+
Darf man nicht mehr nach einem langen Arbeitsleben auf einem Luxusliner entspannen? Doch, aber die Konsequenzen der Kreuzfahrten sollte man kennen.

Aktivisten von Fridays for Future

Fridays for Future in der FR: „Wir haben keine Zeit, wir müssen jetzt handeln“

  • schließen
  • Viktor Funk
    Viktor Funk
    schließen

Die Zeit drängt: Warum die Aktivisten von Fridays for Future heute auf die Straße gehen - und nicht erst nach ihrem Schulabschluss. 

Liebe Kira, liebe Angelina, diese Ausgabe hat die FR zusammen mit Fridays for Future gemacht, und es ist auch kein Geheimnis, dass wir Sympathien für Eure Bewegungen haben. Für dieses Interview nehmen wir aber die Rolle der Mäkler ein und sind gespannt, wie Ihr auf deren Kritik reagiert. Die sagen zum Beispiel, dass Ihr schön radikal sein könnt, weil Ihr einfach noch zu jung seid. Ihr solltet lieber mal die Schule vernünftig beenden, dann wärt Ihr auch klüger.
Angelina: Das Argument ist eigentlich keines, weil die Klimakrise jetzt akut ist. Wir haben keine Zeit, wir müssen jetzt handeln, nicht erst nach dem Schulabschluss.

Das heißt, bald sind wir alle tot?
Kira: Nein, es geht um die Zeit, die uns noch zum Handeln bleibt. Ein Bericht der UN sagt, dass wir noch etwa 18 Monate haben, aber eigentlich hat Deutschland noch viel weniger. Wir sind auf dem Land ja schon bei 1,53 Grad Erwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit. Erst Schule, Abi, dann vielleicht Studium, dann Berufsleben – das dauert zu lange. Wir fordern jetzt Aufmerksamkeit für die Lösungen der Klimakrise und wir fordern, dass sofort gehandelt wird, weil es lange versäumt wurde.

Wir Erwachsene haben’s also versemmelt?
Kira: Ja, denn eigentlich gibt es schon lange Pläne, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Nur leider passiert nichts. Gleichzeitig ist es auch so, dass wir keine neuen 68er sind, die sagen: Es gibt keine Zukunft. Im Gegenteil – wir wollen ja eine Zukunft. Wir bleiben im Gespräch, gehen auf die Politik zu, sind auf Podien, sagen, dass wir die Probleme nur gemeinsam lösen können. Auch der Streiktag heute richtet sich an alle: Alle gehen gemeinsam für Klimaschutz auf die Straße.

Keine Wut auf die Erwachsenen?
Angelina: Na ja, insbesondere haben es ja Politiker versäumt, zu handeln. Dass sich das Klima wandelt, hat das erste Mal ein Wissenschaftler im 19. Jahrhundert herausgefunden. Aber getan hat sich seitdem nichts. 

Darf man nicht mehr nach einem langen Arbeitsleben auf einem Luxusliner entspannen? Doch, aber die Konsequenzen der Kreuzfahrten sollte man kennen.

Also ist es dann okay, wenn wir weiter fette SUVs fahren, weil die Politiker uns das ja nicht verbieten?
Kira: Es geht nicht darum, etwas zu verbieten. Wir wollen Anreize, dass auch jeder Einzelne klimafreundlicher handelt. Aber an die großen Schritte, das, was viel Schaden anrichtet, da muss die Politik ran. Darauf liegt unser Fokus. Wir wollen auch keine Schuldfragen stellen, das bringt nichts. Wenn wir Schuldige suchen, dann beschäftigen wir uns damit und nicht mit der Suche nach Lösungen.

Es gibt aber durchaus Schuldzuweisungen. Vor Kurzem hat jemand auf Twitter Jugendliche dazu aufgerufen, Eltern oder Großeltern zu beleidigen, wenn die eine Kreuzfahrt buchen. Beleidigt Ihr Eure Eltern, wenn sie auf eine Kreuzfahrt wollen?
Angelina: Wir klären vor allem erst einmal auf, auch unsere Eltern. Eine Kreuzfahrt ist ja nur zum persönlichen Vergnügen da und nicht, um irgendwohin zu kommen. Wenn man aufzeigt, wie schädlich das ist, dann können sie sich überlegen, ob sie das wirklich noch machen wollen.

Und wenn jemand sich sein Leben lang so etwas nicht leisten konnte und nun im hohen Alter mal so eine Luxusreise machen will?
Kira: Wie gesagt, wir wollen nichts verbieten. Wir wollen, dass die Menschen sich bewusst fragen: Ist es wirklich das, was ich will? Ist das wirklich mein Lebensziel und nehme ich in Kauf, dass dann so viel kaputt geht und am anderen Ende der Welt Menschen sterben. Indirekt natürlich. Wenn dann jemand sagt, dass er sein Leben lang davon geträumt hat, dann will ich ihn nicht davon abhalten.

Eure Bewegung wird von Jugendlichen getragen, die aus privilegierten Verhältnissen kommen. Euer CO2-Fußabdruck ist größer als der vieler Menschen, deren Leben sich nach Euren Forderungen ändern müsste. Findet Ihr es nicht problematisch, anderen, die auch von so einem bevorzugten Leben träumen, zu sagen: So darf es aber nicht weitergehen?
Kira: Das ist eine berechtigte Beobachtung, aber kein berechtigter Vorwurf. Ja, unsere Grundbedürfnisse sind abgedeckt, darum wird sich gekümmert. Aber gerade deswegen haben wir ja die Zeit und die Mittel, uns mit diesen Fragen zu beschäftigen. Gerade deswegen tragen wir ja die Verantwortung, zu handeln. Beim Streik geht es nicht nur um uns, es geht um alle, deswegen schließen sich uns ja auch die Gewerkschaften an. Es geht um alle Gesellschaftsgruppen.

Was können Menschen tun, die Eure Anliegen teilen, aber sich nicht so engagieren können wie Ihr?
Kira: Wir leisten die organisatorische Arbeit, wer keine Zeit hat, kann streiken, kann mit anderen über das Thema reden. Menschen reden doch sowieso miteinander.


Wann habt Ihr gesagt: Wir sind in Gefahr, wir müssen was unternehmen?
Angelina: Vor den ersten Streiks habe ich mich mit dem Thema nicht beschäftigt, es war nichts in den Medien, es wurde darüber nicht gesprochen. Erst als die ersten Freitagsdemos losgingen, habe ich angefangen, mich zu informieren. Ich wollte wissen, ob es stimmt, was da gesagt wird, ob das wirklich wahr ist. Dann habe ich den Ernst der Lage erkannt …

Und Panik gekriegt.
Angelina: Ja. Wenn man sich mit den Folgen und Veränderungen des Klimawandels auseinandersetzt, wenn man sieht, wie viele Menschen fliehen müssen oder deswegen sterben, dann kommt Panik auf.

Und, Kira, was war bei Dir der Auslöser?
Kira: Ich habe die Klimakrise überhaupt erst im vergangenen Herbst wirklich wahrgenommen, als Greta auf der Konferenz in Katowice gesprochen hat und das wiederum eine Medienwelle ausgelöst hat. Kurz danach haben wir beschlossen, auch in Deutschland zu streiken. Der erste Streik in Frankfurt war dann gleich am 14. Dezember.

Wenn Ihr sagt: Es steht nichts in den Medien, dann wundern wir uns. Nicht nur die FR berichtet schon seit Jahrzehnten über den Klimawandel und seine Folgen.
Angelina: Wir beziehen unsere Informationen eher aus anderen Medien als gedruckten Zeitungen. Andererseits haben wir bei einem Projekt in der Schule drei Monate lang die „FAZ“ analysiert, und ich erinnere mich an kaum einen Bericht zum Klimawandel. Auch im Fernsehen kam das kaum vor, erst als US-Präsident Trump das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt hatte, wurde mehr berichtet.

