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Das Symbol für den Klimawandel: Etwas gegen die Erderwärmung zu tun, ist bei vielen jungen Menschen zur Bürgerpflicht geworden.

Erderwärmung

Klimapolitik im Strandkorb

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Wer übers Wetter redet, redet auch über den Klimawandel. Bei den Forschern keimt die Hoffnung, dass die Politik endlich handelt. Und: Das Bewusstsein für die eigene Verantwortung wächst.

Morgens, halb zehn am Wannsee, die Temperaturen nähern sich der 30-Grad-Marke. Die Sonne brennt auf den Vorplatz des Strandbades. Das „europaweit größte Binnensee-Bad“ nennen es die Berliner Bäder-Betriebe. Ein Treck von Familien zieht durch den Wald vom S-Bahnhof her, sie schleppen schwer an Strandtaschen, schwitzen. Die erste Reihe Strandkörbe ist schon früh besetzt, überall pustet und pumpt jemand an Schwimmringen und riesigen Plastik-Einhörnern herum. Es wird die bisher heißeste Woche dieses Jahres, aber nicht nur das: Es ist der heißeste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen.

Wer Ferien hat und einen See vor der Tür, kann sich glücklich schätzen. Eigentlich. Aber so einfach ist es nicht mehr mit dem Wetter. Die Sonne wird nicht mehr nur mit Badehosen und Sonnenbrillen verbunden, sondern auch mit dem Klimawandel, dem veränderten Golfstrom, der Zunahme von Extremwetterlagen. Wird das nun immer schlimmer? Kann man einfach den Tag im Strandkorb verdämmern, den plätschernden Wellen des Wannsees zuschauen und sich freuen, dass zumindest noch eine leichte Brise weht?

Marianne und Ruth finden, man kann. Die zwei Freundinnen aus Steglitz haben sich den Strandkorb direkt am Betonsteg gesichert. Hier wird es später Trubel geben, wenn der Sprungturm aufmacht, aber Marianne und Ruth haben die Ruhe weg.

„Ich mag den Sommer und die Hitze“, sagt Marianne, die sich ein Tuch um den Kopf gebunden hat und mit ihren grauen Haaren und schweren Ohrringen aussieht wie die Piratenkapitänin vom Wannsee. „In ein paar Tagen ist schon wieder alles vorbei, ruckzuck ist es Herbst und dann kommen wieder die langen, dunklen Nächte. Ich genieße das heute.“

Allerdings machen sich die beiden Freundinnen auch ihre Gedanken. Über das Wetter und das Klima. „Ich nehme im Supermarkt keine Plastiktüten mehr für mein Gemüse“, beginnt Ruth. „Ich auch nicht“, stimmt Marianne ein. „Und ich esse schon lange kein Fleisch mehr“, fährt Ruth fort. „Ich schon, das wär’ mir nichts“, widerspricht Marianne. „Aber ich fahre meistens Rad und nur ganz selten Auto.“

Etwas für das Klima zu tun, ist bei vielen jungen Menschen zur Bürgerpflicht geworden, spätestens seit vor einem halben Jahr die Jugendlichen anfingen, freitags auf die Straße zu gehen, mit handgemalten Pappschildern von schmelzenden Polkappen und traurigen Eisbären und vor der Klimakatastrophe warnten, weil es sonst keiner mehr tat. Das Wetter gilt vielen als eine Art immer wiederkehrendes Alarmsignal, mit dem die Menschen daran erinnert werden, dass er sich tatsächlich zuträgt, der menschengemachte Klimawandel.

Berliner Fluchtpunkt: Der Wannsee verheißt Erfrischung für Mensch und Tier.

Man könnte sagen: Das Wetter ist politisch geworden. Es geht um Schuld und Ursachen, um Wahrheiten und Folgen. Und letztlich auch um politische Macht. Es gibt nicht wenige Politstrategen, die den Jahrhundertsommer 2018 mitverantwortlich machen für die aktuellen Umfragerekorde der Grünen. Das Wetter macht den Klimawandel anschaulich. Der Sommer wirkt ähnlich wie einige Jahre zuvor der Eisbär auf der schwimmenden Scholle. Nur sind wir viel näher dran.

