerei computerisierten Bienenstöcke. In so einem modernen solarbetriebenen Wohnkasten für Honigbienen finden 24 Völker Platz, farbig markierte Einflugspalten helfen bei der Orientierung. Drinnen wacht ein Roboter über ihr Wohlergehen, regelt Temperatur, kontrolliert Futtermengen, registriert Anzeichen für Krankheiten und macht gegebenenfalls die Luken dicht, um das Ausschwärmen zu verhindern oder falls auf den Feldern ringsum Pestizide versprüht werden.

Beewise-Chef Saar Safra nennt die Hightech-Behausung „einen Schub zum Überleben“ – für die weltweit dahinschwindenden Bienen, für die zur Bestäubung notwendige Vegetation und letztlich auch für die Menschen. Der Vorteil für die Imker:innen: mehr Ertrag, weniger Arbeit. Derzeit konzentriert sich Beewise auf den US-Markt, danach, so Safra, sei Europa dran.

Das magere Ergebnis des Klimagipfels in Scharm el-Scheich lässt Professor Price immer mehr daran glauben, dass dem Privatsektor die Hauptrolle bei innovativem Klimaschutz zukommt. „Der hat kapiert, dass das eine riesige Wachstumsindustrie ist.“ Als nächstes gelte es, den Finanzsektor an Bord zu holen, Banken und Versicherungen. Colin Price klingt nicht mal ironisch, als er hinzufügt: „Der Kapitalismus treibt uns auch zu Lösungen an.“

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