+
Kirchentagspräsident Hans Leyendecker will der AfD kein Podium bieten. 

Kirchentag in Dortmund

Kirchentagspräsident Leyendecker: „Kein Podium für die AfD “

  • schließen

Kirchentagspräsident Leyendecker spricht zum Kirchentag in Dortmund mit der FR über christliche Werte und klare Haltungen gegen rechte Bewegungen. 

Das Reformationsjubiläum 2017 galt manchen als die letzte große Party des Protestantismus. Zeigt der Kirchentag in Dortmund, dass der Abgesang zu früh kam?
Dortmund wird zeigen, wie vielfältig und begeisterungsfähig der Protestantismus ist. Das Besondere des Kirchentags war immer die Verbindung von Glaubensfest und gesellschaftlichem Forum. Wer nach Dortmund kommt, wird Christen erleben, auch viele junge Christen, die fröhlich sind und ihren Spaß haben. Im Alltag, sagen mir manche, treffe man die so selten. Auf dem Kirchentag schon.

Wie sehr hängt das an der Größe? 100 000 Teilnehmer, 2400 Veranstaltungen – nur noch ein Zehntel davon und der Kirchentag wäre nicht mehr der Kirchentag, oder?
Man darf sich an großen Zahlen nicht berauschen, sich aber auch vor kleineren Zahlen nicht ängstigen. Den Fehler haben wir manchmal gemacht. Die Versuchung liegt nahe, angesichts der Prognosen schwindender Mitgliederzahlen in den Kirchen. Der Charakter eines großen Fests ist nicht abhängig davon, ob ein paar Tausend Teilnehmer mehr oder weniger kommen.

Lesen Sie hier über den Kirchentag in Frankfurt 2021

Es gab wie immer vor Kirchentagen Kritik am Programm …
Ach, Sie meinen bestimmt das „Vulven-Malen“. Ich habe mir mal erklären lassen, was das ist. Es geht in einem Workshop um die Wertschätzung der eigenen Körperlichkeit. Was spricht dagegen, wenn 30, 50 Leute so eine Veranstaltung gut finden und da hingehen? Ich verstehe ja journalistisch die Suche nach dem Abseitigen. Aber daraus eine Waffe zur Denunziation des ganzen Kirchentags zu machen, das halte ich für problematisch. Ich verteidige das Recht des Kirchentags auf Exotik, aber das Exotische allein steht nicht für den Kirchentag. Es gibt auch eine Veranstaltung „Schöner kommen. Zur Sexualität von Frauen“. Deshalb ist der Kirchentag aber doch keine Sexmesse, wonach ich allen Ernstes gefragt worden bin.

Kampf gegen die Mafia und den Faschismus

Was repräsentiert den Kirchentag?
Wenn am Donnerstagnachmittag überraschend der frühere Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, nach Dortmund kommt, dann ist das für mich typisch Kirchentag. Mit Orlando verbindet sich der Kampf gegen die Mafia und den Faschismus, der Einsatz für eine menschliche Gesellschaft, für die Aufnahme von Flüchtlingen. Das trifft sich mit den Impulsen, der die Kirchentage schon immer ausgezeichnet hat: Hinhören, hinschauen auf das, was die Menschen bewegt, und darauf reagieren.

Das wird Ihr persönliches Highlight?
Das darf ich so doch nicht sagen. Das ist ein bisschen so wie bei den eigenen Gören. Zu denen sage ich auch nicht, „du bist das Lieblingsenkelkind“. Ich freue mich riesig auf die Begegnung mit Leoluca Orlando. Aber ich finde es zum Beispiel auch gut, dass wir ein großes Podium zum Thema Konservatismus haben. Es ist ja ein krasses Missverständnis, den Kirchentag für links zu halten. Der Kirchentag ist vielmehr eine zutiefst konservative Veranstaltung, weil es ihm um Werte geht – konkret um die Werte, die wir der Bibel entnehmen. Da steht etwas vom Auftrag, dass Christen sich um die Schwachen und Erniedrigten kümmern oder die Schöpfung bewahren sollen. Das ist die Botschaft an uns. Und wir sind aufgerufen, sie selbst zu beherzigen und sie weiterzutragen.

Das könnte Sie auch interessieren: Rechte Christen? Schulterschluss von AfD und Identitären

Wie bewerten Sie nach der Europawahl Ihre Entscheidung, keine AfD-Funktionäre beim Kirchentag zuzulassen?
Das war richtig, und diese Einschätzung hat sich eher noch bestätigt. Es gab ja auch auf unserer Seite immer noch ein gewisses Zögern, eine Unsicherheit: Was ist denn das Klügere? Machen wir es richtig? Geben wir der AfD nicht wieder Gelegenheit, sich in die Opferrolle zu begeben? Ich glaube, inzwischen ist klar: Man kann Täter nicht zu Opfern machen. Die Radikalisierung der AfD ist weiter vorangeschritten. Zugleich verstärkt sich die Abwehr von Menschen, die sagen, „nicht mit uns“. Und deshalb glaube ich, es war und ist richtig, die Dramatisierungslogik nicht weiter zu bedienen, sondern der AfD zu sagen: „Schluss! Euren führenden Köpfen geben wir auf dem Kirchentag kein Podium.“

Sie sagten doch vorhin, das Hinschauen sei die Devise des Kirchentags. Die Wahlergebnisse der AfD etwa in Ostdeutschland können Ihnen nicht entgangen sein.
Anderswo ist es anders. Wo Kirche noch stark ist, wo christliche Werte noch zählen, da hat die AfD nicht viel zu melden. Schauen Sie mal ins Münsterland! Wo liegt da die AfD? Im Kreis Steinfurt zum Beispiel bei fünf, sechs Prozent. Aber es geht ja im Umgang mit der AfD auch nicht darum wegzuschauen.

Interview: Joachim Frank

Zur Person

Hans Leyendecker war bis 2016 Ressortleiter Investigative Recherche der „Süddeutschen Zeitung“. 2017 wurde der Journalist zum Präsidenten des 37. Deutschen Evangelischen Kirchentags gewählt – als Ersatz für Frank-Walter Steinmeier nach dessen Wahl zum Bundespräsidenten.


Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion