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Klimaforscher Schellnhuber: „Das Langfrist-Ziel heißt Klima-Reparatur“

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Von: Joachim Wille

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Hoffnung für den Klimaschutz: Photovoltaik wurde schnell günstiger als zuvor vermutet.
Hoffnung für den Klimaschutz: Photovoltaik wurde schnell günstiger als zuvor vermutet. © Christof Stache/afp

Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber im FR-Interview über das Drehbuch zur Rettung der Welt, die Folgen der Erhitzung und notwendige Visionen für den Klimaschutz.

Professor Schellnhuber, Sie sind Deutschlands renommiertester Klimaforscher. Sie arbeiten seit mehr als 40 Jahren iauf diesem Gebiet. Sagen Sie uns: Wie groß ist die Chance noch, dass die Welt einen katastrophalen Klimawandel abwendet?

Einen Klimawandel, der gravierende Auswirkungen hat, können wir nicht mehr abwenden. Wir werden vermutlich in zehn bis 15 Jahren die 1,5 Grad-Linie globaler Erwärmung überschreiten und dann darüber hinausschießen. Allerdings können wir durchaus noch einen Klimawandel verhindern, der die menschliche Zivilisation oder gar die menschliche Spezies gefährdet. Da liegt die Wahrscheinlichkeit noch bei mindestens 50 Prozent. Das ist keine schlechte Chance, wenn es um alles geht.

Was wäre die günstigste Entwicklung?

Die Erderwärmung wird im günstigsten Fall knapp oberhalb von zwei Grad gestoppt und dann in den nächsten 200 Jahren langsam, Zehntelgrad um Zehntelgrad, wieder rückgängig gemacht werden – auf hoffentlich etwa ein Grad, so wie heute. Dazu muss CO2 wieder aus der Atmosphäre entfernt werden, vor allem durch großflächige Aufforstung, nachhaltige Landnutzung und den massiven Einsatz von Holz und anderen nachwachsenden Rohstoffen als CO2-Speicher im Städtebau. Ein ziemlich schwindelerregendes Drehbuch zur Rettung der Welt, zugegeben.

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Trotzdem erwarten Sie gravierende Auswirkungen. Was heißt das konkret?

Zwei Grad mittlere globale Erwärmung bedeuten an Land drei bis vier Grad und regional unter ungünstigen Bedingungen auch fünf bis sechs Grad im Jahresdurchschnitt. Das sind brutale klimatische Herausforderungen, die große Anstrengungen zur Anpassung erfordern. Wir werden einen Meeresspiegelanstieg von mindestens einem Meter erleben, wahrscheinlich deutlich mehr, und müssen den Küstenschutz massiv hochfahren. In Teilen Südeuropas wird man die heutige Landwirtschaft, die nur mit verschwenderischer Bewässerung funktioniert, aufgeben müssen. In den inneren Tropen wird die feuchte Hitze so belastend werden, dass viele Menschen sich auf den Weg vom Äquator weg nach Norden und Süden machen müssen. Man wird Hunderten Millionen Menschen bei der Migration helfen müssen. Das ist eine große Nummer. Und wohlgemerkt das gute Szenario.

Und das negative?

Drei Grad sind die rote Linie, ab der der Klimawandel überhaupt nicht mehr beherrschbar sein dürfte. Und leider könnte diese Linie überschritten werden. Drei bis fünf Grad bedeuten das „Climate End Game“, wie Kollegen und ich das jüngst in einer Studie bezeichnet haben. Darin haben wir vier ungünstige, aber plausible Szenarien durchgespielt, vom schlechten bis zum schlimmsten. Das heißt, bis hin zum Kollaps der Weltwirtschaft und sogar zur Auslöschung der Menschheit. Vier Grad etwa verändern die Bewohnbarkeit der Erde fundamental. Der Meeresspiegel steigt dann um Dutzende Meter an, komplette Küstenzonen gehen verloren, in denen heute Hunderte Millionen Menschen leben. In den inneren Tropen kann man dann im Freien nicht mehr überleben, weil es dort zu heiß und feucht wird. Die Gletscher schmelzen ab, was bedeutet, dass in vielen Gebieten, zum Beispiel in Zentralasien und der Andenregion, im Sommer kein Frischwasser mehr verfügbar sein wird. Und Gebiete, die heute noch semi-arid sind, werden zur Wüste. Rechnet man das alles zusammen, könnte die Erde Lebensraum für zwei bis drei Milliarden Menschen verlieren. Überlegen Sie einmal, ob es funktionieren könnte, so viele Menschen umzusiedeln. Das würde am Ende wohl den Kampf „Jeder gegen jeden“ bedeuten. Wir sind heute ja selbst in einem superreichen Land wie Deutschland nicht in der Lage, eine Million Flüchtlinge ohne tiefgreifende gesellschaftliche Konflikte einzugliedern. Jedenfalls wenn diese Menschen die „falsche“ Hautfarbe haben ...

