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Die Initiative „Maria 2.0“ fordert ein Umdenken der katholische Kirche.

Kirchenstreik Maria 2.0

„Sie werden in Scharen austreten“

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Frauen in der katholischen Kirche fordern Gleichberechtigung. Sollte sich nichts ändern, droht der „lautlose Auszug“, befürchtet Agnes Wuckelt in der FR.

Die katholische Männerkirche gibt es schon eine Weile. Jetzt treten die katholischen Frauen in den Kirchenstreik. Was ist denn plötzlich los mit Ihnen?
Katholikinnen kritisieren seit Jahrzehnten die mangelnde Gleichstellung von Frauen in ihrer Kirche. Neu und aktuell drängend ist vielleicht dieses: Die noch aktiven Katholikinnen, deren Zahl ohnehin schwindet, nehmen es nicht mehr hin, dass die Kirche der einzige Raum sein soll, in dem sie mit ihrem Einsatz und ihren Kompetenzen am Ende immer in der Rolle der Nachrangigen und Nachgeordneten bleiben, abhängig von geweihten Männern, von Klerikern. Der von „Maria 2.0“ ausgerufene Streik ist ein Zeichen, eine Art letzter Weckruf von Frauen, die sagen: Ich kann in dieser Kirche nur bleiben unter der Bedingung von Gleichberechtigung.

Und wenn er ungehört verhallt?
Noch sind wir lautstark. Danach aber, so fürchte ich, folgt der lautlose Auszug – und ich sage voraus: in Scharen.

Aber es wollen doch nicht alle Frauen Priesterinnen werden.
Es geht ja auch nicht nur um die Weiheämter. Es geht um die Teilhabe an Entscheidungen und um Verantwortung, die nicht bloß eine von geweihten Amtsträgern delegierte ist. Es stimmt auch, dass Frauen nicht für jede Aufgabe in der Kirche eine Weihe brauchen. Aber selbst in den Führungsposten, die nicht Klerikern vorbehalten sind, sind Frauen in der katholischen Kirche immer noch dramatisch unterrepräsentiert. Mehr als die Hälfte der Gläubigen sind Frauen. In Führungsämtern kommen sie maximal zu einem Fünftel vor, im Klerus – gar nicht. An der Weihe für Frauen führt in einer Kirche, die vom Engagement der Frauen lebt, schon deshalb kein Weg vorbei, weil alles, worum es in der Kirche und im Glauben zentral geht, an das Weiheamt gebunden ist. Und das reservieren die Männer für sich.

Und das muss sich ändern?
Unbedingt. Die Kirchenleitung muss sich bewegen, sonst hat die Kirche die Frauen in Kürze verloren. Wir Frauen müssen jetzt aber auch aufpassen, dass wir die Weihe – wenn sie denn käme – nicht im Sinne eines Lückenbüßertums verstehen. Frauen sollten nicht einfach die fehlenden Männer als Klerikerinnen ersetzen wollen. Das wäre nur die Fortsetzung eines alten Systems. Geweihte Frauen müssten also genügend Stärke und Rückhalt haben, einen generellen Wandel in der Kirche zu initiieren und voranzutreiben, weg vom Klerikalismus und anderen verkrusteten Strukturen. Kritiker sagen, mit geweihten Frauen wäre die katholische Kirche nicht mehr die katholische Kirche. Darauf entgegne ich: Ja, ganz genau! So ist es, und so soll es sein. Die Kirche muss sich ändern. Da liegt aber noch viel Arbeit vor uns.

Sie würden also nicht gehen?
Ich habe mir in der Kirche meine Position erkämpft, auch beruflich, und gehöre insofern zu den Privilegierten. Das sehe ich für mich persönlich als Verpflichtung, dranzubleiben.

Kurienkardinal Walter Kasper gibt zu bedenken, der Ruf nach der Weihe für Frauen sei eine mehr oder weniger rein deutsche Angelegenheit. Ist da etwas dran?
Wir Frauen in Europa haben gewiss andere Möglichkeiten, unsere Forderungen nach Teilhabe theologisch und politisch zu artikulieren, als in anderen Teilen der Welt. In Lateinamerika etwa kommen die Frauen von der Praxis her. Faktisch tragen und leiten sie dort die Gemeinden. Ein geweihter Mann kommt dort vielleicht einmal im Jahr vorbei. Solche Erfahrungen heben wir in Europa noch einmal auf die grundsätzliche Ebene der Kirchenverfassung. Ich glaube aber, dass die Katholikinnen, die jetzt symbolisch in den Kirchenstreik getreten sind, ganz nah bei ihren Schwestern in Lateinamerika sind: Auch sie erleben sich im Ehrenamt zwar als unverzichtbar. Aber sie haben es dann immer mit Priestern zu tun, die das Sagen haben.

Zur Person 

Agnes Wuckelt ist Theologin und stellvertretende Bundesvorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD). 

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