Kira: Ich habe schon früher einiges mitbekommen, aber mir fehlte viel Hintergrundwissen. Das habe ich mir jetzt größtenteils angeeignet. Und ich glaube schon, dass wir sagen können, dass es Fridays for Future geschafft hat, das Thema für alle präsent zu machen. Jeder sollte jetzt mit den Begriffen Klimawandel oder Klimakrise was anfangen können.

Und Ihr seid jetzt Expertinnen?
Angelina: Wir kennen uns zumindest recht gut aus.

Worin?
Kira: Ich habe mich in letzter Zeit zum Beispiel ziemlich viel mit der CO2-Steuer beschäftigt …

Ihr sagt, Ihr habt Angst um die Zukunft der Erde, um Eure Zukunft. Könnt Ihr Euch vorstellen, dass viele Menschen, die Eure Forderungen hören, auch panisch werden? Sie haben Angst, dass sich ihr Leben radikal ändern, dass ihre Existenz zerstört würde, wie zum Beispiel in Städten wie Wolfsburg, das vom Volkswagenwerk abhängt.
Kira: Ja klar. Jeder Mensch hat Angst um seine Existenz. Aber genau darum geht es, dass die Politik Angebote machen soll, Anreize schaffen … zum Beispiel im Verkehr vom Auto auf die Bahn umzusteigen. Dafür muss aber ein gutes Bahnnetz her. Dass Arbeiter in der Kohleindustrie weitergebildet werden und neue Arbeit finden, dass die Existenz der Menschen gesichert ist. Wir müssen aufklären, die Menschen rausholen aus dem Denken, dass es nur so geht, wie sie es kennen.

Bei Euren Forderungen ist selten von Umverteilung die Rede. Wir sehen ja aktuell an der Einigung über den Kohle-Ausstieg, dass Strukturwandel sehr viel kostet. Warum redet Ihr nicht darüber, Klimaschutz ist doch auch eine Frage des Geldes?
Kira: Das ist uns klar. Wir haben ja im April unsere sechs Forderungen vorgestellt, was dringend angegangen werden muss. Darunter ist zum Beispiel eine CO2-Steuer. So wie wir sie uns vorstellen, könnte sie dazu führen, dass ärmere Menschen daran sogar verdienen. Wer eher klimafreundlich lebt, würde profitieren. Da reichere Menschen meist mehr CO2 erzeugen, würden sie dafür zahlen.

Nochmal zum Thema Schule: Die CDU-Vorsitzende und mögliche Kanzlerkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer sagt, sie würde ihren Kindern keine Entschuldigung schreiben, wenn sie freitags streiken wollten. Wie ist das bei Euren Eltern?
Angelina: Meine tun das. 

Kira: Bei mir ist es anders, ich bin ja schon volljährig. Ich hatte aber in einem Fach Schwierigkeiten, in Deutsch, da hatte der Lehrer beschlossen, dass er für Freitage generell nur noch Atteste akzeptiert, keine Entschuldigungen.

Also wurden Ärzte bestochen …
Kira:
Nein, ich habe mir kein einziges Attest geholt. Ich habe teilweise Fehlstunden bekommen und ansonsten habe ich meine Kenntnisse über das Schulgesetz genutzt und mich immer mal wieder freitags beurlauben lassen.

Ihr zahlt also schon jetzt einen Preis für Euer Engagement.
Kira: Ja klar, sobald man mit dem Thema öffentlich umgeht, positionieren sich ja die Menschen in deinem Umfeld. Teilweise ändert sich dann auch deren Einstellung zu dir.

Was lernt Ihr denn auf der Straße und bei Protesten, was Ihr in der Schule nicht lernt?
Angelina: Sehr viel, vor allem fürs Leben. Ich habe zum Beispiel Spanisch in der Schule, da lerne ich halt Vokabeln, aber bei Fridays for Future lerne ich sehr viel über den globalen Klimawandel, ich lerne organisieren, wie man eine Demo auf die Beine stellt. Das lerne ich in der Schule nicht.

Ist Fridays for Future also für das Leben lernen?

Angelina und Kira: Auf jeden Fall! 