Berlin-Mitte, Pariser Platz, zwölf Uhr mittags, 33 Grad. Es scheint kein bisschen Schatten in der Stadt zu geben. Touristen schieben sich über das glühende Pflaster am Brandenburger Tor, Taxifahrer sind unentspannt, schwitzende Bauarbeiter bauen eine Bühne für eine Klimakundgebung der IG Metall auf. „Fairwandel“ heißt das Schlagwort, „sozial, ökologisch und demokratisch.“ Die Metaller fordern ein „Durchstarten bei der Mobilitäts- und Energiewende“, „Zukunft der Beschäftigung am Industriestandort Deutschland“ und „Sicherheit am Arbeitsmarkt“. Ist das ein Abwehrkampf der energieintensiven Branchen oder der Beweis, dass nun alle Akteure das Klimathema nach ganz vorne rücken?

Für Mojib Latif ist es eher letzteres. „Das Klimathema wird nicht mehr weggehen aus der Gesellschaft“, sagt der Kieler Klima-Professor. „Alle haben den Schuss jetzt gehört, der durch Fridays for Future abgefeuert wurde. Die Politik muss endlich handeln, alle gesellschaftlichen Akteure müssen jetzt handeln – auch die Gewerkschaften.“

Latif steht in Anzug und Krawatte im Foyer des Frank-Gehry-Gebäudes am Pariser Platz und schwitzt kein bisschen. Gleich soll er einen Vortrag auf einem Symposium zum 80. Geburtstag des Umweltwissenschaftlers Ernst Ulrich von Weizsäcker halten.

Was sagt Latif zu Marianne und Ruth am Wannsee – oder zu Anja und ihrem Sohn im Strandkorb nebenan, die das Auto stehen ließen und sich mit Rad und S-Bahn zum Strandbad bewegt haben – zu all den verunsicherten Bürgern, die sich fragen, ob das genug ist, was sie tun – und ob es wirklich einen Unterschied macht?

„Wir haben als Deutschland einen Vertrag unterschrieben, das Pariser Klimaabkommen“, sagt Latif. „Wir haben uns verpflichtet – und natürlich muss jetzt jeder etwas tun. Aber das geht nicht nur mit Verboten. Wir brauchen auch Anreize.“ Er spricht von Fortschritt. Davon, dass Umweltschutz etwas kosten muss – aber eine CO2-Steuer mit Umverteilung von oben nach unten einhergehen muss. Und vielleicht ist es wirklich gut, dass jetzt die Gewerkschaften beim Klimathema einsteigen und nicht allein die Jugendlichen.

Tiergarten, nachmittags, 33 Grad. Unter den großen Eichen ist es schattig und kühl. Und deshalb würde Michael von der Tann niemals fordern, dass die Bevölkerung aus Brandschutzgründen aus den Wäldern verbannt wird, wie es gerade der FDP-Agrarexperte Karlheinz Busen für einige Wälder tat. „Die Leute wollen sich in unseren Wäldern erholen, und wenn wir sie ausschließen würden, ginge das nach hinten los“, sagt das Präsidiumsmitglied des Verbands der Waldeigentümer. Auch er spricht über das Klima. „Die Bevölkerung muss sensibilisiert sein für die Risiken bei der extremen Trockenheit. Jeder muss wissen, dass im Wäldern nicht gegrillt und nicht geraucht und kein Feuer gemacht werden darf.“ Von der Tanns Wälder sind in Hessen, über Jahrzehnte hatte er keine Feuer im Wald, jetzt binnen eines halben Jahres gleich zwei. „Das verunsichert einen schon“, sagt er beim Gang durch den Tiergarten. „Der Klimawandel ist in den Wäldern angekommen. Und wir erleben gerade eine Jahrhundertkatastrophe.“ Bäume vertrocknen, sterben ab – oder sind so geschwächt, dass sie sich nicht mehr gegen Schädlinge wehren können. 110 000 Hektar sind bundesweit betroffen. Der Holzmarkt ist zusammengebrochen, für Fichtenholz gibt es nur noch einen Markt, weil China die Stämme aufkauft.

Die Waldeigentümer fordern nun 500 Millionen Euro weitere Hilfen – und mehr Forschung und weniger Regulierung bei widerstandsfähigen Baumsorten. Douglasie, Küstentanne, amerikanische Eiche, sie werden jetzt in Deutschlands Wäldern Einzug halten. Ein Waldstück wieder aufzuforsten, ist eine Entscheidung für Generationen. Und wer weiß, was in Generationen hierzulande als extremes Wetter gilt?

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