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Mit Sekundenkleber fürs Klima: Die „Letzte Generation“ provoziert mit radikalen Aktionen

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Von: Tatjana Coerschulte

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Aktivistin Carla von der „Letzten Generation“ spricht im Interview über Proteste mit Sekundenkleber, weggeworfene Lebensmittel und was Gemälde mit Klimaschutz zu tun haben.

Aus Protest gegen die Klimapolitik der Bundesregierung haben Aktivist:innen der „Letzten Generation“ am Dienstag (11. Oktober) den zweiten Tag in Folge Straßen in Berlin blockiert. Wie ist das, wenn man sich für den Klimaschutz auf Straßen festklebt? Carla Rochel war bei den jüngsten Protesten in Berlin dabei.

Carla, wenn man die Hände festklebt und dann losgeschnitten wird, tut das weh?

Unsere Hände werden nicht losgeschnitten, sondern mit Speiseöl oder Aceton von der Straße gelöst. Weil das Zeit kostet, können wir durch das Festkleben die Störung verlängern. Und das ist nötig um zu zeigen, uns läuft die Zeit davon. In zwei bis drei Jahren ist es zu spät, um das Ruder noch herumzureißen.

Warum nutzt ihr ausgerechnet diese Methode für euren Klimaprotest?

Wir haben uns dazu entschieden, nachdem wir uns mit Widerstandsformen in der Geschichte beschäftigt haben. Da sieht man, dass es immer wieder erfolgreich war, wenn Menschen auf die Straße gingen und sagten: Wir machen nicht einfach eine Demo, wir gehen jetzt hier nicht mehr weg.

Bei Fridays for Future waren 1,4 Millionen Menschen auf der Straße – und dann folgte ein verfassungswidriges Klimapaket der Regierung. An dem Punkt waren wir wahnsinnig frustriert und enttäuscht und es war klar, dass das Problem so groß und so dringend ist, dass wir eben nicht mehr ausreichend Druck damit erzeugen können, alle paar Monate einen Klimastreik zu machen und bunte Schilder hoch zu halten.

Festgeklebt am Haltestreifen: Straßenblockade der „Letzten Generation“ auf der Ausfahrt der Autobahn 95 in Fürstenried bei München.
Festgeklebt am Haltestreifen: Straßenblockade der „Letzten Generation“ auf der Ausfahrt der Autobahn 95 in Fürstenried bei München. © Aaron Karasek/Imago

Wenn du als Maßstab für Erfolg nimmst, welche Ergebnisse nach Protesten folgen – welche konkreten Ergebnisse sind auf eure Aktionen gefolgt?

Wir haben eine Berichterstattung in den Medien gesehen, die wir lange nicht mehr hatten. Wir haben auch von vielen Politiker:innen Rückmeldungen bekommen, dass das Druck ausübt, Jürgen Trittin hat das sogar in einer Talkshow gesagt. Es muss klar sein, dass wir noch mehr Menschen auf den Straßen brauchen, weil wir ja sehen, dass nicht einmal so einfache Forderungen wie ein Tempolimit oder kostenloser ÖPNV oder ein Essen-retten-Gesetz von der Bundesregierung umgesetzt werden.

Ihr seid vielleicht ein oder zwei Dutzend Leute, die sich festkleben – viel mehr Menschen sitzen aber in den Autos vor euch und sind sauer, weil sie im Stau stehen.

Im Juni in Berlin waren wir über 200 Menschen auf der Straße, also weit mehr. Es stimmt, dass die Leute von den Protesten genervt waren, wenn sie dort im Stau standen, und das verstehe ich auch. Es tut mir auch jedes Mal, wenn ich da sitze, leid für die Menschen, die dann im Stau stehen. Oft kommen Leute aus dem Stau wütend nach vorne, und ich habe es erlebt, dass sie, wenn man darüber gesprochen hat, warum wir da sitzen, sagen: „Okay, ich finde die Aktion vielleicht nicht gut, aber ich verstehe euch und mir fällt auch nichts anderes ein“.

Was wollt ihr konkret erreichen?

Jetzt gerade wäre das Mindeste, dass das Neun-Euro-Ticket fortgesetzt wird und dass wir ein Tempolimit auf Autobahnen bekommen. Das sind zwei Punkte, die einen riesengroßen Rückhalt in der Bevölkerung haben. Das Neun-Euro-Ticket in diesem Sommer war der Hammer, es ist eine Farce, dass das jetzt einfach versandet ist. Wir brauchen Maßnahmen, die uns aus diesem Kurs in den kompletten Kollaps rausbringen. Das Neun-Euro-Ticket zurückzuholen, wäre da ein toller erster Schritt, weil das die Menschen sogar noch entlastet.

Carla Rochel.
Carla Rochel © Marlene Charlotte Limburg

Zur Person

Carla Rochel, 20, studiert Psychologie und Politikwissenschaft in Heidelberg.

Eine eurer letzten Aktionen war, dass sich einige mit den Händen an den Rahmen berühmter Gemälde in Museen festgeklebt haben. Was hat das mit Klimaschutz zu tun?

Das hat mit politischem Druck und mit Aufmerksamkeit für unser Thema zu tun. Es geht darum, den Alltag der Bevölkerung zu unterbrechen und zu zeigen: Wir stecken in der Krise und müssen darüber reden, wie wir als Gesellschaft, als Menschheit weitermachen wollen.

Das Essen-retten-Gesetz, das ihr fordert – ist das nicht etwas, worauf jede und jeder im eigenen Haushalt achten könnte und wofür nicht der Bundeskanzler verantwortlich ist?

Es ist ein kleiner Punkt, auch zu Hause kein Essen wegzuwerfen. Aber das ist kein Vergleich zu dem, was tagtäglich bei unseren Supermärkten in der Tonne landet. In Deutschland ist das eine Lkw-Ladung Lebensmittel pro Minute. Selbst wenn wir uns alle einzeln perfekt verhalten würden, würden wir weiter in die Klimakatastrophe schlittern, weil eben so große Entscheidungen wie unser Energiesystem oder unser Verkehrssystem von der Politik kommen müssen.

Wir brauchen eine Regierung, die ehrlich ist zu den Bürger:innen und klar sagt, dass wir richtig tief im Schlamassel stecken, dass jetzt auch Unangenehmes kommt. Aber wer übernimmt die Verantwortung, wenn das nicht passiert? Es braucht dann eine Zivilgesellschaft, die auf die Straße geht. Und wenn das dazu führt, dass wir in 20, 30 Jahren alle noch genug zu essen haben und Trinkwasser – dann würden sich die meisten Bürger:innen dafür entscheiden. Und dagegen, mit 200 über die Autobahn zu fahren.

In der jetzigen Energiekrise wird auf Kohle und Atomkraft zurückgegriffen. Eure Ziele sind offenbar nicht von heute auf morgen zu erreichen.

Das wissen wir. Das ist ein politisches Versagen, dass wir jetzt nicht die Möglichkeit haben, Gas oder Kohle zu ersetzen. Wir hätten schon den ganzen Sommer über erneuerbare Energien richtig ausbauen können – einfach mal loslegen statt immer nur darüber zu reden.

Ein Polizist löst am Montag die Hand eines Aktivisten von einer Straße in Berlin.
Ein Polizist löst am Montag die Hand eines Aktivisten von einer Straße in Berlin. © IMAGO IMAGES

Ein Extremismusforscher von der Universität Regensburg hat kürzlich geäußert, dass er bei Klima-Gruppen wie euch oder „Extinction Rebellion“ eine Vorstufe der Radikalisierung sieht. In diesem Zusammenhang hat er die RAF der 70er Jahre erwähnt. Was hältst du davon?

Ich habe das gelesen und war fassungslos, wie ein Professor Menschen, die friedlich auf einer Straße sitzen, mit Menschen vergleicht, die andere entführt und ermordet haben. Unsere Aktionen bleiben gewaltfrei und friedlich. Wir unterbrechen den Alltag von Menschen, ja – aber das ist so weit entfernt von dem, was die RAF gemacht hat, ich bin da echt fassungslos.

Könnte es aber nicht doch sein, dass sich der eine oder die andere irgendwann in den Klimaprotest hineinsteigert?

Ich glaube, niemand steigert sich da rein. Wir sprechen viel darüber, wie das, was wir wollen, funktionieren kann – und dazu gehört, dass es gewaltfrei ist. Wenn wir das nicht schaffen, sind wir mit unserem Vorhaben gescheitert. Es klingt apokalyptisch, wenn man sagt, alle Systeme um uns herum kollabieren gerade – aber das ist das, was die Wissenschaft sagt.

Ich finde es eher erschreckend, dass die Politik da nicht zuhört. Wenn wir uns nicht jetzt mutig entscheiden, einen anderen Weg einzuschlagen, wird der Kollaps unserer Lebensgrundlage, uns alle treffen, auch die Politiker:innen, die gerade in der Regierung sind,

(Interview: Tatjana Coerschulte)

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