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Greta Thunberg wurde im Vorfeld als heiße Kandidatin für den Friedensnobelpreis gehandelt. Bekommen hat sie ihn aber nicht.

Greta Thunberg

Klatsche für die Zocker

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Wer den Friedensnobelpreis bekommt, hängt von vielen Faktoren ab – auch deswegen könnte Greta Thunberg leer ausgegangen sein

Bis unmittelbar vor der Vergabe an den äthiopischen Premier Abiy Ahmed lag die Klima-Aktivistin Greta Thunberg auf den Wettlisten für den Friedensnobelpreis haushoch in Führung. Das Ergebnis in diesem Jahr ist eine Klatsche für die Zocker. Warum hat nicht die 16- Jährige aus Schweden, die mit ihrem einsam begonnenen Schulstreik gegen unser aller Klima-Passivität in diesem Jahr die halbe Welt mobilisiert hat, den Preis bekommen? Diese Frage beschäftigte bei der Pressekonferenz im Osloer Nobelinstitut auch das Medienaufgebot vielleicht noch stärker als der tatsächliche Preisträger. „Wir kommentieren nie, wer den Preis vielleicht aus welchem Grund nicht bekommen hat. Und auch nicht die Gewinnquoten von Buchmachern,“ ließ die Komitee-Vorsitzende Berit Reiss-Andersen die journalistische Sehnsucht nach der ganz großen Schlagzeile am Freitag gelassen abblitzen.

Sie konnte sich darauf berufen, dass alle Verhandlungen des fünfköpfigen norwegischen Komitees unter „streng geheim“ laufen und das 50 Jahre bleiben. In diesem Fall also, bis Greta Thunberg 66 Jahre alt ist. Noch nicht mal die Namen der Nominierten erfährt die Öffentlichkeit vorher, sondern lediglich deren Gesamtzahl. Dass die Schülerin aus Stockholm, genau wie US-Präsident Donald Trump, zu den 301 Kandidaten dieses Jahres gehörte, ist nur wegen der Mitteilungsfreude der Vorschlagenden öffentlich bekannt. Berechtigt dazu sind unter anderem bisherige Nobelpreisträger sowie Mitarbeiter wissenschaftlicher Einrichtungen und Parlamentsmitglieder aus aller Welt. Vor allem letztere möchten in der Regel mit einer Nominierung sowohl Reklame für ihren jeweiligen Kandidaten wie nebenbei auch für sich selbst machen.

Über die Durchschlagskraft der Initiative entscheidet erst mal ein trockener Eingangsstempel: Schon am 1. Februar läuft die Nominierungsfrist für das jeweilige Jahr aus. Das bedeutet auch, dass für die zwei norwegischen Frauen und drei Männer mit der Entscheidungsgewalt Ereignisse und Aktivitäten von Kandidaten aus dem vorangegangenen Jahr das ganze große Gewicht haben. Greta Thunberg radelte als Klima-Aktivistin zum ersten Mal Ende August 2018 zum schwedischen Reichstag und hielt im September ihre erste Rede. Was man im Medienjargon den „internationalen Durchbruch“ nennt, vollzog sich für sie erst im Januar dieses Jahres mit dem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Das Alter spielt eine Rolle

Vielleicht also wirklich eine allzu kurze Zeit für die Juroren aus Schwedens Nachbarland? Als das Nobelkomitee 2014 die heute 22- jährige Malala Yousafzai für ihren Kampf um die Rechte von Frauen und Kindern auszeichnete, spielte auch das Alter schon eine gewichtige Rolle als möglicher Bremsklotz. Man habe intern intensiv diskutiert, dass der der Friedensnobelpreis als „lebenslange Verpflichtung“ zu einer gewaltigen Bürde werden könne, war aus Oslo zu hören.

Nichts spricht dagegen, dass das Komitee in zwölf Monaten dann doch auch bei Greta Thunberg zum selben Ergebnis kommt wie vor fünf Jahren bei Malala als jüngster Preisträgerin seit der ersten Vergabe 1901. Sie kann den Preis aufteilen und zugleich eine Organisation wie etwa die globale Schülerbewegung Fridays for Future auszeichnen. Genauso und auch schon als Pionierleistungen gegen die drohende Klimakatastrophe hatte das Komitee schon 2007 bei der Auszeichnung für den US-Politiker Al Gore und dem Weltklimarat (IPCC) als friedensstiftend ausgezeichnet, was als moderne Auslegung des Testaments von Preisstifter Alfred Nobels, verfasst 1895, nicht allen gefallen hat.

Aus den letzten zehn Jahren galten als Flop vor allem die beiden spektakulärsten Friedensnobelpreise: 2009 für den gerade ersten angetretenen US-Präsidenten Barack Obama als treibende Kraft für die Abschaffung der Atomwaffen und 2012 für die Europäische Union als erfolgreiches Projekt für Frieden, Demokratie und Menschenrechte. Obama fand die Auszeichnung sogar selbst fehlplatziert, weil (noch) unverdient. Auch der EU hat der Friedensnobelpreis wenig positiven Schub gebracht, um die Entwicklung der letzten Jahre noch freundlich zusammenzufassen.

Was Zocker nicht alles bedenken müssen. Vielleicht war es einfach Fürsorge der Komiteemitglieder im Alter zwischen 46 und 70 Jahren, dass sie sich dieses Jahr nicht für Greta Thunberg entschieden haben. Noch nicht.

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