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Klimafantasien auf Twitter

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Von: Verena Kern

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Greenpeace immerhin zeigt, dass man Twitter-Chats auch für den Klimaprotest nutzen kann (im Bild auf dem Berliner Alexanderplatz im Juli 2021).
Greenpeace immerhin zeigt, dass man Twitter-Chats auch für den Klimaprotest nutzen kann (im Bild auf dem Berliner Alexanderplatz im Juli 2021). © AFP

Die digitale Desinformation boomt: Lügen und Falschbehauptungen über den Klimawandel nehmen in dem von Elon Musik übernommenen Netzwerk sprunghaft zu

Wer auf Twitter den Suchbegriff „climate“ eingibt, bekommt derzeit als Top-Ergebnis „#ClimateScam“ angezeigt, Klimaschwindel. Der Hashtag dient als eine Art Sammelbecken für Lügen und Desinformationen über den Klimawandel. Mit schrillen Falschbehauptungen werden Zweifel gestreut und Klimaschutzmaßnahmen lächerlich gemacht. Von einer „erfundenen Katastrophe“ ist etwa die Rede. Unterstellt wird die Absicht, „Angst und Schuldgefühle zu schüren, um uns zu besteuern und unsere Freiheiten zu beschneiden“. Ein Meme zeigt die Simpsons-Figur des Ralph Wiggum, der für Naivität und Leichtgläubigkeit steht, mit den Worten: „Der Fernseher hat mir gesagt, dass das Wetter besser wird, wenn ich Käfer esse und mehr Geld an die Regierung zahle.“

Die Behauptungen stehen in krassem Widerspruch zur Klimawissenschaft. Die Forschungslage ist eindeutig. Über 99 Prozent aller Studien bestätigen, dass es einen potenziell katastrophalen Klimawandel gibt, der vom Menschen verursacht wird – sowohl durch die Nutzung fossiler Brennstoffe als auch durch die Zerstörung der Natur.

Seit Elon Musk Twitter übernommen hat, boomt der Hashtag #ClimateScam. Der Tesla-Chef hatte im April seine Absicht verkündet, die Plattform zu kaufen. Formal wurde die Übernahme Ende Oktober für 44 Milliarden US-Dollar vollzogen. Im Monat darauf, im November, verdoppelte sich die Verwendung des Hashtags gegenüber dem Vormonat auf fast 24 000 Beiträge. Das ist 17-mal mehr, als der Hashtag 2021 durchschnittlich in einem Monat verwendet wurde, wie eine Analyse des britischen Center for Countering Digital Hate (CCDH) ergab.

Erst Spielerei, dann Zügellosigkeit

So hatten sich die US-amerikanischen Forscher das 1968 mit dem Internet, E-Mails und digitaler Kommunikation nicht gedacht. Jene Fachmänner (ja, alles karierte Hemden und Krawatten tragende langhaarige bärtige Männer), die in Kalifornien und in ehrwürdigen Universitäten an der US-Ostküste vornehmlich dank der Budgets des Pentagons unbekümmert Computer immer weiter miniaturisierten – sie sahen damals den elektronischen Verkehr von Informationen vornehmlich als spielerischen Entwicklungsschritt zu mehr intellektuellem Austausch.

Die Philosophen des Internets (wieder nur Männer) ersannen dann die Utopie weltweiter Kommunikation, ungehindert und herrschaftsfrei, allein dem Ziel untertan, die Menschen klüger und bewusster zu machen.

Keine gute Geschäftsidee, fanden die Monetarisierer und Entwickler des Internets (zumeist auch Männer). Sie setzten während der digitalen Revolution die libertäre und geschäftsträchtigere Vorstellung davon durch, dass man im Internet ohne jede Verantwortung tun konnte, was man wollte. rut

Die gemeinnützige Organisation, die sich gegen Hass im Netz engagiert, hat ausgewertet, was sich auf Twitter unter Elon Musk verändert hat. Auch bei Hasskommentaren gibt es demnach einen sprunghaften Anstieg. Rassistische Kommentare haben um 202 Prozent zugenommen, homophobe Beleidigungen um 58 Prozent, transphobe Tweets um 62 Prozent, frauenfeindliche Tweets um 33 Prozent – wobei diese in absoluten Zahlen ausgedrückt mit großem Abstand am häufigsten vorkommen. Noch größer ist der Anstieg bei den Retweets, Antworten und Likes, die die Hasskommentare bekommen, er liegt bei 273 Prozent – verglichen jeweils mit der durchschnittlichen Anzahl an Tweets, die es im Jahr 2022 vor der Übernahme pro Tag gab.

Die Zahlen sind umso erschreckender, weil Hass und Desinformation schon in den Jahren zuvor auf Twitter stark zunahmen, sodass der aktuelle Anstieg von einem bereits erhöhten Niveau ausgeht. Die Mathematiker:innen Max Falkenberg und Andrea Baronchelli von der City University of London haben diese Zunahme von Klima-Fehlinformationen für die Zeitung „The Times“ analysiert. Demnach lag die Anzahl erfasster klimaskeptischer Tweets und Retweets im Jahr 2020 bei 220 000, im Folgejahr stieg sie auf 650 000 und beträgt nun in diesem Jahr schon 850 000. Das ist der höchste Wert seit der Gründung von Twitter 2006. Größter Anheizer ist der Hashtag #ClimateScam. In fast jedem zweiten Beitrag mit fragwürdigen Klimathesen taucht er auf. Vor 2022 lag sein Anteil bei nur zwei Prozent.

Begonnen hat der Anstieg an Desinformation aber noch früher. Das zeigt eine Studie, die ein Team um Falkenberg und Baronchelli bereits im November im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht hat.

Die Forschenden untersuchten die Inhalte, die in den Jahren 2014 bis 2021 jeweils während der UN-Klimakonferenzen auf Twitter liefen. Ergebnis: Seit 2015, als das Pariser Klimaabkommen beschlossen wurde, sind die klimaskeptischen Aktivitäten von Rechtsextremen förmlich explodiert, um die Dringlichkeit von Klimaschutzmaßnahmen infrage zu stellen. Seit 2019, parallel zum Beginn der globalen Klimastreiks und Aktionen der Gruppe „Extinction Rebellion“, werden Anti-Klima-Äußerungen zunehmend feindselig und polarisierend. Der Vorwurf der „Heuchelei“ taucht nun verstärkt auf, um vor allem die Klimabewegung als unglaubwürdig zu diffamieren.

Dabei ist, wie die Studie hervorhebt, keineswegs die Zahl der Nutzer:innen gestiegen, die den Klimawandel leugnen und „klimafeindliche Ansichten“ verbreiten. Vielmehr ist es eine kleine Minderheit, die extremer und lautstärker agiert, dadurch mehr Aufmerksamkeit erhält und so andere mitzieht. Nur zehn Twitter-Accounts sind derzeit für ein Viertel der klimaskeptischen Inhalte verantwortlich.

Zwar hat Musk am Tag der Übernahme versprochen, Twitter werde sich nicht in einen Ort verwandeln, „wo alles ohne Konsequenzen gesagt werden kann“. Doch seine Entscheidungen gehen in eine andere Richtung. Er löste Twitters Nachhaltigkeitsabteilung auf, kürzte die Moderationsteams radikal zusammen und hob Sperren für mehrere prominente und reichweitenstarke Nutzer:innen auf, darunter Donald Trump.

Bislang ist Twitter ein wichtiger Ort für Diskussion und Austausch über Klimathemen. Durch die wachsende Polarisierung und Politisierung der Debatte könnte sich das ändern. Laut einem Bericht des britischen „Guardian“ erwägen mittlerweile viele Klimawissenschaftler:innen, sich von der Plattform zurückzuziehen.

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