Der Weltklimarat IPCC hält es noch für möglich, das 1,5 Grad-Limit zu halten. Dazu müssten die Treibhausgas-Emissionen bis 2030 halbiert werden. Ist das realistisch?

Nein, ist es nicht. Ich kenne auch sonst niemand in den Klimaforschung, der das noch für realistisch hält. Im IPCC-Report zum 1,5-Grad-Ziel stehen absolut wichtige Dinge – zum Beispiel wird sonnenklar gemacht, dass bereits diese 1,5 Grad eine gefährliche Erderwärmung sind. Das Rezept allerdings, wie man ein dauerhaftes Überschreiten dieser Schwelle verhindern könnte, funktioniert nicht. Der IPCC setzt neben einem rasanten klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft im Wesentlichen auf technische Verfahren zur Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre, die meiner Meinung nach zu teuer sind und nicht schnell genug in der Breite wirksam sein werden.

Macht es denn überhaupt noch Sinn, das 1,5-Grad-Ziel weiter hochzuhalten?

Die 1,5 Grad sind eine Illusion, auch wenn sie noch so wünschenswert wären. Sie stehen im Pariser Klimavertrag, obwohl sie schon 2015, als der beschlossen wurde, unrealistisch waren. Das Ziel war ein ehrenwertes diplomatisches Zugeständnis an die kleinen Inselstaaten und andere Länder, die zu Recht um ihre Existenz fürchten. Das Pariser Abkommen ist leider aber auch Traumtänzerei, was die Umsetzung angeht: Alles ist komplett freiwillig, es gibt keine festen Pflichten zur CO2-Minderung und schon gar keine Sanktionen. Nur deshalb haben praktisch alle Staaten der Welt zugestimmt. Selbst Saudi-Arabien hatte kein Problem, was immer ein schlechtes Zeichen für den Klimaschutz ist.

Also: weg damit? Braucht es einen neuen Klimavertrag?

Wer die COP-Verhandlungen kennt und die gnadenlose politische Realität dort, weiß: Paris war das Beste, was man damals bekommen konnte. Vor allem nach dem Fiasko des gescheiterten Gipfels in Kopenhagen 2009. Was man hoffen kann, ist, dass immer mehr Länder sich selbst in die Pflicht nehmen, einen 1,5- bis Zwei-Grad-Pfad einzuschlagen. Deutschland zum Beispiel – nach der Megaflut im Ahrtal 2021 und jetzt dem vierten Dürresommer in fünf Jahren. Die Warnsignale der Natur sind ja nicht mehr zu ignorieren. Wenn das in vielen Ländern geschieht, führt es vielleicht zu einem „Race to the Top“, also zu einem segensreichen, weltweiten Ambitionswettbewerb. Das ist ein ebenso ungewisser wie mühsamer und langsamer Prozess. Aber so sieht es aus, wenn 200 Nationalstaaten ein globales Problem lösen wollen.

Zur Person

Hans Joachim Schellnhuber (72) war bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das er 1992 gegründet hat. Er gehört dem Club of Rome sowie zahlreichen Akademien an und war 28 Jahre lang Mitglied beziehungsweise Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU). jw

Die Krisenzeichen mehren sich, obwohl die globale Erwärmung gerade einmal 1,2 Grad erreicht hat. Halb Europa war in diesem Sommer ausgetrocknet, China erlebte eine historische Hitzewelle, in Pakistan verursacht der Monsun eine Überschwemmungskatastrophe ungeahnten Ausmaßes. Müsste das die Menschen, die Regierungen und die Wirtschaft nicht aufrütteln? Woran liegt es, dass wir trotzdem die Kurve bisher nicht kriegen?

