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„Klimapositive“ Produkte: Für ein bisschen gutes Klimagefühl

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Von: Jörg Staude

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Eine Frage des Stils: Viele Unternehmen kompensieren ihre Emissionen mit Aufforstung. Doch die Wirkung ist zweifelhaft.
Eine Frage des Stils: Viele Unternehmen kompensieren ihre Emissionen mit Aufforstung. Doch die Wirkung ist zweifelhaft. © Oscar Rivera/afp

Viele Unternehmen preisen „klimapositive“ Produkte an. Doch im Supermarkt ist nicht erkennbar, ob es sich um Etikettenschwindel handelt und es gibt keine einheitlichen Regeln.

Immer mehr Unternehmen präsentieren sich und ihre Produkte als „klimaneutral“ oder sogar als „klimapositiv“. Bei Letzterem soll der Konsum des Produkts mehr CO2 einsparen, als bei dessen Herstellung verursacht wird.

Ob es sich dabei um ein seriöses Versprechen oder um Etikettenschwindel handelt, können Kund:innen oft nicht erkennen, mokiert die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Das zu entscheiden, ist nicht einfach. Ein Beispiel: Mit dem Slogan „klimapositiv“ wirbt beispielsweise Ppura, ein italienischer Bio-Pasta- und Saucenproduzent. Dessen Produkte sind hierzulande bei Drogerieketten oder Biomärkten erhältlich. Ppura breitet seine CO2-Bilanz recht vorbildlich auf der Website aus und antwortet auf Nachfragen. Danach stammt der Strom zu hundert Prozent aus eigenen Photovoltaikanlagen, ausgenommen der für die Pasta. Der werde aus hundert Prozent Wasserkraft erzeugt, heißt es.

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Positiv rechnet sich Ppura auch den Bahntransport der Pasta und Saucen aus Italien in nördlicher Richtung an. Wirklich klimafreundlich ist ein Bahntransport aber nur, wenn E-Loks mit Ökostrom angetrieben werden. In der Schweiz fahren die Bundesbahnen schon zu hundert Prozent mit grünem Strom, die Deutsche Bahn gibt an, um die 61 Prozent Ökostrom zu nutzen. Vom genutzten italienischen Bahnunternehmen Trenitalia gebe es dazu leider, erklärt Ppura, „keine belastbaren Daten“, man schätze aber den Ökostromanteil dort auf 60 bis 80 Prozent. Der eigentliche CO2-Ausgleich geschieht bei Ppura, indem sich die Firma CO2-Einsparungen aus Waldprojekten und erneuerbarer Stromerzeugung anrechnet.

Von einem der Waldprojekte – einer Aufforstung in Uruguay – habe man sich kürzlich aber getrennt, erklärt Tina Ulmer von der Unternehmenskommunikation. Dieses war unter anderem in einem ZDF-Beitrag in die Kritik geraten. „Wir waren dann auch nicht mehr von der Sinnhaftigkeit überzeugt“, erläutert Ulmer.

„Klimapositive“ Produkte: Deutsche Umwelthilfe kritisch bei Aufforstung

Die Unterstützung eines Waldschutzprojekts in Brasilien lässt sich das Unternehmen dagegen weiter klimapositiv anrechnen. Dessen Zweck sei es auch, begründet Ulmer, illegale Abholzung zu vermeiden, den Wald also als CO2-Senke zu erhalten. Zum Projekt gehöre auch ein strenger Überwachungs- und Durchsetzungsplan samt Monitoring. Vor diesem Hintergrund habe Ppura, so Ulmer, bisher keinen Grund gesehen, den Ausgleich der Emissionen infrage zu stellen. Weitere CO2-Gutschriften erzielt das Unternehmen aus einem Laufwasserkraftwerk in Indonesien sowie einem Windkraftprojekt in Namibia.

Ob all das reicht, um real klimapositiv zu werden, lässt sich am Ende nicht endgültig beurteilen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht die Kompensation durch Aufforstungs- oder Waldschutzprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern generell kritisch. Die CO2-Wirkung sei zweifelhaft, weil die Emissionen eine sehr viel längere Zeit in der Atmosphäre verblieben, als die Bindung von Kohlenstoff in Bäumen ausgleichen kann, betonen die Umweltfachleute.

