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Bremer Endspurt: Am Sonntag wird im kleinsten Bundesland gewählt.

Bürgerschaftswahlen in Bremen

Die Kleinen machen’s spannend

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Rund eine halbe Million Wähler sind am Sonntag in Bremen aufgerufen, über die Zusammensetzung des Landtags zu entscheiden. Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD) hat es diesmal mit vier Frauen zu tun. Klar scheint: Die CDU hat keine Chance gegen Rot-Grün.

Bürgerschaftswahlen in Bremen: Das klingt so prickelnd wie Urnengang in San Marino. Dabei werden am Sonntag an der Weser durchaus auch bundespolitische Akzente gesetzt: Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) könnte es haarscharf schaffen, in den zweiten westdeutschen Landtag nach Hamburg einzuziehen. Und: Die vor vier Jahren aus dem Parlament geflogene FDP könnte laut verschiedenen Umfragen mit fünf bis 6,5 Prozent ins Parlament zurückkehren und damit ihrem Bundesparteichef Christian Lindner weiteren Auftrieb geben.

Völlig unrealistisch ist dagegen die Hoffnung der CDU, die Grünen als SPD-Bündnispartner abzulösen. Denn auch nach acht Jahren Rot-Grün denken die Sozialdemokraten keineswegs an Partnertausch.

Die SPD dürfte diesmal etwas weniger als die 38,6 Prozent von 2011 bekommen, aber wieder ins Bürgermeisterbüro einziehen. Das ist so Tradition seit 70 Jahren – auch wenn der Zwergstaat inzwischen die größte Pro-Kopf-Staatsverschuldung und die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer hat und bei Pisa-Tests die rote Laterne trägt. Offenbar werden viele Bremer mit einem SPD-Gen geboren, das sie immer weitervererben.

“#motschimachts“

Bürgermeister Jens Böhrnsen regiert mit ruhiger Hand, manche sagen: mit zu ruhiger Hand. Aber seine Partei steht voll hinter dem 65-jährigen Juristen. Man könnte sie glatt in SPB umtaufen: Sozialdemokratische Partei Böhrnsens. Die Grünen hatten vor vier Jahren einen Höhenflug erlebt, weil der Atommeiler Fukushima in die Luft geflogen war. Mit ihren 22,5 Prozent verdrängten sie die CDU auf den dritten Platz. Am Sonntag werden sich die Verhältnisse wohl wieder umdrehen: Die CDU liegt bei Umfragen mit 22 bis 25 Prozent wieder vorn, die Grünen mit maximal 16 Prozent auf dem einst angestammten dritten Platz.

Böhrnsen hat diesmal mit vier Frauen zu kämpfen: Die Spitzenkräfte von CDU, Grünen, Linken und FDP sind alle weiblich. Mit 62 Jahren ist Elisabeth Motschmann die älteste. Die CDU-Bundestagsabgeordnete macht auf jung und läuft beim Straßenwahlkampf im Kapuzenpulli herum, mit dem Slogan “#motschimachts“.

Spitzenkandidatin der Grünen ist wieder Finanzsenatorin Karoline Linnert (56). Mit 16 wollte sie die Welt retten, jetzt kämpft sie für das Überleben Bremens, indem sie die Ausgaben so drosselt, dass Bremen ab 2020 die Schuldenbremse einhalten kann. Scharfes Kontra bekommt sie von Kristina Vogt (49). Die Linksfraktionschefin hält nichts vom Neuverschuldungsverbot ab 2020, weil der Staat dadurch kaputtgespart werde. Die Ex-Kneipenwirtin und Rechtsanwaltsfachangestellte hat die einst zerstrittene Partei geeint und wird auch von politischen Gegnern respektiert. Prognose: bis zu neun Prozent.

Die vierte Frau gegen Böhrnsen tritt für die FDP an: Lencke Steiner, 29 Jahre jung, Bundesvorsitzende der „Jungen Unternehmer“ und manchen bekannt aus einer Privatfernsehshow. Jetzt versucht sie es mit Politikshow, samt ausgefeiltem Marketing. Obwohl parteilos und politisch unerfahren, hofft sie auf einen ähnlichen Erfolg wie jüngst die ebenfalls fotogene, aber immerhin politikerprobte Katja Suding in Hamburg.

Die beiden rechtslastigen Listen AfD und „Bürger in Wut“ (BIW) ziehen mit Männern an der Spitze in die Wahl. Die AfD könnte es haarscharf schaffen, in Bremen und Bremerhaven die Fünf-Prozent-Hürde zu meistern, die Wutbürger zum wiederholten Mal in Bremerhaven; das würde wieder für eines der insgesamt 83 Landtagsmandate reichen, denn in beiden Städten gelten getrennte Fünf-Prozent-Klauseln.

AfD und BIW lassen sich nicht ganz leicht auseinanderhalten. Mindestens in einem Punkt aber unterscheiden sie sich: Auf die Frage von Radio Bremen, ob der Islam zu Bremen gehöre, antwortete BIW-Spitzenkandidat Martin Korol mit „Nein“, Christian Schäfer (AfD) mit „Jein“. Schäfer bekannte nebenbei sogar, dass er schon mal gekifft hat.

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