Etwas ist immerhin passiert: Die Vernunft hat den Klima-Diskurs gewonnen! Selbst die Zyniker, die Ultra-Konservativen, die hemmungslosen Wirtschaftsliberalen beginnen ihre Redebeiträge inzwischen routiniert mit den Worten „Ich leugne keinesfalls den Klimawandel“, auch wenn dann das „Aber“ kommt. Praktisch jeder weiß: Wir befinden uns in einer Klimakrise, die zum Klimanotstand werden kann. Damit ist eine Menge erreicht. Nur hätten wir an dem Punkt bereits vor 30 Jahren sein müssen, als der erste IPCC-Bericht herauskam. Schon damals war eigentlich klar, dass unsere Welt auf dem Spiel steht.

Warum hat das so lange gedauert?

Die Menschheitsgeschichte lehrt: Wir haben fast alle zwei Seelen in unserer Brust, das Böse und das Gute. Das eine ist zuständig für den Eigennutz, das andere für das Gemeinwohl. Das gilt für jedes Individuum, jede Gruppe, jede Gesellschaft. Wir schwanken zwischen diesen beiden Polen hin und her, wobei der Eigennutz meist überwiegt. Wir begreifen lange nicht, dass das Verfolgen des individuell Vorteilhaften – also schnelle, billige, einfache Lösungen – für uns als Gemeinschaft längerfristig negativ sein kann, vielleicht sogar zum Untergang führt. Deswegen brauchen wir neue Narrative, neue Geschichten, die uns dazu bringen, das Gemeinwohl attraktiver zu finden als den Eigennutz. Das Problem ist nur: Wird die Zeit noch reichen, umzusteuern? Ich weiß es nicht.

Konkret: Zweimal in den letzten 15 Jahren gab es die Chance zum Umsteuern, nach der Lehman-Weltwirtschaftskrise 2008 und nach dem Corona-Schock. Doch die viele Milliarden schweren Konjunkturprogramme wurden kaum genutzt, um umzusteuern. Warum?

Das waren Panikreaktionen, und zwar verständliche. Es ging den Menschen und Regierungen vor allem darum, das Sparkonto, den Job, die Unternehmen, bei Corona zusätzlich die eigene Gesundheit zu sichern. Dafür war man bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen oder sogar sein Alltagsverhalten zu ändern. Doch wenn es darum geht, das gute Leben in 20 oder das Überleben in 50 Jahren zu sichern, fehlt der unmittelbare Handlungsdruck.

Keine Chance?

Doch. Aber dafür braucht man politische Führung, die der historischen Herausforderung gewachsen ist und eine Vision anbietet, für die man sich engagieren möchte. Auch die Medien können und müssen hierzu beitragen. Übrigens: Dass die FR nun eine tägliche Klimaseite einführt, ist ein wichtiges Statement. Die Erwartung hingegen, eine Krise werde die Menschen automatisch zum Umdenken zwingen, trügt. Im Gegenteil: Ohne ein überzeugendes Lösungsnarrativ erstarren die meisten in genau den Mustern, die die Krise hervorgebracht haben.

Siehe Ukraine-Krieg?

Genau. Er hat eigentlich dem Letzten vor Augen geführt, wie fatal es war, sich bedingungslos von fossilen Energien abhängig zu machen. Die instinktive Reaktion darauf ist aber nicht: Lasst uns die Abhängigkeit so schnell wie möglich beenden, indem wir die erneuerbaren Energien beschleunigt ausbauen. Sondern man versucht mit höchster Priorität, auf dem Weltmarkt fossilen Ersatz zu besorgen. Kann sein, dass es gelingt und in diesem Winter keiner frieren muss. Doch es zementiert die alte Abhängigkeit, und es geht weitere Zeit verloren.

Kanzler Scholz und Vizekanzler Habeck betätigen sich als Flüssiggas-Einkäufer weltweit, von Norwegen über Katar und Senegal bis Kanada. Sollten sie das lassen?

Das ist als Notmaßnahme okay. Aber es sollte viel klarer kommuniziert werden, dass diesem einen Schritt zurück mindestens drei Schritte nach vorne folgen - in Richtung regenerativer Energiewirtschaft. Das vermisse ich. Ich sehe mit großer Sorge, dass an der Küste eine ganze Reihe von LNG-Terminals gebaut werden soll, die uns in eine neue Erdgas-Abhängigkeit bringen könnten.

