Klare Fronten

Der demokratische Kandidat Kerry sucht mit einer Grundsatzrede über die Irak-Politik die Auseinandersetzung mit US-Präsident Bush

Von DIETMAR OSTERMANN (WASHINGTON)

War das der Befreiungsschlag? John Kerry hat vor der New Yorker Universität eine Rede gehalten, in der er seine Irak-Politik erklären wollte. Der Applaus ist noch nicht verebbt, da sucht der Kandidat mit verkniffenem Lächeln die Gesichter vor der Bühne ab. Hat er das Publikum überzeugt? Haben sie ihn verstanden? Noch vorige Woche, nach einem Interview, in dem Kerry wieder versuchte, seine komplizierte Irak-Position zu erläutern, hatte der populäre und dem Kandidaten wohlgesonnene Radiomoderator Don Imus die Zuhörer beschieden: "Ich weiß nicht, was er gesagt hat."

Diesmal hat Kerry weit ausgeholt. Hat ganz von vorn angefangen. Warum es richtig war, dem Präsidenten 2002 im Kongress die Kriegsvollmacht zu erteilen. Nur druckvolle Diplomatie habe Saddam Hussein dazu bringen können, die Waffeninspekteure wieder ins Land zu lassen. Und warum es trotzdem falsch war vom Präsidenten, diesen Blankoscheck zu einem "überstürzten Krieg zu missbrauchen". Statt dessen hätte man die Inspektoren ihren Job machen lassen, die Alliierten hinter sich scharen sollen. Ohne Massenvernichtungswaffen, hat Kerry gesagt, war Irak keine Gefahr für Amerika. Wäre er unter diesen Umständen und mit diesem Wissen in den Krieg gezogen? "Nein". Endlich jene klare Antwort, die sich viele Demokraten schon im August gewünscht hätten. Damals war er in Bushs Falle getappt mit der Erklärung, er hätte selbst dann für die Kriegsresolution gestimmt, wenn er gewusst hätte, dass Irak kein ABC-Arsenal besitzt. Das war grober Unsinn. Nun hat der Senator aus Massachusetts vollzogen, wozu ihn seine frischen Berater aus dem Clinton-Clan gedrängt haben: eine notwendige Kehrtwende in Sachen Irak.

Damit zumindest sind die Fronten jetzt klar: Bush hält den Krieg noch immer für richtig, Kerry für falsch. Aktuell will Bush in Irak Kurshalten, Kerry den Kurs wechseln - wenn auch der Vier-Punkte-Plan, den er in New York vorstellte, so radikal anders nicht ist und Kerry selbst gewaltige Fragezeichen setzt vor die in Aussicht gestellte Heimkehr der Truppen.

Es zählt zu den gewaltigen Ironien dieses hunderte Millionen Dollar verschlingenden Präsidentschaftsrennens, dass der Herausforderer erst sechs Wochen vor dem Urnengang erkannt hat, dass der mesopotamische Krieg für die Menschen im Land das wichtigste Thema ist. Die Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit, die Reform des Gesundheitswesens, die Staatsschulden - alle innenpolitischen Sorgen treten dahinter zurück. Irak hatte über Monate die Umfragewerte von Bush in den Keller gezogen, und Irak wurde auch zum Mühlstein für Kerry. Weil er unentschlossen wirkte, weil er sich herumschummeln wollte um klare Antworten, hatten sie sich von ihm abgewandt. Die jüngste Umfrage der New York Times weist den Flurschaden unbarmherzig aus: Sechs von zehn Befragte trauen Kerry nicht mehr zu, eine internationale Krise klug zu meistern. So einen wählt man nicht ins Weiße Haus.

Wenn George W. Bush über Irak spricht, dann nur in groben Zügen. Dann "marschiert die Freiheit" ins Zweistromland und die Demokratie "triumphiert". Dann hagelt es beißenden Spott für Kritiker und den angesichts wachsender Gewalt aberwitzigen Hinweis, die Entwicklung in Irak habe noch alle Schwarzmaler "widerlegt". Nach diesem groben Muster auch zerpflückte Bush noch vor seinem Auftritt vor den Vereinten Nationen am Dienstag die New Yorker Rede seines Herausforderers: "Er sagt, er bevorzugt die Stabilität einer Diktatur gegenüber den Hoffnungen und der Sicherheit der Demokratie." Was Kerry gesagt hatte, war, dass man wegen der Fehler Bushs einen Diktator gegen das Chaos tauschte, und dies der Sicherheit der USA geschadet habe.

Erklärung mit langem Atem

Freilich: Kerry muss man 47 Minuten konzentriert zuhören, um seine Position zu verstehen. Bush braucht zwei Sätze für seine Hurra-Parolen. Kerry muss die Brisanz der Lage in Irak klarmachen, ohne als egoistischer Miesmacher zu erscheinen. Und er muss seine Landsleute überzeugen, dass er den besseren Plan hat. Zumindest braucht er dringend eine ernsthafte Debatte über das wichtigste Thema. Bush muss sie vermeiden. Bislang ging das gut. Doch auch für den Amtsinhaber könnte die schönste Zeit im Wahlkampf vorbei sein. Seit dem Parteitag der Republikaner Anfang September vermied Bush jede inhaltliche Auseinandersetzung erfolgreich und behauptete einen maßvollen, aber eindeutigen Vorsprung in Umfragen. Diese Woche sollte eigentlich mit Bushs Auftritt vor den UN und dem Besuch des irakischen Ministerpräsidenten Iyad Allawi in Washington weiter kräftig am Bild eines sich unaufhaltsam Richtung Stabilität und Demokratie entwickelnden Irak gemalt werden.

Doch nicht nur die grausame Enthauptung des Truckfahrers Eugene Armstrong hinterlässt in den USA einen ganz anderen Eindruck. Vorige Woche bereits wurde bekannt, dass US-Geheimdienste für Iraks nähere Zukunft bestenfalls eine "fragile Stabilität" erwarten, schlimmstenfalls den Bürgerkrieg. Auch führende Republikaner fordern die Regierung auf, "ehrlicher" zu sein und die Probleme jetzt anzupacken. Dahinter steckt die Sorge, dass die für Januar geplanten Wahlen in Irak endgültig Illusion werden, sollten Rebellenhochburgen nicht unter Kontrolle gebracht werden. Noch gibt es keine Wahllisten, keine UN-Wahlbeobachter, keine Sicherheitspläne für tausende Stimmlokale. Alarmiert hat man in Washington zur Kenntnis genommen, dass selbst der für die Ausbildung der Sicherheitskräfte zuständige US-General David Patraeus nicht mal die Hälfte der Planstellen seines Hauptquartiers besetzen konnte.

Dossiers: Der Kampf ums Weiße Haus und Irak nach dem Krieg

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