Kira: Normale Demoteilnehmer lernen, was unsere Demokratie ausmacht. Wir haben bestimmt 80 Prozent Erstdemonstranten, die sonst nie bei Protesten waren und im Kopf vielleicht eher Bilder von Schwarzen Blöcken hatten. Zu seiner Meinung zu stehen, sie öffentlich zu äußern, eine Rede zu halten … ich kann hier gar nicht alles aufzählen, was ich mittlerweile gelernt habe. Wir führen mehrmals die Woche Telefonkonferenzen, auch bundesweit, Plenumskultur, Pressearbeit, Social Media Arbeit, E-Mail-Korrespondenzen verwalten, sich mit Politikern treffen, zu Umweltausschüssen gehen. Das sind lauter Sachen, die wir sonst nie machen würden.

Und woher nehmt Ihr die Zeit? Ihr schlaft einfach nicht mehr.
Angelina: Ein wenig schon.

Kira: Wir schlafen tatsächlich sehr wenig. Wenn jemand von uns am Folgetag frei hat, dann arbeitet er teilweise bis vier, fünf Uhr in der Nacht. Wir können ja nur abends arbeiten, vorher haben wir Schule. Die Telefonkonferenzen dauern auch oft bis nach Mitternacht, Plenumsarbeit beginnt sowieso erst abends. Wir versuchen uns gegenseitig zu helfen, wenn jemand sagt, dass er nicht mehr kann, dann übernimmt jemand anderes die Arbeit. Wir achten gegenseitig auf uns – auch darauf, dass vielleicht mal jemand mehr schlafen sollte.

Findet Ihr Euch eigentlich cool bei dem, was ihr tut?
(Beide lachen)

Angelina: Das ist schwierig.

Die Zuschreibung oder Eure Rollen?
Kira: Beides. Nein, ich finde mich nicht cool, ich finde eher nötig, was ich mache. Ich bin auch verunsichert, wenn jemand sagt, er bewundert uns. Wir tun das ja nicht für Bewunderung. Eigentlich wären es mir lieber, wir würden gefragt, wieso wir das tun, was wir tun, und wie er helfen kann.

Ihr habt vor dem Gespräch gesagt, dass ihr nicht einzelne Leute hervorheben wollt, deswegen sitzt ihr ja auch zu zweit hier. Andererseits ist Eure Galionsfigur unzweifelhaft Greta Thunberg. Was würde passieren, wenn sie morgen aussteigen und sich gar nicht mehr blicken lassen würde?
Kira:
Greta war auf jeden Fall eine Person, mit der alles angefangen hat. Auch ich war inspiriert von ihr. Sie ist medial präsent und wird auch von der Politik ernster genommen als wir. Aber davon abgesehen ist die Bewegung inzwischen so breit und stark, dass sie bestehen bleiben würde. Da machen wir uns keine Sorgen.

Und Ihr habt auch schon so viel erreicht, die SPD ergrünt jetzt plötzlich …
(Beide lachen.)

Die SPD versucht jetzt nachzuweisen, dass sie sich dem Thema schon seit Jahrzehnten widmet. Die CSU sagt, sie sei die eigentliche Umweltpartei. Reicht Euch das nicht?
Kira: Nein, eben nicht. Es tut sich zu wenig, ihre Forderung nach CO2-Besteuerung ist zum Beispiel viel zu schwach. Und auch die Grünen, die uns teilweise ihren Erfolg bei der Europawahl verdanken, haben keine ausreichenden Ziele in ihrem Programm.

Und ihre Bundespolitiker haben pro Kopf die meisten Flüge in Deutschland.
Kira. Ja, leider.

Und was passiert, wenn die Politik sich zu wenig bewegt?
Angelina: Dann streiken wir weiter.

Interview: Bascha Mika und Viktor Funk

Hier FR-Sonderseiten von Fridays for Future anfordern

Aktivist*innen von Fridays for Future haben am Freitag, 20. September 2019 die Frankfurter Rundschau gekapert. Einfach bei www.fr.de/fridays Mailadresse eingeben, Verfizierungscode bekommen und die Klima-Sonderausgabe lesen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion