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Ein modernes Fernwärmekraftwerk in Saariselka erzeugt Energie umweltfreundlicher als kleine Heizkessel in privaten Häisern.

Klimaschutzziele

Finnland prescht vor

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Die seit Anfang Juni regierende Fünf-Parteienkoalition unter Premierminister Antti Rinne will bis 2029 aus der Kohle aussteigen und bis 2035 die CO2-Emissionen auf Null bringen.

Was in Deutschland als utopische Forderung von „Fridays for Future“ gilt – Kohleausstieg bis 2030 und Klimaneutralität bis 2035 – ist in Finnland seit dem Sommer offizielle Regierungspolitik: Die seit Anfang Juni regierende Fünf-Parteienkoalition unter Premierminister Antti Rinne will bis 2029 aus der Kohle aussteigen und bis 2035 die CO2-Emissionen auf Null bringen, letzteres zehn Jahre eher als die Vorgängerregierung. Und das soll ohne Abstriche beim Lebensstandard geschehen. Die Finnen möchten ihr Land zur ersten „fossilfreien Wohlfahrtsgesellschaft der Welt“ machen. Ministerpräsident Rinne und die grüne Umweltministerin Krista Mikkonen sprachen vom „grünsten Staat“ der Erde.

Alles recht ehrgeizige Ziele, liegen doch die Pro-Kopf-Emissionen der 5,5 Millionen Finnen nur leicht unter dem deutschen Schnitt von neun Tonnen CO2. Und 2018 stiegen aufgrund eines höheren Verbrauchs von Gas und Torf die Treibhausgasemissionen des Landes um zwei Prozent.

Um das Null-Ziel 2035 zu erreichen, soll das geltende Klimaschutzgesetz bis Anfang 2021 reformiert werden. Zunächst gibt es dazu eine landesweite Bürgeranhörung, damit „niemand auf dem Weg zu einem klimaneutralen Finnland zurückbleibt“, sagt Ministerin Mikkonen.

Einige der von der Rinne-Regierung schon jetzt geplanten Schritte würden der hiesigen Ökobranche gefallen – wie die Senkung der Stromsteuer oder Steuererleichterungen für die unterentwickelte Windkraft auf See sowie für Stromspeicher.

Weitere Voraussetzungen für Klimaneutralität sind so schlecht nicht. So werden etwa zwei Drittel der Wohnungen und Gebäude – in einem nordischen Land ein wichtiger Umstand – mit Fernwärme geheizt, die sich wiederum größtenteils aus erneuerbaren Quellen speist.

Wie mit dem Holzreichtum – dessen Wachsen als anrechenbare Kohlenstoffsenke beim Nullemissionsziel eingeplant ist – künftig umgegangen wird, darüber ist Streit vorprogrammiert. Angesichts des global steigenden Verpackungsbedarfs plant die Zellstoffindustrie mehrere neue Fabriken und entsprechende Abholzungen in den Wäldern. Umweltministerin Mikkonen ist skeptisch und hält es nicht für wahrscheinlich, dass alle neuen Zellstoff-Projekte umgesetzt würden. Es gebe einfach nicht genug Bäume.

Wärme und Strom werden in Finnland aber auch noch in großem Umfang mit Torf erzeugt. Der Brennstoff ist klimaschädlicher als Kohle, nicht nur, weil im Vergleich mehr CO2 ausgestoßen wird. Sein Abbau schwächt auch die Fähigkeit des Bodens, das Treibhausgas zu speichern. Auf ein Ausstiegsdatum für die Torf-Verbrennung hat sich die Regierung bisher nicht festgelegt. Sie hofft, dass steigende Kosten im Emissionshandel den Torfeinsatz unrentabel werden lassen und dessen Verbrauch so bis 2030 um mindestens die Hälfte sinkt.

Wenig umstritten ist in Finnland die Kernkraft, die den Energiebedarf des Landes derzeit zu einem Sechstel deckt. Nach jahrelanger Verzögerung soll Ende 2019 das an der finnischen Westküste liegende Akw Olkiluoto 3 mit einer Leistung von 1600 Megawatt ans Netz gehen. Das als links mit grünem Einschlag geltende Kabinett Rinne befürwortet einen weiteren Ausbau der Kernkraft – ein Punkt, der deutschen „Fridays for Future“-Aktivisten sicher nicht gefallen würde.

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