Das kleine Ventil

Britische Regierung atmet bei Nachricht aus Mosul auf

Von Reinhart Häcker (London)

"Ich freue mich nie über den Tod anderer Menschen", belehrte der britische Außenminister Jack Straw seinen Interview-Partner von der BBC, als der ihn am Mittwoch allzu hymnisch nach seiner Reaktion auf die Meldung vom Tod der beiden Saddam-Söhne befragte. Aber diese beiden seien doch ganz besonders üble Burschen gewesen. "Udai und Kusai Hussein haben die Verantwortung ihres Vaters für die vielen Jahre des Leidens des irakischen Volkes geteilt. Die Nachricht, dass sie keine Bedrohung mehr sind, wird die Iraker wieder sicherer machen."

Auch dem Premier Tony Blair war in Hongkong die Erleichterung anzumerken. Die Nachricht vom Erfolg in Mosul schien doch wenigstens vorübergehend einen Teil des Drucks von seinen Schultern zu nehmen, der seit der Selbsttötung des Waffenexperten David Kelly auf ihm und seinen Ministern lastet. Die dauernden Fragen nach den Ursachen und nach den ins Gerede gekommenen Begründungen für diesen Krieg finden jetzt vielleicht einmal ein kleines Ventil. Zwar waren es die Amerikaner, die die beiden Gesuchten nach eigenen Angaben in Mosul weit im Norden Iraks aufspürten und töteten; die britische Besatzungszone um Basra liegt weitab im Süden. Doch wie schon zuvor in diesem Krieg sieht London Anlass zur Mitfreude.

Die britischen Boulevardblätter brechen jedenfalls in die gleichen Jubelrufe aus, zu denen britische Siege auf dem Fußballplatz wie auf dem wirklichen Schlachtfeld führen. Auch seriöse Autoren jubeln mit. Dem amerikanischen Weißen Haus habe der Erfolg große Erleichterung verschafft, die die Kontroverse über die Kriegsgründe nun erst einmal entschärfen werde, schreibt die konservative Times; und sie fügt an, noch mehr müsse das nun auch für Großbritannien gelten. Und der linksliberale Guardian meint, Washington und London hätten jetzt neue Hoffnung auf einen Wendepunkt des blutigen Guerillakrieges erhalten.

Aber es gibt auch skeptische Stimmen. Penibel listet der Nahost-Experte des Independent all die offenbar fehlgeschlagenen Angriffe auf, mit denen die Amerikaner seit Kriegsende Saddam und seine Söhne auszuschalten versucht hatten. Er wundert sich, dass Udai und Kusai, die zuletzt getrennt operiert zu haben schienen, ausgerechnet in Mosul mit seiner weit gehenden kurdischen, also feindlichen Bevölkerung, gemeinsam aufgetaucht sein sollten. Und die BBC berichtete den ganzen Tag, in Bagdad verlangten jetzt viele zum Beweis, die Köpfe der beiden Toten zu sehen.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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