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Patriarch und Präsident der Ukraine verbünden sich gegen Russland.

Ukraine

Kirchenstreit ausgenutzt

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Der ukrainische Präsident umwirbt im Wahlkampf die neuen Orthodoxen.

Die Mienen des Staatschefs und des Kirchenfürsten waren feierlich wie die Chorgesänge. Gestern trugen der ukrainische Präsident Petro Poroschenko und Metropolit Epiphanius, das Haupt der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), gemeinsam eine Schriftrolle in die Kiewer Sophienkathedrale. Es war die Urkunde, laut der die OKU autokephal, also eigenständig, geworden ist. Am Vortag hatte der Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel das Dokument den beiden in Istanbul überreicht. Es ist ein Politikum, schon weil in der Ukraine Ende März Präsidentschaftswahlen anstehen. Und weil Amtsinhaber Poroschenko nach den jüngsten Umfragen mit 13,8 Prozent der Wählerstimmen noch immer 2,3 Prozentpunkte hinter seiner ärgsten Konkurrentin Julia Timoschenko zurückliegt.

Um aufzuholen, bemüht der frühere Schokoladenfabrikant seit Wochen den lieben Gott. So bezeichnete er die Autokephalie für die ukrainische orthodoxe Kirche als „großes historisches Ereignis, währenddessen Gott mit uns war, und wir mit Gott waren!“

Ein Politikum ist die Autokephalie aber auch, weil sie bedeutet, dass die UOK nicht mehr der Russisch-Orthodoxen Kirche unterstellt ist. Deren Moskauer Patriarch Kyrill schimpfte gestern über „absurdes Theater“. Und er warf Poroschenko nicht zu Unrecht vor, dieser missachte gegen alle europäischen Werte die Trennung von Kirche und Staat, mische sich grob und schamlos in das geistliche Leben ein. Tatsächlich klang es nicht nach Trennung von Kirche und Staat, als der ukrainische Metropolit Epiphanius sich in Istanbul öffentlich und artig für „die Unterstützung unseres Präsidenten“ bedankte.

Aber auch der Russe Kyrill ist bekannt für fehlende Distanz zur staatlichen Obrigkeit. So bezeichnete er Wladimir Putin vor den Präsidentschaftswahlen 2012 als den „Kandidaten mit den natürlich größten Chancen“. Und Proteste der Opposition kommentierte der Patriarch mit den Worten, die Gläubigen sollten beten, statt zu Demonstrationen zu gehen. Obwohl oder vielleicht weil die Orthodoxen von der Sowjetmacht mehr als 70 Jahre verfolgt und unterdrückt wurden, haben ihre Würdenträger eine politische Kultur entwickelt, die statt Zivilcourage Gehorsam gegenüber der staatlichen Obrigkeit vorsieht, in Russland wie in der Ukraine.

Die Autokephalie der Ukrainer ist auch deshalb ein Politikum, weil das Land schon 1991 unabhängig wurde, Moskau aber theologisch weiter die Oberhoheit in der Ukraine beansprucht. Kyrill bezeichnet die neue OKU als eine „Gruppe von Kirchenspaltern“, nennt die russlandtreue „Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOKMP) dagegen einen „gesegneten Organismus“. Und die Mehrzahl deren Würdenträger wettern jetzt gegen die kirchliche Eigenständigkeit des eigenen Landes, etwa der Erzbischof Kliment Wetscherja: „Nicht Patriarchen oder Präsidenten gründen Kirchen. Die Kirche hat Gott geschaffen. Und niemand besitzt das Recht, neue Kirchen zu gründen.“

Nach Kliments Logik wäre wohl schon die Trennung der byzantinisch-orthodoxen Kirche 1054 von der römisch-katholischen Kirche Ketzerei gewesen. Aber der Status quo, den er jetzt betonieren will, nutzt politisch vor allem Moskau.

Seit dem Anschluss der Krim an Russland 2014 befinden sich die Ukraine und ihr großer Nachbar im Zustand eines nicht erklärten Halbkrieges, an der Front im Donbas gibt es weiter wöchentlich mehrere Tote. Die moskautreue Geistlichkeit der UOKMP aber macht sich oft die Positionen Russlands zu eigen, das den Konflikt als rein ukrainischen Bürgerkrieg darstellt. So organisierte die UOKMP 2016 „allukrainische Friedensmärsche“ nach Kiew, die ein Großteil der Öffentlichkeit als prorussischen Propagandakreuzzug wahrnahm.

Und von mehr als tausend UOKMP-Gemeinden sind bisher nur 40 zur OKU übergewechselt. Je mehr Popen die Moskauer Linie halten, umso größer bleiben Russlands Einflussmöglichkeiten in der Ukraine.

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