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Wenn es an einer Front unruhig wird, schickt die Kanzlerin de Maizière. Das hat bisher geklappt.

Thomas de Maizière

Der kleine General

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Verteidigungsminister Thomas de Maizière gilt eigentlich als solider und seriöser Regierungshandwerker. Doch momentan zeigt er ungewohnte Schwächen. Warum nur?

Es gibt diese Episode aus den frühen Sechzigerjahren. Ulrich, der Vater von Thomas de Maizière, leitet die Führungsakademie der Bundeswehr im feinen Hamburg-Blankenese. Der neun oder zehn Jahre alte Sohn, jüngster von vieren, stromert in seiner freien Zeit über das weitläufige Gelände. Irgendwann kommt er am Sportplatz vorbei, wo die jungen Generalstabsanwärter Fußball spielen. „Da ich nicht mitmachen konnte, haben die mich gefragt, ob ich nicht den Schiedsrichter machen würde. Spaßeshalber natürlich, aber ich habe das sehr ernst genommen. Und ich habe es sehr gerne gemacht.“

Thomas de Maizière hat diese Episode jetzt dem Journalisten Stefan Braun für einen umfänglichen Gesprächsband erzählt. Man kann ihn sich gut vorstellen, den kleinen Jungen mit der dicken Brille, der mit ernster, aber gerechter Miene die Männer anpfeift. Seinen Spitznamen hatte er im Übrigen rasch weg: „Der kleine General“ haben sie ihn genannt, damals. Heute ist Thomas de Maizière der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt und steht 200 kleinen und großen Generälen und knapp 250.000 Bundeswehrangehörigen samt Zivilbeschäftigten vor.

Vor knapp zwei Jahren ereilte ihn der Anruf der Kanzlerin, ob er nicht für den zurückgetretenen Karl-Theodor zu Guttenberg das Verteidigungsressort übernehmen könne. Bendlerblock und Bundeswehr sollten endlich wieder zu Ruhe kommen nach der Aufregung um den „coolen Baron“ und seine abgekupferte Doktorarbeit.

Wenn Angela Merkel an einer Front Ruhe braucht, pflegt sie Thomas de Maizière zu schicken. Beide kennen sich seit dem Wendejahr in Berlin, als sie Sprecherin des Demokratischen Aufbruchs war und er seinen Vetter Lothar de Maizière, damals CDU-Vorsitzender im Osten, beriet. Nachdem er später zwei Mal ihr Angebot ausgeschlagen hatte, CDU-Generalsekretär zu werden, machte sie ihn 2005 zu ihrem Kanzleramtsminister, nach dem Wahlsieg von Schwarz-Gelb zum Bundesinnenminister.

Die zwei Schatten

Doch Verteidigungsminister? De Maizière zögerte, denn er fürchtete zwei Schatten. Den des Vorgängers zu Guttenberg, dieses begnadeten Selbstdarstellers und Blenders, der die Massen wie die Soldaten in den Bann zu ziehen vermochte. Selbst talentiertere Rhetoriker als de Maizière hätten sich schwer getan mit diesem Erbe.

Und er fürchtete den noch viel längeren Schatten seines Vaters: Ulrich de Maizière, Jahrgang 1912. Der hatte zunächst in der Wehrmacht gedient, ist in den letzten Kriegswochen im Führerbunker bei Adolf Hitler zur Lagebesprechung gewesen, wurde später einer der Väter der Bundeswehr und war bis 1972 Generalinspekteur. Er zählt zu den Erfindern des Konzepts der Inneren Führung – und war schon zu Lebzeiten eine Legende in der Bundesrepublik.

Die Geschichte vom Sohn, der in die großen Fußstapfen seines Vaters tritt, fand bereits der frühere Regierungssprecher Ulrich Wilhelm so attraktiv, dass er der Kanzlerin im Herbst 2009 vorschlug, de Maizière doch schon zu Beginn der schwarz-gelben Koalition ins Verteidigungsministerium zu schicken. Weil sich diese Geschichte so schön erzählen ließe. Mit einigen Monaten Verspätung wurde die Story im März 2011 dann wahr. Weil sich de Maizière trotz seiner Vorbehalte dem Wunsch Merkels fügte, so wie sich der preußische Pflichtmensch immer den Wünschen fügt, die „seine Kanzlerin“ an ihn heranträgt.

Und irgendwie schien sich wirklich ein Kreis zu schließen – vom Generalinspekteur zum kleinen General.

Statt Glamour gab es im Bendlerblock endlich wieder solides Regierungshandwerk, die Bunte berichtete seltener über das Verteidigungsministerium, die politische Presse wieder häufiger. Die Neuausrichtung der Bundeswehr wurde ins Werk gesetzt, der Abzug aus Afghanistan geplant. Alles ruhig, seriös – fast ein bisschen langweilig vielleicht, ganz wie es die Kanzlerin mag.

Doch im Augenblick erhält diese schöne Geschichte ein paar Kratzer. Denn Thomas de Maizière, diesem Mister Zuverlässig der schwarz-gelben Koalition, unterlaufen auf einmal ungewohnte Fehler. Nichts wirklich Schlimmes, aber in der Häufung auffällig.

Da reagieren Soldaten und Bundeswehrverband empört auf seine Äußerung, dass die Soldaten nicht so nach Anerkennung gieren sollten. De Maizière entschuldigt sich für die Wortwahl.

Da verärgert er den US-Verteidigungsminister Leon Panetta, weil er nach einer Nato-Sitzung in Brüssel völlig überhöhte Zahlen über die Größe des US-Kontingents nach einem Abzug aus Afghanistan nennt. De Maizière muss sich korrigieren.

Da bezeichnet er in der Debatte über den Einsatz von Kampfdrohnen Waffen als grundsätzlich „ethisch neutral“ und vergisst, dass der Einsatz von biologischen und chemischen Waffen geächtet ist. De Maizière widerruft.

Und da versäumt es sein Haus, eine Akte über den NSU-Attentäter Uwe Mundlos dem Untersuchungsausschuss zu übermitteln. De Maizière entschuldigt sich.

Der Pedant

Wie gesagt, nichts wirklich Schlimmes, absolut ungewohnt aber für Thomas de Maizière, dem der Ruf eines Pedanten anhaftet, spätestens seit er als eine seiner ersten Entscheidungen im Verteidigungsministerium einen 15-seitigen Erlass fertigte, der seine Beamten anwies, einen einheitlichen Zeilenabstand, Schriftgröße, Schrifttyp und Seitenrand für alle Vorlagen zu benutzen, die sein Büro erreichen.

Die Psychologen der Wochenzeitung Die Zeit diagnostizierten bereits, die Ursache für diese jüngste Reihe an Fehlleistungen sei darin zu suchen, dass De Maizière „der einsamste Mann von Berlin“ sei, weil sich außer ihm in der Bundesregierung niemand für Sicherheitspolitik und den Afghanistan-Einsatz interessiere.

Tatsächlich ist an dem Befund etwas dran. Der Verteidigungsminister ist das einzige Kabinettsmitglied, das seit Monaten beharrlich versucht, eine Debatte über die Sicherheitsinteressen Deutschlands in der Welt zu führen. Die Kanzlerin schweigt dazu beharrlich, der Außenminister wirkt wie so oft, als gehe ihn die Frage gar nichts an, und die Unions-Bundestagsfraktion ignoriert das Angebot ebenfalls geflissentlich. So muss De Maizière auf die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung ausweichen, um seine Thesen von einem selbstbewussteren und pflichtbewussteren Deutschland unter die Leute zu bringen.

Viel stärker als diese sicherheitspolitische Isolation dürfte de Maizière aber die Situation selbst zu schaffen machen. Politischen Gegenwind ist er in seiner Karriere eigentlich nicht gewohnt. De Maizière war lange Zeit im besten Sinne des Wortes ein Spitzenbeamter. Als Staatssekretär, als Leiter der Staatskanzleien in Schwerin und Dresden oder als Chef des Bundeskanzleramts hatte er stets noch eine Person über sich, hinter deren breitem Rücken er notfalls Windschutz suchen konnte. Er bereitete politische Entscheidungen vor. Sie politisch zu verkaufen und letztlich dafür gerade stehen, mussten andere. Dem Journalisten Braun gestand er, dass er ein Nest von Vertrauten um sich brauche und politische Intrigen schwer ertragen könne.

„Der Thomas de Maizière ist ein Regierungsingenieur“, sagt Franz Müntefering. Das klingt in seinem sauerländischen Dialekt genauso nett wie es gemeint ist. Es ist Montagvormittag, der Schnee liegt hoch in den Straßen von Berlin und Müntefering ist gekommen, um De Maizières Buch vorzustellen, das „Damit der Staat den Menschen dient“ heißt. Die Herren, der katholische Sozialdemokrat und der hugenottische Pflichtmensch, kennen und schätzen sich, seit sie miteinander in der großen Koalition zusammen gearbeitet haben. De Maizière sei einer gewesen, der dafür gesorgt habe, dass der Regierungsapparat funktionierte. „Unaufgeregt, aber entschlossen“, sagt Müntefering. In Zeiten von Schwarz-Rot musste der Wahl-Dresdner zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten vermitteln. Sein Verhandlungsrezept, so beschreibt er es selbst, bestehe unter anderem darin, dem politischen Gegner stets auch eine gesichtswahrende Lösung zu präsentieren.

Vom Organigramm her gedacht

De Maizière war so etwas wie ein wandelnder Vermittlungsausschuss, der unterschiedliche Interessen erkennen, Kompromisslinien ausloten und dann Vollzug an die Kanzlerin melden musste. Ein schwieriger Job, bei dem man sich persönliche Eitelkeiten kaum leisten kann. Auch das ist eine Erklärung dafür, warum es unter seinem Nachfolger Ronald Pofalla im Kanzleramt nicht gerade rund läuft.

Im Verteidigungsministerium nun geht es nicht um Kompromisse, sondern darum, weitreichende Linien vorzugeben, die Richtung zu weisen. Weniger Schiedsrichter, eher kleiner General. Und ausgerechnet jetzt unterlaufen de Maizière solche Fehler. Insbesondere der Anpfiff seiner Soldaten, sie sollten nicht so nach Anerkennung gieren, ist in der Truppe sehr schlecht angekommen. Die Stimmung ist ohnehin mies, viele Bundeswehrangehörige empfinden die „Neuausrichtung“ mit all ihren Unsicherheiten als große Belastung. Einheiten werden zusammengelegt, verkleinert oder ganz gestrichen, Dutzende Standorte werden geschlossen, und Tausende Soldaten und ihre Familien müssen umziehen.

Die ganze Reform sei zu technokratisch, werde zu sehr vom Organigramm her gedacht, heißt es in der Bundeswehr. „Wir Soldaten werden nicht mitgenommen“, dieser Vorwurf ist häufiger zu hören. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberst Ulrich Kirsch, wettert bei jeder sich bietender Gelegenheit gegen den Minister. Und die Gelegenheiten häufen sich.

De Maizière steht nahe bei John F. Kennedy

So sehr der Minister den Unmut und die Mechanismen des politischen Geschäfts nachvollziehen kann, recht verstehen mag er all diese Klagen nicht, weil sie so gar nicht passen zu seinem eigenen Verständnis vom Dienen. Da steht De Maizière nahe bei John F. Kennedy: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst. Klar, das wirkt ein bisschen altmodisch, ja spießig ? oder eben konservativ.

Denn ein Bürgerlicher, ein Konservativer ist Thomas de Maizière mit Haut und Haaren. Gerade erst hat er eine Urkunde von der CDU bekommen, für 40 Jahre Partei-Mitgliedschaft. Doch wirklich heimisch geworden in seiner Partei ist er nie. Obwohl in Bonn geboren und im Westen aufgewachsen, versteht er sich als Ostdeutscher. 1991 ging er in die Landesregierung nach Schwerin, acht Jahre später wechselte er in selbiger Funktion nach Dresden.

De Maizière erinnert sich noch sehr genau daran, wie triumphal und unsensibel zur Wendezeit der damalige CDU-Generalsekretär Volker Rühe und auch Bundeskanzler Helmut Kohl im Osten aufgetreten sind, wie sie seinen Vetter Lothar belächelt und als willigen Idioten beiseite geschoben haben nach der Wahl 1990. Von Respekt und Anstand, Werte, die ihm als Konservativem wichtig sind, war damals wenig zu spüren. So ganz verziehen hat Thomas de Maizière das seiner Partei bis heute nicht.

Umso erstaunlicher, dass sein Name seit ein paar Monaten immer häufiger in der Union fällt, wenn es um die Frage geht, wer nach dem Abgang von einstigen christdemokratischen Hoffnungsträgern wie Friedrich Merz, Roland Koch, Christian Wulff, David McAllister, Stephan Mappus oder Ole von Beust denn „Kanzler könne“, sollte Angela Merkel einmal nicht mehr wollen. Thomas de Maizière hat diese Spekulationen niemals selbst genährt, im Gegenteil. Doch er freut sich über die Anerkennung, die aus solchen Überlegungen spricht. Wobei der getreue Thomas stets sofort seine Loyalität gegenüber Angela Merkel bezeugt, was tatsächlich aufrichtig klingt.

Und doch präsentiert er, der Loyale, am Montag sein neues Buch ausgerechnet mit einem Sozialdemokraten, noch dazu mit einem ehemaligen Vizekanzler aus der großen Koalition. Ist das jetzt doch ein Zeichen? Rührt daher vielleicht die Nervosität de Maizières aus den vergangenen Wochen? Läuft sich hier jemand doch warm als möglicher Konsenskanzler für eine Neuauflage der großen Koalition nach der Bundestagswahl? Auf den Gedanken könnte man schon kommen.

Doch Franz Müntefering, ganz Polit-Profi, erstickt solche überschlauen Überlegungen im Keim. Er könne dem Buch in vielen Punkten zustimmen, sagt der SPD-Mann. Insbesondere in der Aussage, wie schwer es für den kleineren Partner in einer Koalition sei. Thomas de Maizière lächelt in diesem Moment sehr dankbar in Richtung seines Laudators. Klippe gut umschifft.

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