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Klimaforscher: „Die Dürre ist nicht weg, nur tiefer im Boden“

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Von: Joachim Wille

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Eine Grundwasser-Messstelle bei Warsow im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Foto: Imago Images.
Eine Grundwasser-Messstelle bei Warsow im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Foto: Imago Images. © IMAGO/BildFunkMV

Klimaforscher Andreas Marx über mehr Trockenperioden, die Anpassung der Landwirtschaft und die Idee einer eine Wasserpipeline Ostsee-Berlin.

Herr Marx, dieser Sommer war extrem trocken und sehr warm. Böden, Bäume, Pflanzen litten unter starker Dürre, es gab Waldbrände, und viele Bäche und auch Flüsse waren fast ausgetrocknet. Ist nun, nach dem Regen im Herbst, alles wieder gut?

Nein, keineswegs. Man darf nicht nur die Oberfläche anschauen, es geht um den Gesamtboden bis in zwei Metern Tiefe. Wir haben zwar den Eindruck, die Dürre sei vorbei. Im Winter sättigt sich die oberste Bodenschicht bis in 50 Zentimetern Tiefe, weil es mehr regnet, die Vegetation kaum Wasser aufnimmt und auch kaum Wasser verdunstet. Doch in vielen Regionen Deutschlands – vor allem in einem breiten Streifen von Nordrhein-Westfalen bis Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg – herrscht in den tieferen Bodenschichten immer noch eine extreme oder außergewöhnliche Dürre; es ist dort viel weniger Wasser vorhanden als üblich. Die Niederschläge haben die Ebenen von einem Meter und tiefer noch gar nicht erreicht.

Die Klimaforschung sagt für Deutschland voraus: Im Sommer wird es trockener, im Winter fällt mehr Niederschlag. Gleicht sich das aus?

Das ist unsere Hoffnung. Das Winterhalbjahr ist immer die Zeit, in der der Grundwasserspiegel neu aufgefüllt wird. In diesem Winter allerdings hat sich hier noch nicht viel getan. Stärkere Niederschläge gab es in den Herbstmonaten vor allem im Süden Deutschlands, der Norden war viel zu trocken. Auch die jüngste Schnee- und Frostperiode im Dezember war hier kontraproduktiv. Solange der Boden gefroren ist, geht kein Wasser hinein, selbst wenn der Schnee taut. Das Wasser fließt einfach in die Bäche ab.

Was ist ihre Prognose für diesen Winter?

Ich habe keine Glaskugel. Die Voraussagen reichen nicht weit genug. Die Lage kann sich entspannen, es ist aber nicht sicher. Was wir im Winter brauchen, ist das eklige Wetter, das eigentlich keiner haben will. Grau, Nieselregen über lange Zeit, fünf Grad warm. Dadurch können die Bodenfeuchte und die Grundwasserstände sich wieder erholen. Das heißt: Im Mai kann sich das Dürre-Thema erledigt haben. Es kann uns aber auch das ganze nächste Jahr weiter begleiten.

Viele treibt nach den Trockenjahren seit 2018 die Sorge um, Deutschland trocknet aus.

Das hat man so auch in Zeitungen gelesen. Aber das ist eine gefährliche Message, für die es keine belastbaren Daten gibt. Je stärker der Klimawandel sich ausprägt, desto stärker steigen nach den Klimaszenarien die Winter-Niederschläge, und die füllen das Grundwasser wieder auf. Deutschland wird weiterhin ein wasserreiches Land sein. Etwas anderes zu behaupten, ist großer Quatsch.

Der Eindruck vieler Menschen ist ein anderer. Dieses Jahr hatten wir bereits den vierten Trockensommer in fünf Jahren.

Die Sommer werden bei uns wärmer und trockener, ebenfalls eine Folge des Klimawandels. Das heißt, in dieser Zeit sinkt die Wasserverfügbarkeit. Wir brauchen also Anpassungsstrategien, die dafür sorgen, dass das im Winter reichlich vorhandene Wasser für den Sommer verfügbar gemacht wird. Etwa, indem wir Talsperren effektiv nutzen oder Grundwasser mit Wasser aus Flüssen angereichert wird – so wie das vielerorts bereits gemacht wird. Die Grundwasseranreicherung gibt es bei Magdeburg seit 60 Jahren, im Rhein-Main-Gebiet seit 30, in Niedersachsen sein zehn. Man hat damit Erfahrung, und es funktioniert gut.

Zur Person

Andreas Marx (54) ist Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Der Klimaforscher verantwortet das Informationsportal des „Deutschen Dürremonitors“ des UFZ. jw

In diesem Jahr war praktisch ganz Europa von der Dürre betroffen – von der Ukraine über die Mitte bis nach Spanien und Portugal. Wie sind die Klimaprognosen?

Sehr unterschiedlich. In Skandinavien steigen die Jahresniederschläge danach an, in Mitteleuropa hingegen sind die Änderungen klein, und im Mittelmeerraum wird es wirklich dramatisch. Dort ist es im Sommer heute schon extrem trocken, und das wird sich weiter bei abnehmenden Niederschlägen verschärfen.

Laut einer Studie Ihres Instituts war die Dürreperiode 2018 bis 2020 die heftigste im untersuchten Zeitraum seit 1766. Ist das die neue Normalität für den Sommer?

Nein, da kann ich Entwarnung geben. Trockenheiten, die mehrere Jahre andauern, werden zukünftig zwar häufiger auftreten, aber nicht die neue Normalität sein. Es kann passieren, dass 15 Jahre lang keine große Dürre auftritt.

Ist die Landwirtschaft, wie wir sie kennen, wegen der stärkeren Dürren gefährdet? 2018 bis 2020 und 2022 gab es deutliche Ernteeinbußen, zumindest regional.

Nein, generell gefährdet ist die Landwirtschaft nicht. Studien zeigen, dass die Agrarerträge in Mitteleuropa im Schnitt kaum zurückgehen werden. Im Frühjahr, wenn die Kulturen zu wachsen beginnen, wird die Situation meist sogar besser sein als heute, weil die Böden feuchter sind. Die Situation im Sommer ist wegen mehr Wärme und Trockenheit kritischer, doch hier können die Landwirte sich anpassen, indem sie Pflanzen anbauen, die besser mit Trockenheit zurechtkommen, und die Böden schonender bearbeiten. Man muss allerdings wissen: Es kann, stärker als heute, sehr gute, aber auch sehr schlechte Jahre für die Landwirtschaft geben. Und hierfür muss Vorsorge getroffen werden, zum Beispiel durch Versicherungslösungen.

Wie sieht es mit der Wasserversorgung für die Haushalte und die Industrie aus? In diesem Sommer mussten eine ganze Reihe Kommunen auf die Bremse treten: Wassersprengen und Befüllen von Pools wurde verboten, es gab Appelle zum Wassersparen.

Richtig kritisch war es nur in wenigen Fällen, die Wasserversorgung war nicht wirklich dauerhaft gefährdet. Sie wird es langfristig auch nicht sein, wenn die Prognosen der Klimaforscher eintreffen und höhere Niederschläge im Winter den Mangel vom Sommer ausgleichen. Kritisch kann es eher für Bäche, Flüsse und Wälder werden, die davon abhängen, dass der Grundwasserstand im Sommer nicht zu stark absinkt.

Trotzdem wachsen die Wasserprobleme in den Ballungsgebieten. Für Berlin wird bereits diskutiert, eine Pipeline zur Ostsee zu bauen, um von dort entsalztes Meerwasser zu liefern.

Großstädte wie Berlin oder Frankfurt am Main werden sich nie alleine versorgen können, sie brauchen immer Wasser aus dem Umland. Diese Konflikte brechen auf, wenn es in einem Jahr einmal besonders trocken ist. Das Problem liegt darin, dass es für diese Situationen bisher kein vorbeugendes Dürre-Management gibt, bei dem alle Wasserverbraucher, also neben Privathaushalten auch in der Industrie, frühzeitig vorgewarnt werden, dass sie die Mengen herunterfahren müssen. Es braucht Dürre-Warnstufen, so wie es Warnstufen für Hochwasser oder Luftverschmutzung gibt, damit frühzeitig reagiert wird. Ideen wie die, eine Pipeline von der Ostsee nach Berlin zu bauen, sind dagegen aberwitzig.

Interview: Joachim Wille

Andreas Marx. Foto: Sebastian Wiedling/UFZ.
Andreas Marx. Foto: Sebastian Wiedling/UFZ. © Sebastian Wiedling

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