Aber es heißt, die Terminals sollen später für grünen Wasserstoff genutzt werden.  

Das sind vage Versprechungen. Zudem muss man bedenken, dass aus fernen Ländern importierter grüner Wasserstoff wegen der großen Verluste bei der Energie-Umwandlung und beim Transport eine sehr ineffiziente Technologie ist. 

Was wäre die Alternative?

Der beschleunigte Ausbau der Erneuerbaren im eigenen Land und in Europa, vor allem der Photovoltaik und der Geothermie, die bisher nur marginal genutzt wird. Das Ziel der Bundesregierung sollte lauten: 100 Prozent erneuerbare Stromversorgung bis 2030. Das bisherige Wirtschaften ruiniert nicht nur das Klima und basiert auf Rohstoffen, die endlich sind, es stützt durch den fossilen Energiehunger auch autokratische bis diktatorische Systeme weltweit. Daher sollten wir nicht anstreben, eine Lieferanten-Diktatur durch die andere zu ersetzen. Wir können den Demokratiefeinden gewissermaßen das Wasser abgraben, wenn wir energieautark werden.

Ist die Atomkraft eine Option?

Nein, zumindest der Neueinstieg nicht. Zwei oder drei Atomkraftwerke in Deutschland etwas länger laufen zu lassen, halte ich für vertretbar. Die Gefahr eines Super-GAU ist gering, wenn auch nicht gleich null. Denn: Shit happens, siehe Fukushima. Das Problem ist eher, dass man damit nur geringe zusätzliche Strommengen erzeugen kann und die Debatte ablenkt von der Großen Transformation, die im Energiesystem nötig ist. Weltweit ist die Atomkraft-Option ohnehin Quatsch. Sie können praktisch gar nicht schnell genug so viele Reaktoren bauen wie nötig wären, um das Klima zu retten. 

Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber.
Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber. © PIK

Die EU schien mit ihrem „Green Deal“ gerade wieder Antreiber der internationalen Klimapolitik werden zu wollen. Dann kam Putins Krieg. Gilt das noch?

Ich glaube schon. Es gibt sogar die Chance, dass die Transformation zu einem grünen zirkulären Wirtschaftssystem beschleunigt wird. Die Situation ist ähnlich wie in Deutschland. Es kommt auf die politische Führung an, sie muss Kurs halten.

Und wie ist es China, dem Ober-Einheizer des Planeten? Und mit den USA, der Nummer zwei? Sie waren vor dem Pariser Klimagipfel 2005 die Motoren der internationalen Klimapolitik, nun ist das Verhältnis ist mehr als frostig. Ihre Klimagespräche sind gestoppt. Fallen die beiden Haupt-Emittenten als Antreiber für die Wende aus?

Chinas Entwicklung sehe ich mit größter Sorge. Unter Präsident Xi, der offenbar ein neuer Mao werden will, gibt es keine Bereitschaft, sich an internationale Abkommen zu halten: China First. Und auch die USA agieren nicht mit dem Gewicht, das ihm als führende globale Wirtschaftsmacht zukommt. Man muss sogar die Sorge haben, dass die amerikanische Demokratie zerfällt. Das heißt: Die wirkliche Hoffnung ruht auf Europa – und zwar in Zusammenarbeit mit Afrika. Denn auf unserem südlichen Nachbarkontinent wird sich die Zukunft des Klimas entscheiden.

Wieso dort, nicht in China oder Indien?

Schon wegen der Bevölkerungsentwicklung.1950, als ich geboren wurde, lebten in Afrika etwa 200 Millionen Menschen, heute sind es über eine Milliarde, 2100 könnten es drei Milliarden sein. Wollten die afrikanischen Länder die zusätzlichen bis zu zwei Milliarden Menschen in klassischen Häusern aus Beton und Stahl unterbringen, würden alleine die dadurch entstehenden Emissionen das CO2-Restbudget der Welt sprengen. Zudem hat der Kontinent alle Ressourcen, die man braucht – Wind- und Solarenergie, Rohstoffe, immenses Naturkapital, Biodiversität. Entwickeln die EU und die afrikanischen Länder gemeinsam eine grüne Agenda zu deren nachhaltiger Nutzung, müssen wir nicht mehr ständig nach China und Amerika schielen.

Interview: Joachim Wille

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