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Klimakonferenz: „Wir dürfen diesen Prozess nicht aufgeben“

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Von: Joachim Wille

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Die vielleicht größte Plastikmüll-Pyramide der Welt ist jüngst in Ägypten enthüllt worden - ein Mahnmal für die Delegationen.
Die vielleicht größte Plastikmüll-Pyramide der Welt ist jüngst in Ägypten enthüllt worden - ein Mahnmal für die Delegationen. © Imago

Wissenschaftler Niklas Höhne über die COP in Ägypten, den mühsamen Kampf gegen den Klimawandel und was er der Ampel-Koalition rät.

Professor Höhne, Sie berechnen jährlich mit einem Team den „Climate Action Tracker“, der die Klimaschutz-Pläne der Staaten weltweit bewertet. Sagen Sie uns: Gibt es derzeit weltweit überhaupt „Action“ fürs Klima?

Die gibt es schon, hier und da. Es werden riesige Solarparks gebaut, etwa in Nahost und China. Die E-Mobilität nimmt rasant zu. Die USA haben ein großes Klimaprogramm aufgelegt. Aber insgesamt geht es viel zu langsam. Wir müssten die Dinge weltweit komplett anders machen. So wie bisher schaffen wir es nicht.

Macht Putins Energiekrieg es einfacher, Dinge komplett anders zu machen?

Ja und nein. Der Einfluss der russischen Ukraine-Invasion auf den Klimaschutz ist gleichzeitig positiv und negativ. Positiv ist: Jetzt hat jeder verstanden, man kann sich nicht darauf verlassen, dass zukünftig noch billiges Erdgas zur Verfügung steht. Alle, die Gas nutzen, überlegen sich, wie sie davon wegkommen. Aber es gibt auch einen negativen Impuls: Putins Energiekrieg hat weltweit einen neuen LNG-Goldrausch erzeugt. Überall werden neue Gasfelder angebohrt, neue Pipelines gelegt, Flüssiggas-Terminals gebaut. Wenn diese neue Infrastruktur bis an ihr technisches Lebensende genutzt wird, können wir das 1,5 Grad-Ziel vergessen.

Welcher dieser beiden Effekte überwiegt?

Kann man heute noch nicht sagen. Es ist entscheidend, dass der negative Effekt minimiert wird. Die Investitionen in LNG müssen möglichst klein bleiben.

Um das 1,5-Grad-Limit noch halten zu können, muss der globale Treibhausgas-Ausstoß bis 2030 halbiert werden, sagt der Weltklimarat IPCC. Ist das nicht eine Fata Morgana? Das UN-Umweltprogramm hat gerade berichtet: Wir sind aktuell auf 2,5- bis 2,8-Grad-Kurs.

Mit den jetzt weltweit beschlossenen Klimamaßnahmen können wir die Emissionen bis 2030 bestenfalls stabilisieren. Das heißt: Wir würden dann doppelt so viele Treibhausgase ausstoßen, wie für die 1,5 Grad noch erlaubt sind. Und das wäre fatal. Ich sage es noch einmal: Wir müssen wirklich etwas anders machen.

Wäre es nicht ehrlicher, das 1,5-Grad-Ziel aufzugeben?

Ich finde es sehr wichtig, die 1,5 Grad nicht aufzugeben. Es steht dafür, dass die Weltgemeinschaft bestimmte Mega-Gefahren im Klimasystem verhindern will. Und daran sollten wir unbedingt festhalten. Wir sehen ja, dass bereits jetzt, bei rund 1,1 Grad, bereits schwere Schäden auftreten. Der Wald stirbt großflächig, wir haben schwere Trockenheiten, es gibt Überflutungskatastrophen wie im Ahrtal. Bei 1,5 Grad wird das noch viel schlimmer, und überschreiten wir diese Marke, könnten Kippelemente ausgelöst werden, die das Klima weltweit in einen anderen, gefährlichen Zustand bringen. Deswegen müssen wir radikal umsteuern.

Aber wie genau?

Es gibt viele Möglichkeiten. Wir haben in der Corona-Zeit gesehen: Wenn wir uns akut bedroht fühlen, können wir Dinge plötzlich völlig anders machen als bisher. Zum Beispiel Home Office. Auf einmal konnten alle von zu Hause aus arbeiten. Das war vorher undenkbar. Auch viele Geschäftsreisen fielen weg, weil ihr Zweck auch online erreichbar war. Oder Beispiel Energiekrise: Plötzlich ist es möglich, ein 200-Milliarden-Paket aufzulegen, um sie abzufedern. Genau so etwas brauchen wir zur Bewältigung der Klimakrise auch.

Wer könnte den Anstoß dazu geben?

Zur Person

Niklas Höhne, geboren 1970, ist Klimaforscher, Mitbegründer des „NewClimate Institute“ in Köln und Professor an der Universität Wageningen, Niederlande. Er verfolgt die UN-Klimaverhandlungen seit dem ersten Klimagipfel 1995 in Berlin.

Niklas Höhne.
Niklas Höhne. © Privat

Er kann nur von den Regierungen kommen, und in demokratischen Staaten tun die Regierungen das nur, wenn die Wähler das einfordern. So wie 2019 bei Fridays for Future, aber noch intensiver.

Eine Fridays-Bewegung 2.0?

Ja. Eine Massenbewegung wäre nötig. Derzeit radikalisieren sich aber nur bestimmte Gruppen, wie „Die letzte Generation“. Viele Aktivisten sind zunehmend verzweifelt. Das ist ein schlechtes Zeichen, denn es signalisiert, dass unsere Gesellschaft auf die berechtigten Klimaängste nicht adäquat eingeht. Eigentlich müsste sie das tun.

Derzeit ist sie mit der Energiekrise beschäftigt.

Einen Umschwung könnte auch ein Klimaereignis wie die Ahrtal-Flut mit noch schwerwiegenderen Folgen bringen. So etwas möchte ich mir aber nicht vorstellen. In anderen Ländern gibt es das schon. In Australien sehen wir Waldbrände, die nicht mehr beherrschbar sind, ähnlich in Kalifornien. In Pakistan war zuletzt ein Drittel der Landesfläche überflutet. Wenn das für die Staaten kein Signal ist umzusteuern, was dann?

Protest auf dem Laufsteg: Diese Aktivistin läuft im September in Manila bei einer „Modenschau“ zur Unterstützung von „Fridays for Future“.
Protest auf dem Laufsteg: Diese Aktivistin läuft im September in Manila bei einer „Modenschau“ zur Unterstützung von „Fridays for Future“. © afp

Macht es überhaupt Sinn, auf diesem Weg weiterzumachen? Rio, Kyoto, Paris – doch nur heiße Luft?

Dieser Prozess ist viel zu langsam, keine Frage. Wir müssen ihn beschleunigen und ergänzen, aber wir dürfen ihn nicht aufgeben. Der Paris-Vertrag ist ein Meilenstein, zumindest von den Zielen her. Alle Staaten haben versprochen, aus Kohle, Öl und Gas auszusteigen. Und auch die Klimaschutzmaßnahmen werden besser. Vor gut zehn Jahren war die Welt auf einem 3,5-Grad-Pfad, inzwischen sind es 2,5 Grad. Und wenn die Ankündigungen zur Klimaneutralität tatsächlich umgesetzt werden, sind immerhin 1,8 Grad drin. Das Jahr 2022 hat hier allerdings fast nichts gebracht. Nur 24 von 195 Ländern weltweit haben verbesserte CO2-Reduktionspläne vorgelegt, obwohl alle sich auf dem letzten Klimagipfel dazu verpflichtet hatten. Wir brauchen mehr Vorreiterländer, die Koalitionen mit anderen Staaten aufbauen, so wie diejenige zwischen Deutschland und Südafrika, um dort den Kohleausstieg voranzubringen.

Aber der Vorreiter Deutschland verbrennt jetzt mehr Kohle, baut neue LNG-Strukturen auf, kriegt aber kaum neue Windräder ans Netz, trotz Grünen in der Regierung ...

Die Ampel macht einiges gut, wie etwa den geplanten Ausbau der erneuerbaren Energien. Aber sie ist in manchen Bereichen zu sehr von kurzfristigen Interessen getrieben und macht Kompromisse zulasten des Klimas. Es sind zum Beispiel viel zu viele LNG-Terminals geplant, die zudem lange laufen sollen. Das steht dem Klimaschutz komplett im Weg. Auch das deutsche Engagement in Senegal, um dort die Erdgas-Förderung auszubauen, ist kontraproduktiv. Und außerdem ein Wortbruch, denn die Bundesrepublik hat 2021 auf dem Klimagipfel in Glasgow zugesagt, im Ausland nicht mehr in fossile Infrastruktur zu investieren. Hinzu kommt, auch in den wichtigen Bereichen Verkehr und Gebäude passiert bei uns viel zu wenig.

Wie sähe Ihr Sofortprogramm für die Ampel aus?

Die Ampel muss ein mehrere Hundert Milliarden Euro schweres Programm für Energiesicherheit und Klimaschutz auflegen. Sie muss investieren in einen schnelleren Ausbau der Erneuerbaren, in die energetische Gebäudesanierung, die Umstellung der Heizungen auf Wärmepumpen, die Unterstützung der Industrie zur Umstellung auf CO2-freie Prozesse, in den Ausbau der E-Mobilität und des öffentlichen Verkehrs. Das wären Investitionen für die Zukunft.

Interview: Joachim Wille

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