Für Ppura spricht wiederum, dass die auszugleichende CO2-Menge relativ gering ist. 2021 hat das Unternehmen nur rund 1 880 Tonnen CO2 verursacht, gibt Ulmer an.

Viele andere Unternehmen und Produkte verursachen einen ungleich größeren Treibhausgas-Fußabdruck. So entstehen durch die Nutzung digitaler Endgeräte wie Handys, Tablets oder Laptops – Herstellung und deren Nutzung, einschließlich des Aufwands für Datennetze und Internet – pro Gerät rund 850 Kilo Kohlendioxid im Jahr.

„Klimapositive“ Produkte: Entscheidend ist es, Emissionen zu vermeiden

Grob umgerechnet erzeugen also der Kauf und die Nutzung von etwas mehr als 2 000 Handys jährlich so viel CO2 wie das gesamte Ppura-Geschäft. Jedes Jahr werden in Deutschland aber rund 20 Millionen Smartphones verkauft. Sollten diese „klimaneutral“ gelabelt werden, wäre das mit ohnehin fragwürdigen Waldprojekten nicht einmal rechnerisch zu schaffen.

Als entscheidend, ob etwas als klimaschonend gelten kann, gilt denn auch weniger die Güte der CO2-Kompensation, sondern die Frage, ob es eine glaubwürdige Strategie gibt, die Emissionen zu verringern. Es komme darauf an, zunächst die Wertschöpfung so weit wie möglich auf nachhaltig, regional und bio umzustellen und erst im nächsten Schritt den Rest zu kompensieren, betont Tina Ulmer von Ppura ihrerseits. Auch für die DUH stehen das Vermeiden und Verringern von Emissionen in Produktion und Transport im Vordergrund. Dass Produkte zunehmend auch als „klimapositiv“ beworben werden, weist für die Umweltschützer darauf hin, dass es Verbraucher:innen zunehmend wichtig ist, welche Auswirkungen ihr Konsum auf das Klima hat.

Für die Verbraucher:innen ist es allerdings – wie die diffizile CO2-Bilanz von Ppura zeigt – nahezu unmöglich zu überprüfen, ob die Klimaversprechen glaubwürdig oder nur geschicktes Greenwashing sind. Die DUH weist darauf hin, dass es derzeit auch keine staatliche Kontrolle gibt, ob die von den Unternehmen behaupteten CO2-Einsparungen tatsächlich so stattfinden.

„Klimapositive“ Produkte: Deutsche Umwelthilfe kritisiert Begriff als irreführend

Die Verbraucherzentralen fordern ihrerseits entsprechend ein einheitliches, staatliches Klimalabel mit konkretem Bezug zum Produkt und verbindlichen Kriterien, um Verbraucher:innen für den Einkauf ein wirksames Werkzeug an die Hand zu geben. Schließlich geht gut ein Drittel des persönlichen CO2-Fußabdrucks jeder Person in Deutschland auf den sogenannten „sonstigen Konsum“ zurück. Unter den fallen auch Kauf und Einsatz von Elektrogeräten.

Derzeit müssen sich klimasensible Verbraucher:innen vor allem an Kriterien halten, die ohnehin für Nachhaltigkeit sprechen: Regionale Erzeugung, sparsamer Umgang mit Ressourcen, umweltschonende Herstellung und ein fairer Umgang mit Zulieferern. Bis zu drei Viertel der Treibhausgas-Emissionen im Lebenszyklus eines Produkts entstehen dabei bereits bei der Herstellung, zeigt eine Studie für das Umweltbundesamt (UBA). Handel und Transport haben demnach nur einen Anteil von einem und zehn Prozent an den Gesamtemissionen.

Für UBA-Präsident Dirk Messner ist deswegen für die Klimabilanz nicht so entscheidend, ob wir online oder im Geschäft einkaufen. „Die größte Stellschraube für den ökologischen Einkauf sind langlebige Produkte, die umweltfreundlich hergestellt sind“, meint Messner. Bestenfalls bekomme man diese Produkte in einem Geschäft um die Ecke, das mit dem Fahrrad oder zu Fuß erreichbar ist.

Den trendigen Begriff „klimapositiv“ hält die Deutsche Umwelthilfe übrigens für „hochgradig irreführend“. Dieser suggeriere, dass, je mehr von diesem Produkt konsumiert werde, das Klima umso besser geschützt werde. Das sei, erklärt die DUH, eine recht durchschaubare Strategie der Konsumförderung.

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