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Sale heißt nichts anderes als Ausverkauf: Zerstören die allgegenwärtigen Anglizismen unsere Muttersprache?
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Sale heißt nichts anderes als Ausverkauf: Zerstören die allgegenwärtigen Anglizismen unsere Muttersprache?

Kleinmut schützt das Deutsche nicht

Wer eine sinnvolle Sprachpolitik betreiben will, muss herausfinden, warum und wie sich eine Sprache durchsetzt / Von Jutta LimbachEs geht die Angst um, die deutsche Sprache verfalle. Deswegen sind vor allem Konservative auf die Idee gekommen, ihr Verfassungsrang zu geben. Das wird nichts nützen, sagt Jutta Limbach. Sie zeigt andere Wege, die Kulturvielfaltin Europa zu erhalten.

Wenn deutsche Bürgerinnen und Bürger einen gesellschaftlichen Missstand beobachten, appellieren sie gern an den Gesetzgeber. Die jüngste Forderung lautet: Deutsch ins Grundgesetz! Ein künftiger Art. 22 a solle vorschreiben: "Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch." Auf diese Weise hofft man, die deutsche Sprache vor dem kulturellen Verfall zu retten, der durch den zunehmenden Gebrauch von Anglizismen und des Englischen in verschiedenen beruflichen Bereichen drohe.

In der Tat wird in den großen Banken, im Handel und in den Universitäten, dort vor allem in den Naturwissenschaften, mehr und mehr Englisch gesprochen. Selbst in der Lehre, vor allem im Graduiertenstudium, bedienen sich bundesdeutsche Universitäten immer häufiger der englischen Sprache. Diese Entwicklung kann uns in der Tat nicht gleichgültig lassen. Denn wenn an deutschen Universitäten Englisch zur ausschließlichen Sprache in Forschung und Lehre würde, verkäme Deutsch zu einer Folklore-Sprache, die mangels einer fortgebildeten wissenschaftlichen Terminologie modernen Ansprüchen nicht mehr genügte. Hinzu kommt, dass die Forschungsergebnisse der Gesellschaft nur noch schwer verständlich gemacht werden könnten.

Der Rucksack ist kein body bag

Der besondere Zorn gilt den Anglizismen, die allerorten unsere Sprache durchsetzen: Wir sprechen von Teamwork und Brainstorming, kaufen unsere Tickets im Reisecenter und gehen im Multistore shoppen. Unsere Jugend findet die Dinge cool oder uncool. Im Fernsehen wird uns ein "spirit von risk taking" anempfohlen. Manche Anglizismen verdanken wir gar nicht den Engländern, sie sind vielmehr selbst gebastelt. Das eine oder andere Wort wird missverstanden angewandt. Das schönste Beispiel ist noch immer der von Ebay zum Kauf angebotene "body bag", der in der englischen Sprache nicht Ruck-, sondern Leichensack bedeutet. Ein Missgriff, der um so widersinniger ist, als "rucksack" ein im Englischen gern gebrauchter Germanismus ist.

Aber würde ein Grundgesetzartikel vor solchen Sprachschludereien schützen? Könnten wir wirklich hoffen, dass das Bundesverfassungsgericht auf den Gebrauch der deutschen Sprache in Forschung und Lehre an deutschen Universitäten bestünde, wenn sich ein deutscher Student beschwerte? Obwohl ich viel von einer durchdachten Sprachpolitik halte, erwarte ich wenig von einer Norm, die die deutsche Sprache in Verfassungsrang hebt. Ein solcher Artikel zeugte nur von Kleinmut. Er inkorporierte den Zweifel in unser wichtigstes Staatsdokument. Selbst die erhoffte symbolische Funktion verspricht wenig Einfluss auf das gesellschaftliche Verhalten. (?)

Wer eine sinnvolle Sprachpolitik betreiben will, muss herausfinden, warum und wie sich eine Sprache behauptet und durchsetzt. Die Rolle der englischen Sprache und die Notwendigkeit internationaler Verständigung in einer entgrenzten Welt gilt es nüchtern zu analysieren. (?) Der englischen Sprache ist diese Rolle nicht wegen ihrer Ausdruckskraft, Schönheit oder Einfachheit zugefallen. Ihre Vorherrschaft ist ohne Zweifel das Resultat von Macht. Zwei Faktoren waren es im Wesentlichen, die Englisch zur Weltsprache gemacht haben: die Expansion der britischen Kolonialmacht und die Entwicklung der USA zur führenden Wirtschaftsmacht des 20. Jahrhunderts. Heute ist Englisch in vielen Staaten, vor allem in ehemaligen Kolonien, trotz des Vorhandenseins indigener Sprachen die zweite Sprache oder die Amts- und Arbeitssprache. Auch wird sie am häufigsten weltweit als erste Fremdsprache gelehrt und gelernt.

Es ist naiv zu glauben, dass man sich allein mit gezielter Sprachpolitik auf dem Markt der Idiome behaupten könnte. Vielmehr folgt die Sprache dem wirtschaftlichen, kulturellen und außenpolitischen Erfolg derjenigen, die sie sprechen.

Das gilt auch für die wissenschaftliche Leistung. Deutsch war einst Wissenschaftsweltsprache, und zwar deshalb, weil Deutschland am Anfang des vorigen Jahrhunderts den Ruf hatte, das in den Wissenschaften am weitesten fortgeschrittene Land zu sein. Mit Ausnahme einiger Nischenfächer hat Deutschland diese prominente Stellung verloren. (?)

Auch in den internationalen Organisationen und den Vereinten Nationen wird weitgehend Englisch gesprochen. Im Europarat sind die englische und die französische Sprache die Amts- und Arbeitssprachen, nicht jedoch die deutsche Sprache, obwohl sie in Europa am häufigsten als Muttersprache gesprochen wird. Anders in der Europäischen Union: Formal sind alle Sprachen der EU gleichberechtigt. Gleichwohl nimmt die deutsche Sprache zusammen mit der englischen und französischen eine privilegierte Stellung ein. So zählt sie in der Europäischen Kommission zu den drei Verfahrenssprachen und wird in allen Ratsarbeitsgruppen übersetzt, in denen ein eingeschränktes Sprachenregime gilt.

Trotz der privilegierten Stellung der deutschen Sprache gilt es weiterhin wachsam zu sein, weil sich immer wieder Tendenzen zu einer sprachlichen Monokultur beobachten lassen. Seit dem Beitritt der zehn mittel-, ost- und südeuropäischen Staaten gibt es in der Europäischen Union 20 offizielle Sprachen. Wen wundert es, dass wieder der Ruf laut wird, sich angesichts dieser Sprachenvielfalt für das Englische als alleinige Arbeitssprache in der EU durchzuringen? Wer wollte leugnen, dass sich die Vielzahl der Sprachen in der alltäglichen Kommunikation als hinderlich und kostspielig erweist. Man muss kein Rechenkünstler sein, um zu wissen, was das für den Sprachendienst der Europäischen Union bedeutet: 462 Sprachenkombinationen sind gegenwärtig abzudecken. Die Zahl der Dolmetscher erhöht sich durch die Erweiterung von 33 auf 115. Es ist kaum möglich, genügend Sitzungsräume mit so viel Kabinen bereitzustellen.

Damit dürfte das institutionelle Sprachenregime der Union, das ein eminent politisches Thema und wie kein anderes mit Emotionen belastet ist, alsbald wieder auf der Tagesordnung stehen. Zwar erscheint manchem das Verlangen nach Mehrsprachigkeit als ein störendes nationalistisches Relikt in der künftigen europäischen Kultur. Doch ist sich die Mehrheit der europäischen Eliten aus Politik und Kultur einig, dass Mehrsprachigkeit intellektuellen Reichtum verbürgt. Manche Gedanken, so der tschechische Kommissar Vladmir Spidla, können überhaupt nur in bestimmten Sprachen entstehen. Der hohe Wert der Mehrsprachigkeit hat seinen Niederschlag in der noch nicht ratifizierten EU-Verfassung gefunden. Danach gehört es zu den Zielen der Union, den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt zu wahren und für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas zu sorgen.

Deutschland und Frankreich vereint

Eine Regelung des künftigen Sprachenregimes enthält der Verfassungsentwurf bislang allerdings nicht. Doch dies wird in Anbetracht der begrenzten finanziellen und personellen Mittel nicht das letzte Wort bleiben. Die Politik wird sich zu einer begrenzten Mehrsprachigkeit durchringen müssen. (?) Aus Gründen der Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit wird für eine möglichst kleine Zahl geworben: drei, vier, höchstens fünf Sprachen erscheinen als wünschenswert und handhabbar.

Die wirklich heikle Frage ist die nach den Kriterien, anhand derer die Auswahl zu treffen ist. Wenigstens ansatzweise soll das Sprachenregime die Gründungsgeschichte und damit die politische Identität der Union widerspiegeln. Die Häufigkeit, mit der eine Sprache in der EU als Muttersprache gesprochen oder als Fremdsprache gelernt wird, soll eine Rolle spielen. Neben dem Verkehrssprachenpotenzial einer Sprache soll auch die transeuropäische Scharnierfunktion eine Rolle spielen.

Diese Kriterien sprechen in ihrer Zusammenschau (?) für die Trias Englisch, Französisch, Deutsch. Diese Sprachen werden in mehr als einem Land als Amtssprachen gesprochen und weisen schon von daher über den nationalstaatlichen Rahmen hinaus. Für die deutsche Sprache spricht nicht nur der Faktor des demografischen Gewichts; wird das Deutsche doch in der Europäischen Union am häufigsten als Muttersprache gesprochen. Hinzu kommt, dass nach den Erkenntnissen des jüngsten Eurobarometers zur Sprachenfrage Deutsch, neben seiner Stellung als wichtigste Muttersprache, die nach Englisch zweitwichtigste Fremdsprache in der EU geworden ist. Die deutsche Sprache liegt gleichauf mit der französischen auf dem zweiten Platz. Da trifft es sich gut, dass sich der französische und der deutsche Außenminister im Jahre 2000 auf eine gemeinsame Sprachenanweisung verständigt haben, die den Gebrauch beider Sprachen als Amts- und Arbeitssprache sicherstellen soll.

Die Frage der Sprachenwahl und -zahl in einem künftigen Sprachenregime der Europäischen Union wird nur in einem offenen Diskussionsprozess beantwortet werden können. Was immer dessen Ergebnis sein wird - drei, vier oder fünf Arbeitssprachen -, das Europa der Zukunft wird nicht einsprachig sein. Bei der Abwehr einer sprachlichen Monokultur kommt Deutschland und Frankreich eine besondere Rolle zu. Kraft der Bedeutung ihrer Sprache sind sie in besonderer Weise für den Erhalt der Sprachenvielfalt in Europa verantwortlich, vor allem für die Sprachen kleinerer Staaten. Es gilt Fantasie zu entwickeln, wie sichergestellt werden kann, dass auch die Sprachen lebendig bleiben, die nicht in den Genuss kommen, Amts- und Arbeitssprache des vereinten Europa zu sein. Würden diese künftig auf Folklore-Nischen beschränkt, ereignete sich ein Kulturverlust, der zu den Zielen der Europäischen Union in krassem Widerspruch stünde.

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