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Klimakonferenz in Ägypten: Afrikas Chance

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Von: Johannes Dieterich

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Klimaprotest im kenianischen Nakuru
Klimaprotest im kenianischen Nakuru © Imago

Der Kontinent steht im Mittelpunkt der Konferenz in Ägypten. Dort wird sich zeigen, ob die Industrieländer ihre Versprechen zu finanzieller Hilfe in der Klimakrise ernst nehmen

An einem Oktobermorgen um 10 Uhr 13 atmet Abdiwali zum letzten Mal ein. Mit dem Druck ihrer Finger sucht Fatuma Mohammed dem Herzen des zweijährigen Jungen noch einmal auf die Sprünge zu helfen, vergebens. „Es schlägt nicht mehr“, murmelt die Krankenschwester schließlich geschlagen. „Der Tod eines Kindes, der so einfach hätte verhindert werden können, ist kaum zu ertragen“, klagt Ali Shueb, der Chef des Bezirkskrankenhauses im südwestsomalischen Städtchen Dollow, gegenüber einem Reporter der BBC.

Ähnliche Dramen spielen sich in Somalia derzeit andauernd ab. Durchschnittlich wird hier jede Minute ein unterernährtes Kind in eine von ausländischen Hilfswerken eingerichtete Notstation gebracht, Tausende starben in dem von einer beispiellosen Dürre heimgesuchten Land bereits den Hungertod. „Sie sind nicht Opfer ihres eigenen, sondern unseres Fehlverhaltens geworden“, schimpft UN-Nothilfekoordinator Martin Griffith. „Und trotzdem bringen wir es nicht einmal fertig, ihnen die schon längst versprochenen Mittel zukommen zu lassen.

Damit spielt der Brite auf ein Versprechen an, das die Industriestaaten als Verursacher des Klimawandels schon vor 13 Jahren gemacht hatten: Unter anderem durch den „Grünen Klimafonds“ sollten ab 2020 jährlich 100 Milliarden Euro für Klimaschutz und Anpassung gezahlt werden. Unter anderem sollten sie den Folgen der Klimaerwärmung begegnen – wozu zweifellos auch die derzeitige somalische Jahrhundertdürre gehört. In Wahrheit fließt jedoch höchstens ein Viertel der versprochenen Mittel, will das britische Hilfswerk Oxfam herausgefunden haben: Und selbst davon lande nur ein Fünftel in den Ländern des globalen Südens. Derweil leidet die Hungerhilfe in Somalia unter chronischer Finanznot: „Wo sind denn die Gelder aus dem Klimafonds?“, will Griffith wissen.

Die Frage gilt den Staatsspitzen, die sich ab dem kommenden Sonntag in der ägyptischen Wüsten- und Küstenstadt Scharm el-Scheich zur 27. Conference of the Parties (COP) der Klimakonvention der UN versammeln: „Afrikas COP“, wird das Treffen auch genannt. Zwar handelt es sich bereits um den fünften Klimagipfel auf afrikanischem Boden. Doch erstmals soll der Kontinent dieses Mal auch inhaltlich im Mittelpunkt stehen. Als jener Erdteil, auf dem mehr als 16 Prozent der Menschen leben; der jedoch für weniger als drei Prozent der Klima-Gase verantwortlich gemacht wird; und in dem sich die Erwärmung der Erdatmosphäre so katastrophal wie kaum irgendwo anders auswirkt. Nigeria ist überschwemmt, Somalia verhungert, die südafrikanische Provinz KwaZulu/Natal wird von sogenannten Regenbomben - tagelang anhaltendem Starkregen - heimgesucht und über Madagaskar fegt ein Zyklon nach dem anderen hinweg. Sieben der zehn klima-empfindlichsten Regionen der Welt liegen zwischen Kairo und dem Kap der Guten Hoffnung. „Afrikas COP“ findet zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt statt. Erst trieb die Covid-Pandemie mehr als 50 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner zusätzlich in die Armut, dann riss der Ukraine-Krieg Budgets und Aufmerksamkeit der Industrienationen an sich. Keiner der bisher 26 Klimagipfel fand unter ähnlich angespannten globalen Bedingungen statt: Krieg in Europa, Energiekrise, Weltrezession. Für den globalen Süden droht „Afrikas COP“ zum „cop-out“, zur Stunde der Drückeberger, zu werden.

Dabei war die Konferenz im Vorfeld auch zum „Gipfel der Implementierungen“ erklärt worden: Längst gemachte Versprechungen sollten in Scharm el-Scheich endlich umgesetzt werden. Die Übernahme der auf jährlich bis zu 40 Milliarden Euro veranschlagten Kosten für die Anpassung afrikanischer Staaten an die Klimaerwärmung sowie die Kosten für die Reduzierung der Klimagase sind noch immer zu klären. Selbst wenn das unter der Leitung des ägyptischen Außenministers Sameh Shoukry in den nächsten 14 Tagen geregelt werden sollte: Das hochumstrittene Thema von „Loss and Damage“ bleibt auch dann noch ungeklärt. Dabei handelt es sich um die Frage, ob Entwicklungsländern nicht die Schäden und Verluste erstattet werden müssen, die ihnen durch den Klimawandel und die Energiewende entstehen. Alles in allem sind nach den Berechnungen des Finanzkomitees der UN-Klimakonvention in den nächsten acht Jahren fast sechs Billionen Euro nötig – rund 750 Milliarden Euro im Jahr.

Proteste in Ägypten geplant

Klimaaktivist:innen aus Afrika haben sich vor der Klimakonferenz für mehr Investitionen in Erneuerbare Energien auf dem Kontinent ausgesprochen: „Die afrikanischen Staats- und Regierungschefs sollten dieses Potenzial maximieren und sich die reichlich vorhandene Wind- und Sonnenenergie zunutze machen, um den Zugang zu Energie zu verbessern und den Klimawandel zu bekämpfen“, sagt Mohamed Adow, Direktor der Umweltorganisation Power Shift Africa mit Sitz in Kenia.

„Es wäre ein schändlicher Verrat an der afrikanischen Bevölkerung, die bereits an vorderster Front von der Klimakrise betroffen ist, wenn die afrikanischen Staats- und Regierungschefs den COP27-Klimagipfel im November dieses Jahres auf afrikanischem Boden dazu nutzen würden, Afrika in eine auf fossilen Brennstoffen basierende Zukunft zu drängen“, sagt Adow.

Vor der UN-Klimakonferenz nimmt indes die Zahl der Festnahmen in Ägypten zu. Bisher nahmen Beamte rund 100 Menschen fest, wie die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch aus Polizeikreisen erfuhr. Die unabhängige Nachrichtenseite „Mada Masr“ berichtete unter Berufung auf zwei Anwälte, dass rund 150 Menschen in Gewahrsam der Polizei seien, unter anderem in Kairo, Giseh, Ismailia und Alexandria. Seit Oktober seien „Hunderte“ in Ägypten und teils auch im Ausland festgenommen worden, berichtete „Mada Masr“ weiter.

Nach Angaben der Egyptian Front for Human Rights wird Dutzenden die Verbreitung von Falschnachrichten vorgeworfen sowie der Missbrauch sozialer Medien und die Beteiligung an terroristischen Gruppen. Von offizieller Seite gab es keine Bestätigung der Festnahmen.

Proteste etwa von Klimaschutzaktivist:innen sind in Scharm in einer speziell eingerichteten Zone erlaubt. Es gibt in sozialen Medien zudem vermehrt Aufrufe zu Protesten im Land am 11. November während der COP. Demonstrationen sind in Ägypten sonst faktisch verboten. Präsident Abdel Fattah al-Sisi war 2013 nach einem Militärputsch an die Macht gekommen und regiert seitdem mit harter Hand. Eine ernsthafte Opposition gibt es nicht.

Meinungs- und Pressefreiheit sind massiv beschnitten. Menschenrechtler:innen berichten immer wieder von schweren Verstößen, etwa von Folter und außergerichtlichen Tötungen. Die Regierung hat Verbesserungen versprochen. fme/dpa

Unter „Loss and Damage“ fallen auch die Verluste afrikanischer Staaten, sollten sie tatsächlich auf die Förderung bereits bekannter Vorkommen fossiler Brennstoffe verzichten, wie etwa der Weltenergierat fordert. Denn anders sei das vor sieben Jahren gesetzte Ziel, die Klimaerwärmung auf höchstens 1,5 Grad zu begrenzen, beim besten Willen nicht zu erreichen, heißt es in Paris. Schon heute haben sich die Durchschnittstemperaturen gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits um 1,1 Grad erhöht. Doch aus Afrika wurden in den vergangenen Jahren riesige Erdöl- und Erdgasfunde gemeldet – als ob sich die Mineralölkonzerne ganz dem Kontinent gewidmet hätten, dem man die Ausbeutung seiner Bodenschätze nicht verweigern kann. Derzeit wird die Erschließung von Erdgasfeldern vorangetrieben, die alleine 400 Milliarden Euro Wert sein sollen.

Derartige Reichtümer im Boden zu lassen, halten Afrikas Erdölminister für eine Zumutung. „Wenn China seine Bodenschätze und die USA ihre ausbeuten, hat keiner etwas auszusetzen“, schimpfte Äquatorialguineas Ölminister Obiang Lima Mitte Oktober auf Afrikas Energie-Woche in Kapstadt: „Nur wenn Afrika dasselbe tut, soll es plötzlich falsch sein.“ „Diese Ressourcen hat uns Gott gegeben“, erklärte sein ghanaischer Amtskollege Matthew Opoku Prempeh. Und der Chef der Afrikanischen Energie-Kammer, NJ Ayuk, belebte unter tosendem Beifall der Gäste den Wahlkampfschlager der US-Republikaner wieder: „Drill, baby, drill!“

Europas kriegsbedingte Energiekrise spielt Afrikas fossilen Brennstoff-Enthusiast:innen noch in die Hände. Braucht Europa Erdgas, kann Afrika seine Vorkommen nicht schnell genug anzapfen. Doch wenn es um den Klimawandel geht, soll der Kontinent für das Wohl der Welt nobel verzichten. Die Strategien für die Energiewende würden ausnahmslos im globalen Norden ausgehegt, ärgert sich Südafrikas Energieminister Gwede Mantashe: „Wir Afrikaner sind bloß die Versuchskaninchen.“

Eher selten sind auf dem Kontinent Stimmen wie die von Mark New zu hören, dem Direktor der Afrikanischen Klima- und Entwicklungsinitiative an der Universität von Kapstadt. Das Pochen afrikanischer Regierungen auf die Ausbeutung ihrer Bodenschätze sei zwar politisch und moralisch verständlich – doch klimatologisch eine Katastrophe.

Das Verbrennen der fossilen Brennstoffe Afrikas werde die Klimaerwärmung nämlich endgültig über zwei Grad treiben – unter den Folgen hätte erneut vor allem die Bevölkerung des Kontinents zu leiden: noch katastrophalere Überschwemmungen, „Regenbomben“ und Dürren. „Es wäre“, meint Klimaexperte Mark New, „wie wenn die Gänse für Weihnachten stimmten.“

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